unbekannter Gast

Ferdinand Wittenbauer#

Von Günter Cerwinka und Karl Wohlhart


Lehrer, Forscher, Dichter#


Zur Entwicklung der Mechanik als Wissenschaft


Zur Entwicklung der Mechanik als Wissenschaft haben soviele Philosophen, Mathematiker, Techniker und Ingenieure beigetragen, daß die Frage nach der Bedeutung des Beitrages einer bestimmten Person nur in Ausnahmefällen zuverläßlich beantwortet werden kann. Von der Bedeutung des Beitrages hängt der Rang ab, den die Wissenschaftsgeschichte dieser Person zuerkennt, und diese Geschichte schreiben die Nachgeborenen; sie taxieren den Einfluß des einen als nachhaltiger als den eines andern und seine nachgelassenen Schriften als bedeutsamer als die des anderen. Niemand wird glauben, daß ihre Einschätzungen in jeder Hinsicht unanfechtbar sein können.


Ferdinand Wittenbauer, Ehrentafel
Ehrentafel für Ferdinand Wittenbauer im Hauptgebäude der "Technik in Graz" (Foto: H. Tezak)
Dieses vorausgeschickt, soll im folgenden der Versuch gemacht werden, das wissenschaftliche Werk von Ferdinand Wittenbauer, weiland Professor für Technische Mechanik und Theoretische Maschinenlehre an der k.k technischen Hochschule in Graz von1887 bis 1922, darzustellen und dessen Bedeutung für die Entwicklung der Technischen Mechanik aufzuzeigen.


Eine Vorstellung davon, was für eine Wissenschaft die Mechanik, und worin das Besondere an der Technischen Mechanik liegt, kann ein kurzer Blick in ihre lange Entwicklungsgeschichte vermitteln.

Die Geschichte der Mechanik deckt sich weitgehend mit der Geschichte der Technik. Die Anfänge verlieren sich im Dunkel der Zeiten: Menschen haben, um überleben zu können, um sich zu schützen, um sich zu wehren, immer eine Art primitiver Mechanik betreiben müssen: Die Spannkraft des Bogens, die Wirksamkeit des Hebels, die Wucht des Hammers, die Sprengkraft des Keiles usw., sie alle wurden instinktiv erkannt und zweckentsprechend eingesetzt. Der Transport von Lasten auf Schlitten, unter die zufällig runde Steine oder Baumstämme geraten sind, kann einmal auf die geniale Idee gebracht haben, "Räder" am Schlitten anzubringen. Die Erfindung der Schrift hat das Erinnerungsvermögen der Menschheit weit über das Erinnern von einzelnen Menschengruppen hinaus erweitert; einmal gemachte Entdeckungen konnten sicher überliefert werden, begrenzt nur mehr durch die Haltbarkeit des Schriftträgers.


Die griechischen Philosophen erfanden die auf einem Axiomensystem beruhende Mathematik und versuchten ein solches auch für die Naturerscheinungen durch reines Nachdenken ausfindig zu machen. Warum fällt ein Stein zu Boden? Aristoteles antwortet schlicht: Der natürliche Ort aller schweren Körper ist unten, ein Stein ist ein schwerer Körper, deshalb fällt er, wenn nicht daran gehindert, nach unten. Das ist zwar die Angabe eines Grundes, aber es folgt daraus gar nichts. Philosophieren allein ist ebenso unfruchtbar wie gedankenloses Tätigsein.


Die große Wende kommt mit Galileo Galilei: Er verzichtet darauf, Fragen nach dem „Warum“ zu beantworten und stellt die Fragen nach dem "Wie" in den Vordergrund. Damit wird Mechanik zu einer Wissenschaft: Nicht die Philosophen, sondern die Natur selbst wird befragt, und diese gibt Antwort in Gesetzen, deren mathematische Form erahnt, erraten werden muß.


Die Entwicklung einer Wissenschaft verläuft nicht auf geradem Wege, sie kennt neben Fortschritten Irrwege und Umwege. Johannes Kepler hat in Graz sein Erstlingswerk, das "Weltgeheimnis", veröffentlicht. Die Grundidee dieses Werkes ist so genial wie absurd: Die Bahnen der sechs Planeten sind nach Gottes Welten-Bauplan eingezäunt von den fünf platonischen Polyedern; und weil es nur fünf reguläre platonische Körper gibt, kann es nur sechs Planeten geben. Ein Irrweg im Anfang (an dem Kepler bis zuletzt festhielt) und ein Umweg auf dem Kepler schließlich zu den nach ihm benannten drei Gesetzen über die Planetenbewegungen kommt.


