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Die Technische Hochschule Graz im Dritten Reich#

Von Hans-Peter Weingand


Zur Entwicklung zwischen 1938 und 1945#


Kundgebung vor dem Hauptgebäude
Kundgebung vor dem Hauptgebäude der Technik unmittelbar nach dem "Anschluss"
(Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)

Am 12. März 1938 - Österreich war von Deutschen Truppen besetzt und sollte am nächsten Tag kein selbständiger Staat mehr sein - wurde an der Technik in Graz im Rahmen eines Festaktes die Hakenkreuzfahne gehisst und über dem Eingang der "Alten Technik" in der Rechbauerstraße eine Inschrift angebracht: "Die erste nationalsozialistische Hochschule des Deutschen Sprachgebietes grüßt ihren Führer!"


Diese Behauptung wurde mit den studentischen Wahlen des Jahres 1932 argumentiert und ist als massive Geschichtsklitterung zu sehen. Denn in Wirklichkeit hatte sich der NS-Studentenbund (NSDStB) an der Grazer Technik niemals einer Wahl gestellt. Sehr wohl hatte diese Parteiorganisation bei den Wahlen zur "Deutschen Studentenschaft" - eine zwar gesetzlich nicht verankerte, aber praktisch anerkannte Studentenvertretung auf deutsch-arischer Grundlage - auch in Österreich durchaus beachtliche Erfolge erzielt.


Der NSDStB war z. B. 1931 an der Universität Wien stärkste Fraktion, stellte an der Veterinärmedizinischen Hochschule, an der Hochschule für Bodenkultur und an der Hochschule für Welthandel die absolute Mehrheit und verfehlte sie an der TH Wien nur knapp. In Graz wurde von den traditionellen deutschnationalen und antisemitischen Kräften in den Korporationen (Burschenschaften usw.) der NS-Studentenbund noch in den 30er Jahren als lästige Konkurrenz betrachtet, was u. a. dazu führte, dass eine Kandidatur an der Technik verhindert werden konnte.


Tatsächlich hatte an dieser Hochschule 1928, 1929 und 1930 nur eine "Völkische Liste" kandidiert, der natürlich alle Mandate zugefallen waren. Erst durch eine Vereinbarung im Sommer 1932 über künftige gemeinsame Kandidaturen der "wehrhaften Korporationen" und des NSDStB wurde eine Listeneinheit konstruiert, die sechs Jahre später derart interpretiert werden konnte, dass die Technische Hochschule Graz zur Gänze nationalsozialistisch gewesen sei.



Zur Vorgeschiche: Im Ständestaat#

Dass wichtige ideologische Elemente des Nationalsozialismus, so etwa Antisemitismus, deutsche Volksgemeinschaft usw., gerade unter den Grazer Studierenden schon in den frühen 30er Jahren mehrheitsfähig waren, soll durch obige Feststellungen nicht bestritten werden. Im Juni 1933 waren in Österreich die NSDAP und auch der NS-Studentenbund verboten worden, auch die "Deutsche Studentenschaft" (DSt) wurde aufgelöst. Dennoch waren es die deutschnationalen Studenten, die in den Hochschulen den Ton angaben und deren Willen sich auch die Rektoren nicht entziehen konnten. Nach Krawallen an der Universität Wien im Mai 1933 konnte die DSt bei Rektor Robert Engel erreichen, dass die Technik "zum Zeichen des Protestes" gesperrt wurde; gegenüber dem Unterrichtsministerium wurde diese Maßnahme mit der Notwendigkeit argumentiert, "folgenschwere Demonstrationen" zu vermeiden. Solche gab es auch in Graz: Als die Professoren der Universität auf die Regierung Dollfuß vereidigt werden sollten, sperrten am 12. Juni 1933 "Studentenmassen" die Universität, blockierten die Türen und hissten auf dem Dach die Hakenkreuzfahne.

Ansichtskarte
Deutscher Gruß aus Graz, Ansichtskarte aus 1901 (Sammlung J.W. Wohinz)


Der Rektor der Grazer Universität, Hans Benndorf, schätzte im November 1933, dass von den rund 3.000 Studierenden der beiden Grazer Hochschulen höchstens 30% der katholischen und 70% der national gesinnten Studentenschaft angehören würden. "Drohungen und selbst harte Strafen", so Benndorf in einem Brief an Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, seien "als Abschreckungsmittel unwirksam": Viele der deutschnationalen Studenten, die den katholischen Ständestaat noch weit mehr hassten, als die mittlerweile beseitigte demokratische Erste Republik, würden "vor keinem Opfer zurückscheuen und erfüllt von einer förmlichen Sehnsucht nach Märtyrertum selbst ihr Leben auf´s Spiel setzen, wenn sie glauben, dies ihren Idealen darbringen zu müssen."

Mangels eines Gegenpols aus dem katholischen Lager war die Lage an der Technik in Graz noch extremer, da hier ohnehin nur die "völkischen" Studenten den Ton angaben. Dies war noch 1932 von Rektor Engel als "günstig" bewertet worden, da es dadurch zwischen den Studenten nicht zu Auseinandersetzungen kommen könne.


"Mehr als die in der nivellierenden Atmosphäre Wiens gelegenen Hochschulen werden besonders die beiden Grazer Hochschulen ... als deutscher Boden bewußt empfunden. ... Die Grazer Technische Hochschule ist auf deutsches Pflichtbewusstsein und auf deutsche Arbeit eingestellt", schrieb 1925 Rektor Alexander Tornquist - und dies dürften praktisch alle Lehrenden auch so empfunden haben. Bereits 1933 waren einzelne Mitglieder des Professorenkollegiums, eine Reihe von Dozenten und Assistenten NSDAP-Mitglieder, doch im Gegensatz zu anderen Hochschulen, etwa der Universität Graz, wurde im "Ständestaat" kein einziger Nationalsozialist von der Grazer Technik entfernt. Auch exponierte Nationalsozialisten verblieben in ihren Funktionen, so Armin Dadieu oder Adolf Härtel, die beide 1933 sogar Mitglieder der NSDAP-Gauleitung waren.

Wandzeichnung
Wandzeichnung in einem Architektenzeichensaal aus dem Jahr 1936 (Archiv F. Allmer)

Härtel wurde im Studienjahr 1933/34 sogar Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Elektrotechnik und nach dem "Anschluß" Rektor. Es darf vermutet werden, dass die Ministerialbürokratie Lehrende an (scheinbar) "nicht ideologischen" Hochschulen (im Gegensatz etwa zu Juristen oder Geisteswissenschaftern) ziemlich schonte, auch dürften hochschulinterne Interventionen ausgeblieben sein. Wie verfehlt jedoch die Annahme wäre, die "Techniker" seien einfach "unpolitisch" gewesen, zeigt die Tatsache, dass man sich an der Technik in Graz völlig einig war, daß Alfons Leon, Professor für mechanische Technologie, die Hochschule verlassen mußte. Nach jahrelangem "Mobbing" war 1934 das Ziel erreicht: Leon wurde in den Ruhestand versetzt - und damit der einzige sozialdemokratische Hochschullehrer, den es damals in Graz überhaupt gab, entfernt.


Auch akademische Karrieren entwickelten sich offensichtlich ohne größere Brüche. Karl Lindner, nach dem "Anschluß" der Dozentenbundführer an der Technik, schrieb 1938, dass sich die nationalsozialistischen Lehrenden 1936 verstärkt organisierten, gar eine "Spitzengruppe" bildeten, "welche die Führung der Hochschule in allmählich immer steigendem Maße in die Hand nahm."