Newton definierte den Begriff der Kraft als die Ursache jeder Änderung der Geschwindigkeit eines Körpers, und vermutete als erster, daß jene Kraft, die den Stein zu Boden fallen läßt, dieselbe sein könnte, die den Mond in seiner Bahn hält. Die Bestätigung dieser Vermutung führte Newton zu dem universalen Gravitationsgesetz, das die Astronomie zur Himmelsmechanik machte.


In den Händen von Euler, den Bernoulli's, Laplace, d'Alembert, Lagrange, Hamilton, Gauß und anderen großen Mathematikern entwickelte sich die Mechanik in der Folge zur Analytischen Mechanik, einer abgeschlossenen mathematischen Theorie von universaler Gültigkeit.


Mit der in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erstmal gelungenen Nutzbarmachung der Dampfkraft als Antriebskraft von Maschinen kam nach und nach die sogenannte industrielle Revolution in Gang, in der sich bald der Mangel an genügend zahlreichen, gut ausgebildeten Fachkräften fühlbar machte. Um diesem Mangel abzuhelfen, wurden besondere Fachschulen eingerichtet, aus denen sich dann später vielerorts die Technischen Hochschulen entwickelten. An diesen Fachschulen sollte eine Mechanik betrieben und gelehrt werden, die den Bedürfnissen der Maschinen-Industrie unmittelbarer und besser entsprach, als die mathematisch hochgezüchtete Analytische Mechanik, die in den Anwendungen auf praktische Ingenieurprobleme oft genug die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, weil man um zu Lösungen zu kommen, oft realitätsferne Annahmen machen mußte. Dies war die Geburtsstunde der Technischen Mechanik, der Mechanik, die die realen Gegebenheiten so weit als möglich und so weit als notwendig in die Rechnung einbezieht. In dem großen Werk von Lagrange der "Mécanique Analytique" ist keine Zeichnung zu finden; in einer Technischen Mechanik sollte aber auf eines der Hauptverständigungsmittel der Techniker, die Zeichnung, nicht verzichtet werden und die graphischen Lösungsmethoden sollten, weil sinnfälliger, wenn immer dies möglich ist, den analytischen Methoden vorgezogen werden.


So wie die Geschichte der Analytischen Mechanik verzeichnet auch die Geschichte der Technischen Mechanik große Namen; nicht nur die Namen von Mathematikern, sondern auch die Namen von bedeutenden Gelehrten, die entweder selbst Ingenieure waren oder ein Nahverhältnis zur Welt der Technik hatten. Wittenbauer war einer von ihnen.



Ferdinand Wittenbauer
Ferdinand Wittenbauer (Universitätsarchiv TU Graz)
Am 18. Februar 1857 als drittes Kind des Regimentsarztes Dr. Ferdinand Wittenbauer in Marburg an der Drau (ehem. Untersteiermark, jetzt: Maribor, Slowenien) geboren, verlor er früh seine Eltern.

In Graz, wo Wittenbauer bei seinem Onkel, Major von Baravalle, aufwuchs, besuchte er die Landesoberrealschule und legte bereits im Alter von 15 ½ Jahren - stets Klassenerster – die Reifeprüfung ab. Es folgten fünf Jahre Ingenieurschule an der Technischen Hochschule in Graz.

1879, mit 22 Jahren, legte Wittenbauer die Diplomprüfung mit Auszeichnung ab, nachdem er 1876/77 sein Einjährig-Freiwilligen-Jahr bei der Genietruppe in Wien abgeleistet und 1878 zum Leutnant i. d. Res. ernannt worden war. Er arbeitete zunächst zwei Jahre als Assistent an der Lehrkanzel für Straßen- und Eisenbahnbau und supplierte diese 1881 auch kurzfristig. Bald wandte er sich jedoch der theoretischen Mechanik zu und habilitierte sich 1880 für dieses Fach. 1884 wurde die venia auf Graphische Statik ausgedehnt.