NS-Engagement brachte wohl einen gewissen Karriereschub für Assistenten: Die Zahl der Dozenten/Lehrbeauftragten der Grazer Technik erhöhte sich vom WS 1937/38 zum WS 1939/40 durch 17 Neuzugänge unter Berücksichtigung der Abgänger von 36 auf 45. Von diesen 17 neuen Dozenten/Lehrbeauftragten waren nur drei echte Neuzugänge, sieben waren früher Assistenten, wobei es bei diesen zehn Personen auffallende Parallelen mit der Liste der Funktionäre des NS-Dozentenbundes (NSDDB) der Grazer Technik gibt. Daß dieser Weg der akademischen Karriere jedoch keineswegs nach der NS-Machtübernahme sprunghaft einsetzte, zeigt andererseits die Tatsache, daß von den sieben Assistenten sechs und von den drei Neuzugängen bereits zwei sich vor dem "Anschluß" habilitiert hatten bzw. deren Habilitierung bereits eingeleitet war.


Die im Ständestaat gesetzten Maßnahmen an den Hochschulen griffen an der Technik in Graz kaum bzw. wurden massiv abgelehnt. Bei den 1935 eingeführten Pflichtvorlesungen über "weltanschauliche und staatsbürgerliche Erziehung" kam es oft zu Krawallen, dass die Polizei eingreifen musste. "Die Technische Hochschule glich einer Propagandazentrale", schrieb 1938 der NS-Studentenführer Sepp Held: "Zeichenladen waren vollgefüllt mit Propagandamaterial, Plakate wurden gemalt, Stink- und Tränengasbomben und Böller erzeugt."


Massiv abgelehnt wurde auch die Vereinigung mit der Montanistischen Hochschule Leoben im August 1934, eine Maßnahme, die im April 1937 wieder rückgängig gemacht wurde. "Als Sparmaßnahme" begründet wird die Bildung der "Technischen und Montanistischen Hochschule Graz-Leoben" von Zeitzeugen als Versuch gewertet, die beiden als "braun" bekannten Hochschulen besser kontrollieren zu können. Rektor Adolf Härtel wertete diese Maßnahme 1938 jedenfalls als "Exzess des politischen Katholizismus", der die Technik in Graz, "die als nationales Bollwerk galt", unter die Räder bringen sollte.


Vor allem die Ereignisse im Februar und März 1938 zeigen deutlich, dass die Grazer Hochschulen sich allen behördlichen Maßnahmen entziehen konnten. In Graz, der "Stadt der Volkserhebung", kam es zu NS-Manifestationen, die in anderen Städten wohl (noch) nicht möglich gewesen wären.

Nach dem "Berchtesgadener Abkommen" vom 12. Februar 1938, durch das vom Deutschen Reich eine Regierungsbeteiligung von Nationalsozialisten in Österreich erzwungen wurde, kam es in Graz zu großen NS-Kundgebungen. Der NSDStB agierte im Rahmen einer eigenen "SA-Standarte 27" und führte trotz aller Verbote am 22. Februar vor der Universität und der Technik Kundgebungen durch, bei der Studenten mit Hakenkreuzarmbinden praktisch die beiden Hochschulen besetzt hielten. Die Regierung ließ am 25. Februar die Grazer Hochschulen schließen. Zwei Tage vorher war die Beflaggung aller Bundesgebäude angeordnet worden, doch die Stimmung an den Hochschulen war derart, dass selbst das Ministerium "in Erwägung der besonderen Situation in Graz" den Hochschulen gestattete, trotz strikter Weisung auf die Hissung der Kruckenkreuzfahne als Symbol der "Vaterländischen Front" zu verzichten.


Der "Anschluß" Österreichs#

Am 12. März war der "Anschluß" vollzogen. Zu Mittag fand eine Sitzung des Professorenkollegiums statt, bei der Rektor Friedrich Zotter "die Herren Professoren und Dozenten in feierlicher Stunde unter Hinweis darauf, dass Österreich ein Bestandteil des Deutschen Reiches geworden ist", begrüßte:

"Er dankt dem Führer der nationalsozialistischen Bewegung ADOLF HITLER, dass er das österreichische Volk zu seinen deutschen Brüdern zurückgeführt hat."

Kundgebung
Kundgebung aus Anlass des "Anschlusses" am 13. März 1938 im Stiegenaufgang des Hauptgebäudes (Archiv H.P. Weingand)

Am 14. März wurden Telegramme abgesandt: "Lehrer und Studenten der Technischen Hochschule Graz bitten ihren Führer, tiefbewegten Dank entgegenzunehmen. Der Rektor." Der "Statthalter von Steiermark", Armin Dadieu, wurde "in kollegialer Verbundenheit" beglückwünscht, Bundeskanzler Seyß-Inquart die „Versicherung vorbehaltsloser stets einsatzbereiter Gefolgschaft" entgegengebracht, dem neuen Unterrichtsminister, Oswald Menghin, mitgeteilt, dass "die Professoren und Dozenten der Technischen Hochschule Graz ... in freudigster Erregung ... an der Heimkehr von Heimat und Volk in den Schoß unseres Muttervolkes" teilnehmen. Nun konnte auf allen Ebenen die Gleichschaltung beginnen.


Noch am 13. März 1938 wurde die Wiedererrichtung der (1933 aufgelösten) "Deutschen Studentenschaft" proklamiert, deren Leitung vom NSDStB übernommen wurde. Am folgenden Tag wurde der NSDStB Österreichs als "Bereich Südost" offiziell in die Reichsstrukturen eingegliedert. Die Inskriptionszulassung war an die Bewilligung des NS-Studentenführers der jeweiligen Hochschule gebunden, der "Einspruch" erheben konnte. Die Säuberung der Studierenden aus politischen und rassischen Gründen setzte ein. Statistische Vergleiche über den Rückgang der Studierendenzahlen lassen einige aufschlussreiche Folgerungen zu:


Das Absinken der HörerInnenzahlen vom WS 1937/38 auf das WS 1938/39 war an den steirischen Hochschulen geringer als an den vergleichbaren Wiener Hochschulen: An der Universität Graz sank die Zahl 1938/39 auf 69,7% des Standes von 1937/38 (2015 auf 1404). Die HörerInnenzahl sank dagegen an der Universität Wien auf 58,3% (9180 auf 5351). An der TH Graz sank die Zahl auf 84,6% (von 481 auf 407), an der TH Wien dagegen auf 73,0% (von 1763 auf 1287). Äußerst gering war der Rückgang an der MHS Leoben: 91,2% (von 137 auf 125).


Vereidigung der Lehrenden
Vereidigung der Lehrenden auf den Führer im Amtszimmer des Rektors am 21. März 1938 (Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)
Für die steirischen Hochschulen ist das Absinken der HörerInnenzahlen nur in einem geringen Ausmaß auf den Ausschluß jüdischer Studierender zurückzuführen. Antisemitische Aktionen auf Grazer Hochschulboden stellten in den 30er Jahren praktisch einen "Antisemitismus ohne Juden" dar. Ihre Zahl war gering und von einer "Bedrohung" durch "rassenfremde Elemente" konnte gar keine Rede sein. Setzt man die absolute Anzahl der Studierenden mit "israelitischem Religionsbekenntnis" in Relation zur Differenz der HörerInnenzahlen zwischen 1937/38 und 1938/39, dann erhält man für die Universität und die TH Wien den Wert 38, für die Universität Graz den Wert sieben und für die Technik in Graz gemeinsam mit der MHS Leoben den Wert neun. Die Ausschließung jüdischer Studierender würde somit für die genannten Wiener Hochschulen ca. 40% des HörerInnen-Rückganges erklären, an den steirischen Hochschulen jedoch nur ca. 10%! Schon vor dem "Anschluß", im WS 1937/38, hatte es an der Universität Graz nur 37 und an der Grazer Technik nur sechs jüdische HörerInnen gegeben, was auch Rückschlüsse auf das Klima an den Grazer Hochschulen zuläßt.