Wittenbauer blieb trotz verlockender Angebote in Graz, bekleidete 1894 bis 1896 und 1903 bis 1905 das Amt des Dekans der "Maschinenbauschule" (Fakultät für Maschinenbau) und im Jubiläumsjahr 1911/12 das des Rektors. Er engagierte sich mit großem Einsatz für die Gleichstellung der Technischen Hochschulen mit den Universitäten und für die Zuerkennung des Promotionsrechtes an erstere, die 1901 erfolgte. Den ihm verliehenen Hofratstitel hat Wittenbauer selbst nie geführt, mehr Freude wird ihm die Verleihung der Würde eines Ehrendoktors der Deutschen Technischen Hochschule in Prag im Jahre 1917 bereitet haben.


Wittenbauer heiratete 1882 Hermine Weiß, die 1914 starb. Sein gleichnamiger Sohn, 1886 geboren, Diplomingenieur, endete in geistiger Umnachtung durch Selbstmord wenige Monate nach dem Tod seines Vaters. Am 16. Februar 1922 starb Wittenbauer nach einem Anfang des Jahres erlittenen Schlaganfall und wurde am St. Peter-Friedhof in Graz begraben. Eine Straße im Süden von Graz trägt seinen Namen, in der "Alten Technik" findet sich eine Tafel mit dem Reliefporträt des "Lehrers, Forschers und Dichters".


Wittenbauer als Wissenschaftler#

Woran erkennt man und wie mißt man die Bedeutung eines Wissenschaftlers für sein Fach? Ist die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen, die ein Gelehrter verfaßt hat, ein brauchbarer Maßstab? Heutzutage werden Wissenschaftler oft genug danach taxiert, ob sie viel oder nur wenig publiziert haben. Die Liste der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Professor Wittenbauer verzeichnet 21 Titel; nicht eben viel, würde heute vielleicht eine zur Berufung eines Hochschulprofessors gemischt zusammengesetzte Kommission befinden.


Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, "Bedeutung" zu erkennen: Wir müssen uns auf die Spurensuche machen. Was ist von dem, was einer gedacht, gelehrt und in Büchern und Schriften niedergelegt hat, gegenwärtig geblieben, was ist zum fixen Bestandteil seiner Fachwissenschaft geworden?


Dabei werden wir uns allerdings hüten müssen zu glauben, daß "die im Dunklen, die man nicht sieht", daß die Wissenschaftler, deren Namen in der Gegenwart nicht mehr oder nur selten genannt werden, von aller Nachwelt gering geachtet werden dürften. Das wäre blankes Unrecht: Sie haben zur Konsolidierung ihrer Wissenschaft beigetragen, als Lehrer das Wissen an Schüler weitergegeben und so der Wissenschaft einen, wenn auch bescheidenen Dienst erwiesen. Auch sollte man bedenken, daß die Vielzitierten nicht immer die Erfinder dessen sind, wofür sie zitiert werden; eine Faustregel (die Ausnahmen bestätigen) der Wissenschaftsgeschichte lautet: Eine Formel, eine Theorie, die den Namen irgendeines Wissenschaftler trägt, stammt in der Regel von anderen.


Begleiten wir nun Wittenbauer auf seinem Werdegang als Wissenschaftler und lassen wir die wissenschaftlichen Arbeiten Revue passieren, die er im Lauf der Zeit veröffentlicht hat. Dabei werden wir diese in aller Bescheidenheit hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Technische Mechanik vorsichtig beurteilen müssen.


Die erste wissenschaftliche Arbeit, die von dem eben erst für das Fach Theoretische Mechanik habilitierten, dreiundzwanzigjährigen Privatdozenten der k.k. technischen Hochschule in Graz in Druck erscheint, ist ein Sitzungsbericht der Akademie der Wissenschaften in Wien aus dem Jahre 1880, der den Titel trägt: "Theorie der Bewegung auf developablen Flächen". Wittenbauer, der sich von Anfang an in gleicher Weise zur Wissenschaft wie zur Dichtkunst hingezogen fühlt, hat also zuerst einmal eine wissenschaftliche Karriere im Sinn; die erste poetische Publikation unter seinem eigenem Namen ("Flaschenzug und Zirkelspitze") erscheint erst vierzehn Jahre später.


Die Bewegung eines Massenpunktes auf einer abwickelbaren Fläche läßt sich auf die Bewegung in einer Ebene zurückführen. In Weiterführung einer Abhandlung von P. Serret zum gleichen Thema untersucht Wittenbauer eingehend die Bahnen, die ein unter der Einwirkung einer äußeren Kraft stehender Massenpunkt auf verschiedenen reibungsfreien Regelflächen (Schraubflächen, Zylinderflächen und Kegelflächen mit schiefliegenden Achsen) beschreibt. Auch auf den Fall der Bewegung auf vorgeschriebenen Bahnen in den abwickelbaren Flächen wird anhand von Beispielen eingegangen. In dieser Erstlingsarbeit zeigt sich bereits das pädagogische Geschick Wittenbauers, das in seinen später erscheinenden Aufgabensammlungen besonders hervortritt: Probleme und Lösungswege werden, immer unterstützt durch klare Zeichnungen, in wohlerwogener Sprache dargestellt. Es ist unverkennbar: Wittenbauer ist "Wissenschaftler und Poet dazu".


Im selben Jahr 1880 bzw. im Jahr darauf erscheinen, ebenfalls als Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, bereits drei weitere wissenschaftliche Arbeiten des jungen Hochschuldozenten: Eine "Theorie der Beschleunigungskurven", eine Abhandlung "Über Momente höherer Ordnung" und ein Aufsatz "Über Deviationsmomente".


Wittenbauer definiert die Beschleunigungskurve als die Einhüllende der Schar der Trägergeraden der lokalen Beschleunigungsvektoren einer vorgegebenen Punktbewegung in der Ebene. Wird die Punktbahn mit konstanter Geschwindigkeit durchlaufen, dann ist die Beschleunigungskurve identisch mit der Evolute der Bahn. Die Bewegung des Berührungspunktes der Trägergeraden der Beschleunigungsvektoren entlang dieser Kurve erlaubt ihrerseits wieder die Bestimmung einer Beschleunigungskurve höherer Ordnung. Ein Spiel, das fortgesetzt werden kann zu Beschleunigungskurven beliebig hoher Ordnung.


Der junge Wissenschaftler begibt sich nun für ein Jahr (1883/ 1884) auf Studienreise nach Deutschland. Das Ziel sind die Universitäten in Berlin und in Freiburg im Breisgau. In Berlin besucht Wittenbauer Vorlesungen von so berühmten Professoren wie Kronecker, Kummer, Helmholtz, Kirchhoff und Reuleaux. Hier in Deutschland hat er, der von seinen nachmaligen Schülern als verschlossen und als sehr zurückhaltend beschrieben wird, vermutlich auch einiges von der Wanderburschen-Herrlichkeit erlebt und verinnerlicht. Er, der zeitlebens das „Land der Deutschen mit der Seele“ gesucht hat, hat es hier wohl zum ersten Mal gefunden. Wenn seine deutschnationale Gesinnung nicht schon in seinem Elternhaus in Marburg an der Drau, im damaligen steirischen Grenzland angelegt wurde, dann hat diese wahrscheinlich in der ersten Wanderschaft des Fünfundzwanzigjährigen in Deutschland ihre gefühlsmäßigen Wurzeln.


In den Ferienmonaten des Jahres 1885 finden wir Wittenbauer als Praktikanten in der Brückenanstalt der Alpine Montan-Gesellschaft in Graz, wo er sich vertraut macht mit den Forderungen, die die Praxis an den Ingenieur stellt.


Zwei Arbeiten, die "Kinematik des Strahles" und "Die Ebene als bewegtes Element", die 1883 bzw. 1885 erscheinen, zeugen aber davon, daß Wittenbauer sich entschieden der Theorie verschreiben will. Mit diesen beiden Arbeiten betritt Wittenbauer eigentliches Neuland, indem er Gedankengänge der damals modernen Geometrie aufgreift: Nicht der bewegte Punkt ist das Objekt der Untersuchungen, sondern die bewegte Gerade, beziehungsweise die bewegte Ebene.