Nach dem "Anschluß" bedauerten die Statistiker, dass nur die "Glaubensjuden" und nicht die "Rassejuden" statistisch erfasst seien: "Der Prozentsatz der Rassejuden wäre - zumal bei Einbeziehung der Mischlinge - ein wesentlich höherer." Deshalb wurden bereits ab März 1938 bei einer "allgemeinen Durchmusterung aller deutschblütigen Hochschüler" durch das "Reichsstudentenwerk" auch die sogenannten "Mischlinge" (im Sinne der Nürnberger Gesetze mit „Ariernachweis" bis zur Großelterngeneration) erfasst: Von ca. 14.000 Studierenden wurden 2% als „Mischlinge“ qualifiziert, von diesen 279 erfaßten Personen studierten sechs in Innsbruck und fünf in Graz.


Die geringere "Säuberungsrate" an den steirischen Hochschulen korrespondiert mit einem hohen Organisierungsgrad in der "nationalsozialistischen Bewegung". Die auf den Erhebungen des "Reichsstudentenwerkes" beruhende Statistik weist die Ergebnisse jedoch nur nach Hochschultypen aus: Spitzenreiter war die MHS Leoben mit einem Organisierungsgrad der Studierenden von 86,0%. An den Technischen Hochschulen (Wien und Graz) betrug der Anteil 70,3%, an den Universitäten (Wien, Graz und Innsbruck) dagegen nur 55,6%. Dass der Organisierungsgrad an den Grazer Hochschulen über dem Durchschnitt lag, ergibt die Auswertung nach der regionalen Herkunft der Studierenden: Nach "Gauen" gegliedert führt die Steiermark mit einem Organisierungsgrad von 62% die Liste deutlich an, dann folgt Wien und Kärnten mit 59%, in Tirol und Vorarlberg betrug der Anteil dagegen "nur" 38%.


Nach dem "Anschluß" wurde die Gemeinschaft der Lehrenden in die NSD-Dozentenschaft eingegliedert, die unter der alleinigen Führung des NS-Dozentenbundes - wie der NSDStB eine Parteiorganisation - stand. Der Dozentenbundführer der Grazer Technik, Dozent Karl Lindner, wurde mit der Vorbereitung sämtlicher Personalanträge betreffend Einstellung, Weiterbestellung und Neubesetzung beauftragt. Gleichzeitig wurden die Hochschulen straff organisiert, der "Rektor als Führer" installiert. Im diesbezüglichen Erlaß vom 20. Juli 1938 heißt es: "Eine Abstimmung in den Kollegien findet nicht mehr statt."



Friedrich Zotter
Friedrich Zotter: Rektor bis zum 16. März 1938 (Porträt v. Fritz Silberbauer; Foto: H. Tezak)

An der Technischen Hochschule in Graz verlief der Machtwechsel wesentlich unspektakulärer als an der Universität Graz. Dort war noch am 13. März Rektor Josef Dobretsberger abgesetzt worden, während an der Technik Rektor Friedrich Zotter noch am 21. März sämtliche Professoren und Bedienstete auf den "Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler" vereidigte.

Nur der Mathematiker Bernhard Baule fehlte, er war kurz nach der Annexion verhaftet worden. Dessen beschlagnahmte Korrespondenz wurde für die Begründung der Auflösung katholischer Studentenverbindungen herangezogen und gegen ihn ein Verfahren wegen "Landesverrat" angestrebt, da er als Staatsbürger des Deutschen Reiches gegen den Nationalsozialismus gehandelt habe.


Baule wurde im April 1938 beurlaubt, im Mai in den Ruhestand versetzt, dann aber nach 18 Monaten Haft über Intervention des "Kaiser-Wilhelm-Institutes" in Berlin freigelassen, um sich "kriegswichtigen" Arbeiten widmen zu können, an einer Institution, die damals eine Stütze der traditionellen, nur beschränkt nationalsozialistisch infizierten Naturwissenschaft darstellte. Bernhard Baule kehrte 1945 nach Graz zurück, wurde mit 1. September wieder Ordinarius und im Dezember (zunächst geschäftsführend) Rektor der Grazer Technik.

Zwei Tage nach der Eidleistung wurde Gustav Jantsch, Professor für allgemeine und anorganisch-chemische Technologie, verhaftet und im April 1938 beurlaubt. Jantsch, der sich als Mitglied der von den Nationalsozialisten aufgelösten Rotariervereinigung einer international orientierten Wissenschaft verbunden fühlte, legte im Mai zunächst Einspruch gegen seine Beurlaubung ein, übermittelte im August jedoch ein Ansuchen um Versetzung in den dauernden Ruhestand. Während des Krieges, 1944, wieder für "kriegswichtige Forschung" eingesetzt, wurde Jantsch im September 1945 abermals Ordinarius und im November Dekan der Fakultät für Chemie.

Hier ist wieder ein Vergleich mit anderen Hochschulen angebracht: An der Universität Graz wurden - ohne Berücksichtigung der Theologischen Fakultät, die mit 1. April 1939 aufgelöst wurde - von 36 Ordinarien elf und von zwölf Extraordinarien drei entlassen, das entspricht bei den Professoren einer Entlassungsrate von fast 30%. Hinter diesen nackten Zahlen verbergen sich gleich drei Nobelpreisträger: Viktor Franz Hess (1936 für Physik), Otto Loewi (1936 für Medizin) und Erwin Schrödinger (1933 für Physik). An der Grazer Technik wurden zwei von 27 o. bzw. ao. Professoren (unter 8%) enthoben. An der MHS Leoben scheint für die neuen Machthaber dagegen keine einzige Enthebung notwendig gewesen zu sein.

Adolf Härtel
Adolf Härtel: Ernannt als Rektor ab 1. November 1938 (Foto: Archiv H.P. Weingand)
Rektor Friedrich Zotter legte sein Amt am 26. März nieder und wurde offensichtlich einige Tage von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen. Zotter blieb jedoch Professor an der Grazer Technik und war 1945 einer der ganz wenigen, die nie NSDAP-Mitglied geworden waren. Am 2. April legten - routinemäßig in der "Ostmark" - sämtliche akademischen Funktionäre ihre Ämter zurück und am selben Tag wurde das Unterrichtsministerium um Genehmigung eines Vorschlags "für die kommissarische Führung der Hochschule" gebeten.

Mit einer Ausnahme sollten Pg´s (Parteigenossen) die Funktionen übernehmen: "Rektor: Pg. Prof. Dr. techn. Adolf Härtel, Stellvertreter: Pg. Prof. Dr. techn. Josef Krames. Dekane: Fak. f. Bauingenieurwesen: Pg. Prof. Dr. Ing. e. h. Franz Brunner, Fak. f. Architektur: Pg. Prof. Ing. Friedrich Jäckel, Fak. f. Maschinenbau: Prof. Ing. Karl Koller, Fak. f. Chemie: Prof. Dr. Reinhard Seka, Fak. f. Angewandte Math. u. Physik: Pg. Prof. Dr. techn. J. Krames."

Härtel wurde im Mai erwartungsgemäß mit der Funktion des Rektors betraut und mit 1. November 1938 offiziell vom "Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung" im Sinne des Führerprinzips ermächtigt, "einen neuen Prorektor und neue Dekane der Fakultäten in meinem Namen zu ernennen."


Parallel zu diesen Maßnahmen wurden in den ersten Wochen nach den "Anschluß" noch einige propagandistische Aktionen gesetzt. Am 7. April 1938 wurde in einer Sondersitzung des Professorenkollegiums erwogen, den Leiter des Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Technik (NSBDT), Fritz Todt, "durch Verleihung des Ehrendoktors oder Ehrenbürgerrechtes" zu ehren. Die Ehrenbürger-Urkunde wurde "dem genialen Erbauer der Straßen Adolf Hitlers" am nächsten Tag überreicht. Todt, ab 1940 auch Reichsminister für Bewaffnung und Munition, weilte damals in Graz, um als Propagandist für die Volksabstimmung am 10. April zu wirken, und sprach an der Technik „zur Studentenschaft beider Grazer Hochschulen". Am 20. April schließlich wurde "Führers Geburtstag" im "ganz besonderen" Glanz begangen - und in dieser Zeit die Technik derart überreichlich geschmückt, dass sich die Landeshauptmannschaft weigerte, die exorbitant hohen Kosten für Fahnen usw. zu begleichen.


Studentische Ehrenwache
Studentische Ehrenwache vor der Gedenktafel für Alois Riedler im Stiegenaufgang der Neuen Technik (Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)

Für die Studierenden war in der Folge der "Nachweis der arischen Abstammung" zu erbringen, die "neueingetretenen Hörer" versammelten sich am 17. Dezember 1938 erstmals unter Hakenkreuzfahne und Führerbild zur "Angelobung" bei einem "Betriebsappell". Die "körperliche Erziehung" wurde an die Spitze der Erziehungsarbeit gestellt, Hauptgewicht auf "gemeinschaftsfördernden Mannschaftsssport" gelegt. Ebenfalls wichtig war Kleinkaliberschießen in der Grundausbildung, regelmäßige Teilnahme war für die Zulassung zum nächsten Semester bindend und für die ersten drei Semester Pflicht. Das "Reichsstudentenwerk" stellte sich das Ziel, die "Heranführung besonders begabter Arbeiter- und Bauernsöhne" an die Hochschule zu erreichen, wobei Unterstützungen natürlich nur jenen zukamen, "die sich im Dienst der HJ, SA, SS, Arbeitsdienst usw. bewährt haben". Der Ideologie zum Trotz ist jedoch der Hochschulstatistik des Dritten Reiches zu entnehmen, dass der Anteil der Studierenden aus mittleren und unteren Schichten zwischen 1933 und 1941 um fast 10% zurückging. Entgegen aller Propaganda nahm sogar der Anteil von Studierenden aus Akademikerfamilien von 25% (1933) auf 29,4% (1939) zu. (Untersuchungen aus Göttingen für das WS 1935/36 zeigen z.B., dass von der Hochschulförderung mehr Akademiker- als Arbeiterkinder profitierten und über die Hälfte der Förderungen an Kinder aus dem neuen Mittelstand verteilt wurden.) Weitere Förderungsbedingung war die Mitgliedschaft in einer Kameradschaft des NSDStB, von denen es an der Grazer Technik 1940/41 vier bzw. 1944/45 sieben gab, wobei hier die Traditionen der sich 1938 freiwillig selbst aufgelösten Burschenschaften und deutschnationalen Verbände weiter gepflegt wurden. So firmierte, um nur ein Beispiel zu nennen, die Kameradschaft "Narvik" als "ehem. Sängerschaft Gothia".


Die nationalsozialistische Hochschulplanung in den 30er Jahren (z.B. 1933 Beschränkung der Immatrikulation von Frauen auf 10% der Zahl der männlichen Abiturienten mit Studienberechtigung, 1934 numerus clausus für über die Hälfte aller Abiturienten usw.) hatte bis 1938 praktisch zu einer Halbierung der Studierendenzahlen geführt. Diese Maßnahmen wurden, bereits vor dem Krieg, als Fehlplanung erkannt, da es akut an akademischen Nachwuchs mangelte. Weil die Luftwaffe nicht genug Techniker bekommen konnte, erließ das Wissenschaftsministerium schon 1936 einen Aufruf "Deutschland braucht tüchtige Ingenieure!", wobei sich ab 1937 an den Technischen Hochschulen ein Aufschwung abzeichnete. Der "Verein Deutscher Ingenieure" (VDI) schätzte 1938 den Fehlbedarf an Ingenieuren für Ende 1939 auf 18.000, für 1942 auf 30.000. Unter dem Motto "Jugend, die Technik ruft euch!" startete der NS-Technikerbund eine Werbekampagne. Zusätzlich wurde 1939 (bis 1941) das Studienjahr in Trimester eingeteilt, um die Studienzeit zu verkürzen, und die Regelstudienzeit auf sieben Semester beschränkt. Nun stiegen auch in der "Ostmark" die Studierendenzahlen technischer Disziplinen von 1939/40 bis 1943/44 leicht an, ohne daß jedoch der Vorkriegsstand erreicht werden konnte. An der Grazer Technik sank die Studierendenzahl von 1938/39 (444) bis SS 1941 (208) jedoch kontinuierlich ab. In der Folge blieben, trotz massiver Gegenmaßnahmen (Studentenkompagnien, sinkender Widerstand gegen das Frauenstudium, Aufrufe im Rundfunk und in Zeitungen), die Studierendenzahlen unter dem Vorkriegsniveau.


Vor allem nach Kriegsbeginn monierten Technik-Professoren und das Oberkommando der Wehrmacht einen dramatischen Verfall der Leistungen bzw. "einen von Jahr zu Jahr zunehmenden Rückgang des Wissens und der Fähigkeit logischen Denkens", wofür die Trimesterregelungen und die verschiedensten außeruniversitären Verpflichtungen verantwortlich gemacht wurden. Im Juli 1940 meldete der Sicherheitsdienst der SS, dass in allen Teilen des Reiches allgemein befürchtet werde, "dass die geringer werdenden Studentenzahlen ... in Kürze zu einem starken Mangel an Technikern und Physikern mit gediegener Ausbildung führen."

Schon im Mai 1939 hatte sich Fritz Todt bei der Hauptversammlung des "Vereins Deutscher Ingenieure" - vergeblich - gegen diese Entwicklung ausgesprochen. Zwar sei es verständlich, "dass diese Zeit rücksichtslos in die Substanz des Nachwuchses eingreift" (1937 meldeten sich z.B. von 18.000 Primanern rund 10.000 als Offiziersanwärter bei der Wehrmacht), doch wehre er sich dagegen, "dass die Ausbildung des Ingenieurs, also des Führers in der Technik, weniger sorgfältig, flüchtiger und oberflächlicher erfolgen könne als z.B. die Ausbildung eines Arztes, eines Juristen oder eines anderen akademischen Berufes."


Der Zweite Weltkrieg#

Zu Kriegsbeginn - 1. September 1939 - wurden zunächst fast alle Hochschulen des Deutschen Reiches bis Anfang 1940 geschlossen. Am 6. Jänner 1940 fand dann zu Trimesterbeginn ein "Appell der Gefolgschaftsmitglieder und Studenten" statt, bei dem Rektor Härtel aufrief, "mit frischen Kräften ans Werk zu gehen" und die Kriegslage analysierte: "Die Kriegshetzer sind die internationalen Juden, organisiert in den Freimaurerlogen und vertreten durch die Wirtsvölker England und Frankreich. Sie können allein schon an ihrer Kampfesart erkannt werden. Es widerstrebt arisch-germanischer Art, statt des ehrlichen Kampfes mit den Waffen den Meuchelmord zu wählen. Der Meuchelmord aber ist eine alttestamentarische Kampfesweise."