Beide Arbeiten Wittenbauers sind in ihrer Art sehr originell. Da die Darstellung der Bewegungen der Körper in der Mechanik auf der Darstellung der Bewegungen seiner Punkte beruht, ist anzunehmen, daß Wittenbauer nicht erwartet hat, daß seine beiden Normalkoordinatensysteme für die Mechanik Bedeutung erlangen könnten. Er hat sie in keiner seiner folgenden Arbeiten verwendet.


Durch die Berufung von Professor Franz Stark an die Deutsche Technische Hochschule in Prag wird 1886 die Lehrkanzel für "Reine und Technische Mechanik und Theoretische Maschinenlehre" an der k.k. Technischen Hochschule in Graz vakant. Der dreißigjährige, diplomierte Ingenieur Ferdinand Wittenbauer, durch seine bisherigen Arbeiten wissenschaftlich gut ausgewiesen, bewirbt sich bei dem "hochlöblichen Professoren-Collegium" und wird auf dessen Vorschlag 1887 als außerordentlicher Professor mit der Leitung dieser Lehrkanzel betraut. Vier Jahre später folgt seine Ernennung zum Ordinarius. In dieser Funktion entfaltet Wittenbauer eine fruchtbare Lehr- und Forschertätigkeit, die ihn zu seiner Zeit zu einem der wichtigsten Vertreter der Technischen Mechanik werden läßt.


Von seinen Schülern wurde Wittenbauer vermutlich ebensosehr verehrt wie gefürchtet. Witz, Sarkasmus und Güte werden ihm von allen Schülern nachgesagt, denen er gestattete, ihn etwas näher kennenzulernen. Daß er seinen Studenten, ohne es zu zeigen, herzlich zugetan war, zeigt die sorgfältige Buchführung über alle Prüfungen, die die aus allen Ländern der österreichischen Monarchie stammenden Studierenden bei ihm abgelegt haben. Auch sind die Sympathieträger in seinen, seinerzeit auf den Bühnen Deutschlands und Österreichs erfolgreichen Dramen: „Filia hospitalis“ und „Der Privatdozent“ die 1903 bzw. 1905 in Druck erschienen sind, sehr studentenfreundliche Professoren.


Die wissenschaftlichen Arbeiten, die Wittenbauer nach seiner Ernennung zum ordentlichen österreichischen Professor für Allgemeine und Technische Mechanik veröffentlicht, erscheinen nun in der angesehenen Zeitschrift für Mathematik und Physik, in der alle berühmten Fachkollegen (Aronhold, Grübler, Burmester, Rodenberg) publizieren. Es sind dies die Arbeiten: "Über gleichzeitige Bewegungen eines ebenen Systems" (1888), "Die Wendepole der absoluten und der relativen Bewegung" (1891), und die drei Aufsätze die in einem einzigen Jahr erscheinen: "Über die Wendepole einer kinematischen Kette", "Über den Beschleunigungspol der zusammengesetzten Bewegung" und "Die Beschleunigungspole der kinematischen Kette" (1895). Alle diese (durchschnittlich zwanzigseitigen) Aufsätze sind der kinematischen Geometrie zuzurechnen, in der die Beziehungen, die zwischen den (absoluten bzw. den relativen) Geschwindigkeiten und Beschleunigungen der verschiedenen Punkte einer ebenbewegten Ebene in einer momentanen Lage bestehen, studiert und ausführlich dargestellt werden.


Zu Zeiten Wittenbauers war die "Graphische Statik" (Culmann, Müller-Breslau, Mohr) bereits ein wohl etabliertes Teilgebiet der Technischen Mechanik. Sie kam den Bauingenieuren besonders entgegen, da sie Aufgaben von großer praktischer Bedeutung schnell und übersichtlich durch das Ziehen von einigen Strichen zu lösen gestattete. Im Anschluß daran hat es nicht an Versuchen gefehlt, graphische Methoden nicht nur für die Kinematik, sondern auch für die Dynamik nutzbar zu machen. Auf dem Gebiet der graphischen Dynamik konnte Wittenbauer dann seine größten Erfolge erzielen. Bevor auf diese näher eingegangen werden kann, müssen noch andere Arbeiten Wittenbauers angeführt werden, die anderen Teilgebieten der Technischen Mechanik zuzurechnen sind und die die Vielseitigkeit der schöpferischen Tätigkeiten Wittenbauers in der Allgemeinen Mechanik dokumentieren.