Bereits zu Kriegsbeginn wurden den Kriegsteilnehmern eine Reihe von Vergünstigungen gewährt: Erleichterung bei der Ablegung von akademischen Prüfungen, Aufhebung studentischer Strafen, Prüfungserleichterungen für die Beamtenlaufbahn. Der Verlust an Studenten durch den Abzug in die Wehrmacht wurde de facto durch Studentinnen kompensiert, obwohl die NS-Ideologie die Position vertrat, dass die Frau die "Ordnung erfüllt und nicht Ordnung umstößt". Von 1939 bis 1944 erhöhte sich der Frauenanteil an den Technischen Hochschulen im Deutschen Reich von 1,9% auf 23,5%. Frauen stellten 1944 49,3% aller Studierenden an den Universitäten und Hochschulen und 64% der Immatrikulierenden. Somit erzwangen die Umstände und der Akademikermangel eine begrenzte Emanzipation studierender Frauen im Dritten Reich. Nach dem Krieg ging der Frauenanteil wieder rapide zurück. An der Technik in Graz stieg der Frauenanteil von 1,9% (WS 1939/40) auf 24% (WS 1944/45) und hätte in diesem Semester gar 48% betragen, wenn nicht Rektor Härtel im August 1944 "in Würdigung der Totalisierung des Krieges" die Neuaufnahme von Frauen stoppte und anordnete, die bereits inskribierten Studentinnen "in Hinsicht auf ihren Studienerfolg derart streng zu überprüfen, daß etwa 50% im Winter-Semester 1944/45 nicht aufgenommen werden". Tatsächlich sank die Zahl der Studentinnen von 1943/44 auf 1944/45 genau um 50%, von 70 auf 35.


Im Jahr 1938 war die Ableistung des "Reichsarbeitsdienstes" vor der Immatrikulation verpflichtend eingeführt worden, wobei sich auch an der Technik der militärische Drill fortsetzte: "Es wird getrachtet, die soldatische Zucht, die die Männer vom RAD mitbringen, auch in der Lehrwerkstätte aufrechtzuerhalten." Anfang 1940 ordnete die Reichsstudentenführung eine studentische "Dienstpflicht" an, um die Kritik am "leichten Leben" der Daheimgebliebenen zum Verstummen zu bringen.

Studierende wurden zu diversen Arbeiten herangezogen, im Sommertrimester 1940 zusätzlich zu einem Monat Ernteeinsatz, ein Jahr später zum Rüstungseinsatz von 8 Wochen. 1941 kamen die Studenten erst nach einem halben Jahr Arbeitsdienst und meist erst nach zweijährigem Wehrdienst an die Grazer Technik. Die Zahl der Höhersemestrigen war stark zurückgegangen, auch Assistenten waren eingezogen worden. Die Lehrenden konnten fast zur Gänze an der Hochschule bleiben, was auch mit "kriegswichtigen" Forschungsarbeiten zusammenhing. 1944/45 waren nur 2 von 28 Professoren, 3 von 41 Dozenten bzw. Lehrbeauftragten, aber 20 von 58 Assistenten bzw. ihren Vertretern zur Wehrmacht eingezogen.

Der Großteil der Studierenden bestand aus Angehörigen von "Studentenkompagnien", die mit einem Führungsoffizier zum Studium abkommandiert waren. Die spezielle Ausbildung zu "Ingenieuroffizieren" der Deutschen Wehrmacht, eine Kombination aus technischer und militärischer Ausbildung, war schon vor Kriegsbeginn vorgesehen. Die Teilnahme an Lehrveranstaltungen von Angehörigen der "Studentenkompagnien" war nach einem strengen Dienstplan geregelt, der Lehrbetrieb auf die Bedürfnisse der Soldaten und Wehrmachtsurlauber zugeschnitten. Studierende benötigten zum Betreten der Grazer Technik einen eigenen Ausweis, eine "Legitimation". Die "Neue Technik" in der Kopernikusgasse - dort befanden sich die wichtigsten Forschungsinstitute - konnte nur mit einer zusätzlichen Genehmigung betreten werden.

1944 brach dann der Lehrbetrieb praktisch zusammen. Studiengenehmigungen wurden im wesentlichen auf Kriegsuntaugliche, Schwerbeschädigte oder Fronturlauber begrenzt, Neuimmatrikulationen ab dem Sommersemester nur mehr unter besonderen Auflagen gewährt, für Kriegsverletzte, Kriegerwitwen usw. Im Sommer 1944 wurde auch die Zusammenlegung der drei steirischen Hochschulen erwogen, im Herbst war der Betrieb bereits auf ein Mindestmaß herabgesetzt. Arbeitseinsätze, der "Volkssturm", Einsatzarbeiten nach Bombenangriffen oder Fliegeralarme machten einen geregelten Lehrbetrieb unmöglich. Auch die Forschungsarbeiten, die jedenfalls Priorität hatten, wurden eingeschränkt, zahlreiche Institute aufs Land verlagert.

Das Dritte Reich brachte der Technischen Hochschule in Graz Neuerungen, wobei der große Traum einer gigantischen "Hochschulstadt" mit "Schulungsburg und Feierstätte", also eine Kombination von Universität und NSDAP, bald begraben werden musste. Eine gewisse Unsicherheit bewirkte auch der Befehl Adolf Hitlers, in Linz eine Technische Hochschule zu errichten, wobei die Planung von fünf Fakultäten und 1.500 Studierenden ausging und bei Realisierung natürlich beträchtliche Mittel gebunden hätte.

Bereits 1938 war in einer Denkschrift der Technik in Graz die "Ausgestaltung der Elektrotechnik" angeregt worden, was mit dem "Bedürfnis der Alpengaue nach einer Ausbildungsstätte", mit dem "Reichtum an ausbauwürdigen Wasserkräften"“ und mit der "Lage in der Südostecke des Reiches" begründet wurde. Da die Bedeutung der Elektrizitätsversorgung - besonders für die Kriegswirtschaft - klar erkannt wurde (die Stromerzeugung der STEWEAG wurde von 1938 bis 1945 verdoppelt), richtete man 1940 eine eigene Abteilung für Elektrotechnik ein. Damit begann im WS 1940/41 in Graz „als erste Technische Hochschule Großdeutschlands die praktische Vorausbildung der Studenten des Maschinenbaues und der Elektrotechnik in der eigenen Lehrwerkstätte in geschlossenem Lehrgang". Kriegsbedingt konnte zunächst nur die Grundausbildung angeboten werden, die "Fachausbildung im Gebiete Starkstromtechnik" und das "Fachgebiet Fernmeldetechnik" wurden für "spätestens nach Kriegsende ... in Aussicht genommen".


Parallel dazu wurde die Einteilung der Fakultäten geändert. Den Fakultäten Bauingenieurwesen, Architektur, Maschinenwesen und Chemie war 1935/36 die Fakultät für angewandte Mathematik und Physik zugefügt worden.

Im August 1940 wurden diese fünf Fakultäten auf drei reduziert: Naturwissenschaften und Ergänzungsfächer, Bauwesen, Maschinenwesen. Da das Geodäsie-Vollstudium bereits 1939 eingestellt worden war, wurde die Abteilung Vermessungswesen aufgelassen. Als Dekane fungierten nun Reinhard Seka, Franz Brunner und Josef Pirktl. Die Abteilungsleiter für Elektrotechnik bzw. Architektur waren Friedrich Zotter und Karl Schäfer. 1942 wurden Robert Müller, Karl Hoffmann und Karl Lindner Dekane, Erwin Massute (Bauingenieurwesen) wurde Abteilungsleiter und Armin Schoklitsch Prorektor.


Als im April 1944 die bis dahin geltende Sperre für die Ablöse der amtierenden Rektoren aufgehoben worden war, wurde mit 1. November Armin Schoklitsch Rektor, ein langjähriges NSDAP-Mitglied, Vorsitzender des "Verbandes der Deutsch-arischen Akademiker in der Tschechoslowakei" (er war 1940 aus Brünn nach Graz berufen worden), der bei festlichen Anlässen mit Rektorskette in der Uniform eines SS-Sturmführers aufzutreten pflegte.


Aus den Rektoratsakten der Grazer Technik geht übrigens nicht hervor, dass sich die damaligen Rektoren porträtieren ließen. Wahrscheinlich wären dafür auch keine Gelder genehmigt worden So hatte der Bildhauer Doz. Anton Weinkopf 1940 eine "Führerbüste" mit Sockel modelliert, die anstatt dem Standbild Kaiser Franz Josephs die Nische in der Aula zieren sollte. Mangels finanzieller Unterstützung für den Guß wurde jedoch nur die bemalte Gipsfigur aufgestellt.

Die Technik in Graz war ab März 1941, vor allem wegen der Forschungsarbeiten auf den Gebieten Maschinenbau und Verbrennungsmaschinen, offizieller Rüstungsbetrieb.


Rektor Adolf Härtel fungierte bis Kriegsende als "Betriebsführer" der Technik und als "Abwehrbeauftragter" beider Grazer Hochschulen. Die Rüstungsforschung sicherte den betreffenden Instituten das Personal, die Versorgung mit Rohstoffen, Apparaten und Energie. Bereits im Oktober 1939 waren einige Institute "mit wehrtechnischen Aufgaben betraut", so mit der Entwicklung von Diesel- und Flugzeugmotoren. Die "Flugtechnische Fachgruppe" arbeitete an der Entwicklung eines schwanzlosen Jagdflugzeuges. In den folgenden Jahren folgten aeromechanische Versuche an Flugzeugteilen, Festigkeitsversuche an Flügel-Rumpfverbindungen, "Kraftfahrtforschung" am Institut für Verbrennungskraftmaschinen, welches vor allem bei Dieselmotoren einen weltweit führenden Rang einnahm.

1943 bildeten fünf Institute (Festigkeitslehre, mechanische Technologie, technische Mechanik, Wärmetechnik, Verbrennungskraftmaschinen) mit 5 Professoren, 3 Dozenten, 10 Assistenten und 48 Mitarbeitern den "Spezialbetrieb Techn. Hochschule Graz". Aber auch andere Institute bekamen "kriegswichtige" Forschungsvorhaben bewilligt. Das Institut für Straßenbau befaßte sich z.B. 1944 mit "Untersuchungen über den Einfluß verschiedener Abbaumethoden auf den Baufortschritt und den Arbeitsaufwand bei der Herstellung von Fertigungstunnel des Bauvorhabens XVIII/VIII A 8 (M)" .

Hinter dieser Bezeichnung verbargen sich die Stollenbauten im Steinbruch des KZ-Nebenlagers Peggau, in dem ab August 1944 fast 400 Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen neun Stollen für die Verlagerung der Flugzeugteileproduktion der Steyr-Daimler-Puch-AG in den Felsen schlugen. Mit dem Forschungsauftrag war der ehemalige NS-Studentenführer Sepp Held beauftragt, der durch "Leistungssteigerungsvorschläge" die Ausbruchsleistung von Oktober bis Dezember 1944 um 75% erhöhen konnte, was wohl damit zusammenhängt, dass bis Ende 1944 die Anzahl der Häftlinge durch Transporte aus dem Hauptlager Mauthausen auf ca. 700 erhöht wurde.

"Der Kampf ist hart und unerbittlich. ... Die ununterbrochenen Luftangriffe auf England ... sind uns kaum faßbar", formulierte Rektor Adolf Härtel im Tätigkeitsbericht 1941. Zwei Jahre später erreichte der Luftkrieg auch Graz. Ab Mitte August 1943 wurde Österreich dauerndes Angriffsgebiet für Bombengeschwader und Graz verzeichnete die meisten Luftangriffe aller österreichischen Städte. Am 1. November 1944 war Graz das Ziel massiver alliierter Bombardements, die fast 400 Tote forderten und 111 Gebäude total zerstörten. Dabei wurde auch der mittlere Teil der "Neuen Technik" durch drei Treffer zum Einsturz gebracht. Die mechanisch-technische Versuchsanstalt wurde dadurch zerstört und wegen der Gefährdung der "wichtigsten Forschungs- und Entwicklungsstätten" suchte Prof. Adolf Härtel als "Betriebsführer" nach Ausweichmöglichkeiten. Im Einvernehmen mit dem Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, fand er diese in den Stollen des KZ-Nebenlagers Gusen. Eigruber ersuchte am 24. November den Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, um zwei Stollen mit 3.000 m2 für die Grazer Technik. Das Ersuchen wurde am 8. Dezember "zu allseitiger Zufriedenheit erledigt" und 1.000 m2 zur Verfügung gestellt.


Nun setzte eine massive Verlagerung von Instituten ein. Bereits im September 1943 wurde das Physikalische Institut nach Hörgas bei Gratwein ausgelagert, Ende 1943 mit der weiteren „Schaffung von Ausweichstellen“ begonnen. Vor allem Ende 1944 und Anfang 1945 wurden mindestens 16 Institute verlagert, wobei die Einrichtung von weiteren drei Instituten in die Stollen von Gusen offensichtlich nicht mehr zustande kam. Geschahen die ersten Verlagerungen noch auf Anordnung, setzte ab Februar 1945 de facto die Flucht vor der immer näher rückenden Ostfront ein. Die Verlagerungsorte waren offensichtlich auch weitsichtig gewählt, denn zu Kriegsende befanden sich von 20 Instituten nur zwei (und zwei Institutsteile) in der von der Roten Armee besetzten Zone, alle anderen jedoch im amerikanischen Sektor jenseits der Enns bzw. eines im britisch besetzten Turrach.


Im April 1945 operierte die Rote Armee teilweise nur 30 km von Graz entfernt. In diesen Tagen fand die letzte bekannte Institutsverlagerung statt. Rektor Schoklitsch übertrug am 12. April die Führung der Geschäfte an den Architekten Karl Hoffmann und setzte sich ab.


Ein neuer Anfang#

Am 8. Mai war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am Nachmittag bestand bereits eine erste provisorische Landesregierung mit dem Sozialdemokraten Reinhard Machold an der Spitze. In der folgenden Nacht wurde Graz der Roten Armee übergeben und als letzte der österreichischen Landeshauptstädte besetzt.

Die verschiedenen Institutionen versuchten, wieder ihren Betrieb aufzunehmen. Die wenigen verbliebenen Professoren - zunächst fünf, Anfang Juni sieben - ersuchten am 23. Mai Bartel Granigg, der einzige Hochschulangehörige der russisch sprach, die Funktion des Rektors zu übernehmen. Granigg bat wiederum die provisorische Landesregierung um "die Genehmigung zur Weiterführung der Vorlesungen und Übungen im Sommersemester 1944/45". Landeshauptmann Machold ordnete in der Folge für alle steirischen Hochschulen die Wiederaufnahme des Vorlesungsbetriebes an. So begann an der Grazer Technik am 4. Juni 1945 die Einschreibung für das Sommersemester mit 144 inskribierten Studierenden.