1896 erscheint seine elastizitätstheoretische Arbeit mit dem Titel: "Theorie der Schubspannungen und der spannungslosen Geraden", in der es um den geometrischen Zusammenhang zwischen der Orientierung des Flächenelementes und der Richtung der Schubspannung in einem Punkt des dreidimensionalen Spannungsfeldes geht. Der Ausdruck "spannungslose Gerade" befremdet hier, weil Spannung ja doch als eine Kraft pro Flächeneinheit definiert wird. Wittenbauer versteht darunter die Richtung, in der der einem Flächenelement zugeordnete Spannungsvektor keine Komponente besitzt. Die übersichtliche zweidimensionale Darstellung des räumlichen Spannungszustandes durch die "Mohrschen Spannungskreise" war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch unbekannt.


In dem Aufsatz "Über den Stoß freier Flüssigkeitsstrahlen" diskutiert Wittenbauer im Jahr 1901 das für den Maschinenbau (Turbinen und Pumpenbau) besonders wichtige Problem der Kraftwirkung auf eine schräggestellte Platte, für das aufgrund verschiedener vereinfachender Annahmen (unbegrenzte, reibungsfreie Fläche, freier Abfluß nach allen Seiten) bereits verschiedene Lösungen vorgeschlagen worden waren. Wittenbauer weist auf die Nichtübereinstimmung der bisher gebräuchlichen Angaben hin, und gibt eine auf dem Gaußschen Prinzip des kleinsten Zwanges basierende eigene Näherungslösung an, wobei es ihm auch noch gelingt, die Dicke der abfließenden Wasserfäden rund um den Auftreffpunkt des Strahles näherungsweise zu bestimmen. Das Problem des Stoßes eines Flüssigkeitsstrahls auf eine begrenzte, schiefliegende Platte ist einer exakten Lösung nicht zugänglich, daher sind zuverlässige Näherungslösungen damals wie heute von Interesse.


Zwei der zeitlich darauf folgenden Arbeiten beschäftigen sich mit dem Knick-Problem: "Die Knicklast mehrfach befestigter Stäbe" (1902), und "Die Verallgemeinerung der Eulerschen Knicklast" (1903). Beide Arbeiten sind von Bedeutung für die Bautechnik.


Die ab 1904 erscheinenden Abhandlungen Wittenbauers sind sämtlich Vorarbeiten für ein von ihm geplantes, groß angelegtes Werk über die Anwendung graphischer Methoden in der Dynamik. Dieses umfangreiche Werk mit 797 Seiten hat Wittenbauer gemäß seinem Vorwort im Februar 1922 abschließen können; am 16. Februar verstarb er nach kurzer Krankheit. Das Buch erschien im darauffolgenden Jahr und begründete eigentlich den internationalen Ruf Wittenbauers. Welches sind nun diese Vorarbeiten, die dann im Zusammenhang in der "Graphischen Dynamik" ihre ausführliche Darstellung finden? Sie beginnen 1904 mit der "Graphischen Dynamik der Getriebe", in der der Plan für das große Werk entworfen wird und alle wichtigen Themen bereits angesprochen werden: Die Theorie der dynamischen Ersatzpunkte, die Rückführung der Dynamik der ebenen, zwangsläufigen Getriebe auf die Dynamik eines Punktes mit veränderlicher Masse, auch die Ermittlung des Schwungrades unter genauer Berücksichtigung aller beteiligten Massen wird hier bereits kurz angedeutet.


Wittenbauer, russisches Lehrbuch
In dem Aufsatz "Die Bewegungsgesetze der veränderlichen Masse" (1905) zeigt Wittenbauer, welche Veränderungen an den Grundgleichungen der Dynamik vorgenommen werden müssen, wenn von der absoluten Konstanz der Masse des bewegten Körpers abgegangen wird. Diese Gleichungen werden aufgrund sowohl des Impulssatzes als auch des Energiesatzes abgeleitet und es wird die Gelegenheit wahrgenommen, auf Unzulänglichkeiten, die in der Literatur (Resal, Piaron de Mondesir) zu diesem Thema bestehen, hinzuweisen. Wittenbauer unterscheidet zwischen einer gedachten Massenänderung, wie sie in seiner graphischen Dynamik eine wichtige Rolle spielt, und einer tatsächlicher Massenänderung, die durch das kontinuierliche Hinzutreten oder Absprengen von Masseteilchen zustandekommt.