Der Aufbau des Studienbetriebes stieß auf große Schwierigkeiten. Die meisten Professoren befanden sich jenseits der Zonengrenze und konnten zunächst ohne Passierschein nicht nach Graz kommen. Den zweiten Grund für die prekäre Situation formulierte Rektor Granigg so: „Die meisten unter uns haben die volle Überzeugung, daß die verlagerten Herren sofort nach Graz zurückgekommen wären, wenn Graz statt von den Russen, von den Engländern besetzt worden wäre“. Durch das alliierte Zonenabkommen zogen am 24. Juli 1945 die Briten in der Steiermark ein. Erst jetzt folgten die meisten Hochschulangehörigen dem dringenden Appell des Rektors. Granigg hatte mittlerweile mit Karl Rauch, dem Rektor der Universität Graz, eine Vereinbarung geschlossen, die gegenseitige Unterstützung und Hilfe vorsah, insbesondere die behelfsmäßige Füllung personeller Lücken durch gemeinsames Lehrpersonal. Die Gespräche waren zunächst sehr spannungsgeladen, da Rektor Rauch dem Landeshauptmann vorgeschlagen hatte, die Technik der Universität als Fakultät anzuschließen, mit der Montanistischen Hochschule Leoben zu vereinen, und somit eine "Gesamtuniversität" mit der Bezeichnung „Vereinigte Universität und Technisch-montanistische Hochschule“ zu schaffen. Derartige Überlegungen hatte es bereits 1944 gegeben, sie konnten aber u.a. durch heftigen Widerstand der Technik vereitelt werden.

Bernhard Baule
Bernhard Baule: (Provisorischer) Rektor ab 21. Dezmber 1945 (Porträt von Rudolf Hanzl; Foto: H. Tezak, TU Graz)


Die britische Militärregierung wollte an sich nur auf Grund der Wiedergutmachung in ihr Amt zurückberufenen Professoren als Rektoren dulden. Das war wohl der Grund, weshalb sich die Grazer Technik ab August mit Aufrufen im Radio bemühte, den 1938 entlassenen Bernhard Baule zu gewinnen. Tatsächlich wurde Baule mit 1. September wieder Ordinarius, am 20. Dezember wurde er als Rektor vorgeschlagen und am 9. Jänner 1946 provisorisch bestellt. Auch der zweite von den Nationalsozialisten entfernte Professor, Gustav Jantsch, wurde wieder als Ordinarius eingesetzt, er wurde Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Im WS 1945/46 inskribierten insgesamt 2125 Studierende, das war mehr als das 13fache der Zahl des WS 1944/45. Auch eine Studierendenvertretung hatte sich gebildet, die bereits im Juni als „Antifaschistische Studentenliga", ab Herbst als "Österreichische Demokratische Studentenunion", den politischen Hintergrund der Inskriptionswilligen überprüfte. Diese Maßnahme führte auch zu heftigen Konflikten, stellte doch der amerikanische Geheimdienst noch im November 1945 fest, daß die überwiegende Mehrzeit der Studierenden der Grazer Technik "noch immer nazistisch und pro-Anschluß eingestellt" sei.


Das Problem der Entnazifizierung stellte sich natürlich auch bei den Professoren, wobei es zur paradoxen Situation kam, daß die Richtlinien von 1946 bis 1948 für die Lernenden wesentlich strenger waren, als für die Lehrenden.

Im Mai 1945 galten von den 28 Professoren nur zwei als unbelastet: Fritz Kohlrausch und Friedrich Zotter. Nach den gesetzlichen Richtlinien waren "Illegale", also Personen, die zwischen dem 1. Juli 1933 und dem 13. März 1938 der NSDAP oder einem ihrer Wehrverbände angehört hatten, zu entlassen. Zur Überprüfung des Lehrkörpers wurde im Juli 1945 eine Kommission eingesetzt, der von seiten der Hochschule die Professoren Karl Zaar, Friedrich Zotter und der Dozent Erwin Keller angehörte. Zotter war in dieser Kommission übrigens der einzige unbelastete Repräsentant der Technik. Bis November 1946 verloren 18 von den bei Kriegsende 28 Professoren durch die Entnazifizierung ihre Stellung als Hochschullehrer an der Grazer Technik, das sind 64%. Bis 1949 kamen noch zwei Fälle dazu, wodurch die Entlassungsrate über 71% betrug. Zum Vergleich: An der Universität Graz wurden bis November 1946 47 von 69 Professoren entlassen (67%), an der TH Wien bis April 1947 64% der Professoren entfernt. Aber an der Montanistischen Hochschule Leoben hatten noch 1946, bis auf einen Professor, sämtliche ehemalige Nationalsozialisten ihre Lehrkanzeln inne.

Einige Beispiele beleuchten die Bandbreite der gängigen Biographien entnazifizierter Hochschullehrer. Adolf Härtel wurde wegen seiner hohen Funktionen in der NSDAP und der Rüstungsindustrie vor ein Volksgericht gestellt. Er war mindestens ein Jahr im Gefängnis und verunglückte 1949 bei einem Bergunfall tödlich. Rektor Armin Schoklitsch, wie Härtel auch im Sicherheitsdienst der SS aktiv, wurde von den Amerikanern verhaftet, entlassen und 1949 an die Universität Nacional de Tucuman nach Argentinien berufen. Über Arno Reitz, Gauschulungsleiter der NSDAP, urteilte die britische Militärregierung, daß dieser unter keinen Umständen eine Position an der Hochschule einnehmen dürfe. Reitz wurde 1957 Professor an der Montanistischen Hochschule Leoben, war dort von 1965-1967 und von 1970-1972 Rektor und betätigte sich als Obmann des Freiheitlichen Akademikerverbandes bei Veranstaltungen wie z.B. „1000 Jahre Deutsche Ostmark“. Apard Steller wurde 1954, Konrad Sattler 1962 wieder an die Technik berufen. Armin Dadieu lebte bis 1947 versteckt in Graz und flüchtete dann nach Argentinien. Später wurde er Professor an der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart. Er starb 1978 in Graz, eine lancierte Berufung an die Grazer Technik kam nicht zustande.

Die überwiegende Mehrheit der Hochschüler waren sogenannte "Heimkehrer", noch 1947 stellten ehemalige Soldaten 70-80% der Grazer Studenten. Die Explosion der HörerInnenzahlen führte zu großen sozialen Problemen. Es mangelte an Wohnraum, Nahrung, Lehrmitteln. Viele Studierende hatten, wenn überhaupt, nur zwei Garnituren Wäsche zur Verfügung. Es fehlte besonders an winterfester Kleidung und Schuhen, wobei Sachspenden nur unwesentliche Verbesserungen brachten. Die Wohnungsnot war in Graz besonders gravierend, da durch Bombentreffer jedes dritte Haus entweder zerstört oder beschädigt worden war. Viele Studierende waren ständig auf Wohnungssuche, stammte doch nur etwa die Hälfte aus Graz selbst, schliefen in Notunterkünften (leere Autos, Autobusse usw.) und anderen völlig unzureichenden Quartieren. Neben der Wohnsituation war auch die Ernährungssituation besonders prekär. Studierende galten bei der Zuteilung der Lebensmittelmarken als "Normalverbraucher mit Angestelltenzulage" (WS 1947/48) und hatten täglich auf 1.600 bis 1.700 Kalorien Anspruch. Im WS 1945/46 konnte die "Österreichische Demokratische Studentenschaft", eine Vorläuferorganisation der Hochschülerschaft, im Studentenhaus in der Leechgasse eine Mensa eröffnen. 1.000 Mahlzeiten zu Mittag und 800 am Abend konnten ausgegeben werden. Der Betrieb wurde durch Lebensmittelspenden des „World Student Relief“ (WSR), des Englischen Roten Kreuzes, der "Schweizer Hilfe" und der Universität Basel aufrechterhalten.