Der russische Lehrer Tsiolkovski hat 1903 seine nunmehr weltberühmte Raketenformel veröffentlicht, die die im Weltraum erreichbare Geschwindigkeit einer abbrennenden Rakete angibt. Diese Raketenformel findet man nicht in Wittenbauers Arbeit, sie könnte aber ohne weiterers aus seinen Gleichungen gefolgert werden. Zu Recht wird in der Wissenschaftsgeschichte allein Tsiolkovski als der Begründer der Raketentechnik genannt, denn bei Wittenbauers Aufzählung von Beispielen, bei denen veränderliche Masse vorkommt, werden Raketen seltsamerweise gar nicht erwähnt.


Im selben Jahr 1905 publiziert Wittenbauer seinen Aufsatz "Die graphische Ermittlung des Schwungradgewichtes", der in der Fachwelt wohl die größte Resonanz von allen seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen gefunden hat. Die darin dargelegte graphische Methode zur Bestimmung des erforderlichen Trägheitsmomentes des Schwungrades, welches die Ungleichförmigkeit des stationären Laufes einer Maschine in vorgegebenen Grenzen hält, hat dank ihrer bemerkenswerten Einfachheit sofort in aller Welt Eingang in die Lehrbücher über Maschinendynamik gefunden.


Wittenbauer, chinesisches Lehrbuch
Hinweis auf Ferdinand Wittgenstein in Lehrbüchern in russischer und chinesischer Sprache (Archiv K. Wohlhart)
Sie ist auch heute noch in den Lehrbüchern zu finden, sofern diese sich nicht ausschließlich der Computertechnik verschrieben haben.
Daß in dem bekannten Buch von I. Artobolevski 2Theorie des Mechanismes et des Machines2 im Jahre 1975 (/5/) diese Methode zwar dargestellt, aber nicht nach Wittenbauer benannt wird, hat seinen Grund darin, daß Artobolevski, offensichtlich ohne Kenntnis von Wittenbauers Arbeit, sie 1947 von neuem entdeckt hat.


Ein Hochschullehrer hat den ihm anvertrauten Gegenstand in Forschung und Lehre nach besten Kräften zu vertreten. Ansehen unter den Fachkollegen bringen nur Erfolge in der Forschung; ein Erfolg in der Lehre ist im allgemeinen nicht unmittelbar nachweisbar. Daß Wittenbauer aber auch einer der erfolgreichsten Lehrer der Technischen Mechanik war, beweist genugsam seine Sammlung von 2Aufgaben aus der Technischen Mechanik2, die in erster Auflage dreibändig in den Jahren 1907-1911 im Verlag von Julius Springer in Berlin erschien. Es ist dies die erste deutschsprachige Aufgabensammlung in der Mechanik überhaupt. Das Werk erlebte bis 1931 sechs Auflagen: Generationen von Studierenden an den k.k. Technischen Hochschulen der österreichischen Monarchie und in Deutschland haben anhand dieser drei Bücher die Anfangsgründe der Mechanik gelernt. Zufälligerweise erschien gleichzeitig (1907) in Rußland die "Sammlung von Aufgaben der Theoretischen Mechanik" von I. Mestscherski (/97/) mit gleicher Zielsetzung. Im Westen ist dieses Werk in deutscher Übersetzung erst nach dem zweiten Weltkrieg bekannt geworden.