Auch die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) konnte 1945 eine Mensa, allerdings im bescheidenen Umfang, in der Leechgasse 24 eröffnen. Eine regelmäßige Versorgung der Studierenden mit hochwertigen Lebensmitteln war damals von besonderer Bedeutung, hatten doch noch 1947/48 nur 16% aller Studierenden der Universität Graz Normalgewicht, 26% hatten sogar 10 kg und 3% mehr als 25 kg Untergewicht.


Finanzielle Unterstützung gab es in den 40er Jahren zunächst kaum. Für Wohnraum, Bekleidung und Studium mußten im Schnitt 300 Schilling pro Monat ausgegeben werden. Da es noch kein staatliches Stipendiensystem gab, waren die Studierenden (1947) weitgehend auf die Unterstützung der Eltern (60%) sowie auf Arbeiten während der Studien- und Ferienzeit (33%) angewiesen. Nur 5% bekamen ein Stipendium, das entweder von den Bundesländern oder von den Kammern bereitgestellt wurde. Erst in den 50er Jahren verbesserte sich die Lage spürbar.


Wiederaufbau Neue Technik
Der Wiederaufbau der Neuen Technik 1951/82 (Archiv H. Stark)
Der amerikanische Geheimdienst berichtete im November 1945 über die Studierenden der Grazer Technik: "Sie sind pessimistisch eingestellt über ihre Zukunft in einem unabhängigen Österreich ohne das industrielle Potential eines Großdeutschland. Die meisten Studenten glauben noch immer, daß Deutschland die zivilisierteste der europäischen Nationen ist und zur Führung Europas bestimmt sei. Im Allgemeinen lehnen sie die Rassentheorie, das Führerprinzip, die Brutalität und die Gestapo-Methoden des Dritten Reiches ab. ... Einmal kam es zu einer heftigen Debatte über die Wahrheit von Konzentrationslagergeschichten. Im großen und ganzen glauben die Studenten, daß nur echte Kriminelle in diesen Lagern eingesperrt waren."

Kritik gab es auch an den Entnazifizierungsmaßnahmen der Studierendenvertretung, die vor allem von ehemaligen Offizieren geschürt wurde. In Wirklichkeit ging der zuständige "Ehrenrat" keineswegs rigide vor. So wurden an der Technik im WS 1945/46 nur 14 Studierende wegen ihrer Funktionen in NS-Organisationen vom Studium ausgeschlossen.


Unverständnis gegenüber der Entnazifizierung prägte in den Darstellungen der Grazer Technik bis in die 50er Jahre den Ton. 1951/52 war dann der Wiederaufbau der durch Bombentreffer teilweise eingestürzten "Neuen Technik" beendet. "Im Zweiten Weltkrieg wurde der Neubau durch Bombentreffer schwer beschädigt", blieb dann bis in die späten 80er Jahre die einzige historische Aussage über die Geschichte der Technik in Graz im Dritten Reich.


Ein beeindruckendes Zeugnis für diese Enttäuschung und Verbitterung ist die vertrauliche Rede, die Karl Federhofer, Professor für technische Mechanik, am 12. April 1948 im Institut vor seinen Schülern aus Anlaß des 25. Jahrestages seiner Grazer Antrittsvorlesung hielt: Der Rektor und seine Kollegen hätten ihn im Stich gelassen und deshalb sei seine Villa noch immer vom britischen Militär in Beschlag genommen. Bis vor kurzem wegen seiner Funktion im NS-Dozentenbund als "minderbelastet" eingestuft, sei ihm auch der Sitz im Professorenkollegium und seine Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften verwehrt. Erst jetzt sei er von diesen Sühnefolgen befreit, weil ihm nach schwerer Krankheit ein Arzt darauf aufmerksam machte, daß die Einstufung in die Versehrtenstufe 3 nach amtsärztlicher Untersuchung Sühnefolgen juristisch beende. Federhofer war bitter enttäuscht, daß weder der Kanzleidirektor der Technik, noch andere Kollegen, die sich durch ein solches Attest den Sühnefolgen schon längst entzogen hatten, ihn auf diese Möglichkeit hingewiesen hatten. Aber nun könne er im Kollegium wieder die Stimme erheben: „Immerhin fühle ich mich auch weiterhin mit den wenigen Kollegen verbunden, die nur aus dem Grunde, weil sie meinten, die Mitgliedschaft zu der einzigen Staatspartei könne kein Vergehen sein, schwerste Nachteile und Opfer auf sich nehmen mußten."



Literaturhinweise:#

  • BINDER, Dieter A.: Der Weg der Studentenschaft in den Nationalsozialismus, in: Die Universität und 1938 (= Böhlaus zeitgeschichtliche Bibliothek 11, Wien 1989)
  • JARAUSCH, Konrad H.: Deutsche Studenten 1800-1970, Frankfurt a. M. 1984
  • KERNBAUER, Alois: Der lange Marsch zur "politischen Hochschule". Die Grazer Hohen Schulen in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, in: Karner, Stefan (Hg.): Graz in der NS-Zeit 1938-1945, Graz 1998, S. 179-193
  • KLÖSCH, Christian; WEINGAND, Hans-Peter: Zur Lage der Studierenden in Graz im Jahr 1945, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, 25/1994, S. 399-420
  • KLÖSCH, Christian; WEINGAND, Hans-Peter: Zur Lage der Studierenden in der Steiermark 1945-1955, in: Die ,,bri¬tische“ Steiermark (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark, 38/1995), S 467-499
  • KUBINZKY, Karl Albrecht: Die Stadtplanung für die Gauhauptstadt Graz, in: Karner, Stefan (Hg.): Graz in der NS-Zeit 1938-1945, Graz 1998, S. 245-256
  • LICHTENBERGER-FENZ, Brigitte: Österreichs Hochschulen und Universitäten und das NS-Regime, in: NS-Herr
  • MÜNZINGER, Friedrich:Ingenieure. Gedanken über Technik und Ingenieure, 2. erw. Aufl., Berlin 1942 (insb. Abschnitt IXe: Der unzureichende Ingenieursnachwuchs)
  • SEIDLER, Franz W.: Fritz Todt, Baumeister des Dritten Reiches, Frankfurt a. M. 1988
  • WEINERT, Willi: Zu den Versuchen der Errichtung einer Technischen Hochschule in Linz (unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraumes 1938-1945), in: Oberösterreichische Heimatblätter, 40. Jg., Heft 1, Linz 1986, S. 38-51
  • WEINGAND, Hans-Peter: Die Technische Hochschule Graz im Dritten Reich. Vorgeschichte, Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus an einer Institution, ed. Hochschülerschaft der TU Graz, 2., durchges. Aufl., Graz 1995
  • WEINGAND, Hans-Peter; WINKLER, Werner: Diese Welt muß unser sein. Die sozialistischen Studierenden in Graz 1919-1991, ed. VSStÖ Graz, Graz 1991 (insb. die Kapitel "Alfons Leon. Ein sozialdemokratischer Hochschulprofessor in Graz. Eine Spurensicherung", "Nationalsozialistische und 'völkische' studentische Aktivitäten in Graz" und "Die Universitäten im Nationalsozialismus")




© Text und Bilder: Josef W. Wohinz