Der publizistische Erfolg der Wittenbauerschen Aufgabensammlung ist vermutlich darauf zurückzuführen, daß sie, wie es im Vorwort der ersten Auflage heißt, "...keine Probleme der Mechanik, sondern leichte Aufgaben, die von jedem Anfänger aufgrund von Vorlesungen über technische Mechanik gelöst werden können..." enthält. Wittenbauer verzichtet darauf, besonders interessante Aufgaben zu ersinnen; solche Aufgaben sind für den Fortgeschrittenen als Herausforderung sehr wertvoll, den Anfänger aber können sie sehr leicht mutlos machen. Es geht Wittenbauer offensichtlich darum, im jungen Studierenden Freude an der eigenen Leistungsfähigkeit zu wecken. Die Sammlung besteht aus drei Teilen: Der erste Band enthält etwas mehr als 800 Aufgaben aus der allgemeinen Mechanik (der Mechanik der starren Körper), im zweiten Band findet man rund 500 Aufgaben aus der Festigkeitslehre (der Mechanik der elastisch verformbaren Körper), und schließlich bringt der dritte Band etwa 500 Aufgaben aus dem Gebiet der Strömungslehre (der Mechanik der Flüssigkeiten und Gase). Fast wie in einem programmierten Unterricht wird in ganz wenigen Zeilen jeweils eine Aufgabe vorgestellt, immer begleitet von einer kleinen Zeichnung. Wesentlich ausführlicher wird dann, immer bei den Grundlagen beginnend, der Lösungsweg beschrieben, der zu dem gewünschten Ergebnis führt. Die Auflagenzahlen dieser Bücher müssen beträchtlich gewesen sein; in den wissenschaftlichen Antiquariaten der großen europäischen Städte kann man sie oft noch finden; und einer, der diese Bücher heute zur Hand nimmt, kann daraus immer noch gut und mühelos die Anfangsgründe der Mechanik erlernen. Dieses Sammelwerk wurde auch mehrfach in fremde Sprachen übersetzt, noch im Jahre 1965 ist eine Ausgabe in spanischer Sprache erschienen.


In der "Graphischen Dynamik", die 1923 im Verlag von Julius Springer in Berlin erschienen ist, stellt Wittenbauer alle die von ihm auf dem Gebiet der Getriebetechnik erzielten, wissenschaftlichen Ergebnisse im Zusammenhang ausführlich dar. Obwohl auch andere Wissenschaftler (Radinger, R.Proell, G.Hermann) Beiträge zu einer graphischen Dynamik geliefert haben, gilt Wittenbauer aufgrund seiner eigenen Beiträge und dieser vorbildlichen, zusammenfassenden Darstellung zu Recht als der eigentliche "Schöpfer der graphischen Dynamik" (K. Federhofer). Jemand, der die Vorarbeiten Wittenbauers zu diesem seinem größten Werk nicht kennt, wird unter dem Titel "Graphische Dynamik" möglicherweise zeichnerische Integrationsmethoden vermuten; besteht doch die Grundaufgabe der Dynamik -mathematisch gesehen- in der Integration eines Systems von Differentialgleichnungen. Das wäre aber ein Mißverständnis, davon ist im Buch selten die Rede. Wittenbauer betrachtet in der Graphischen Dynamik im ersten, dem weitaus größten Teil des Buches, Probleme, die dem momentanen Bewegungszustand eines mechanischen Systems zugeordnet werden können. Es geht um den Geschwindigkeitszustand, den Beschleunigungszustand und um die Kräfte in den Gelenken in einer bestimmten Lage des mechanischen Systems. Unter den mechanischen Systemen sind dabei fast ausschließliche Mehrkörpersysteme, gelenkig verbundene starre Körper, der ebenen Getriebetechnik zu verstehen. Es wird meist auch noch Zwanglauf vorausgesetzt, so daß man sich auf einem Gebiet befindet, bei dem graphische Methoden im Sinne Wittenbauers ein sehr weites Anwendungsfeld haben. Bedenkt man die Vielzahl der Mechanismen, die in der Maschinenbau-Technik Verwendung finden, kann man ermessen, wieviel Probleme sich selbst bei diesen Einschränkungen der Aufgabenstellung bereits ergeben.


Das letzte Kapitel des Buches ist der Ermittlung des Schwungradgewichtes vorbehalten, Wittenbauers wichtigstem Beitrag zur Getriebetechnik. F. Radinger hat 1869 eine Methode der Schwungradberechnung vorgeschlagen, die in sich widersprüchlich ist: Einerseits wird konstante Maschinendrehzahl zur Berechnung der Trägheitskräfte angenommen, während andererseits gerade die Ungleichförmigkeit des Laufes der Maschine in Zusammenhang gebracht wird mit dem Schwungradgewicht. Wittenbauer gibt eine auf beliebige Zwanglaufgetriebe anwendbare, zeichnerisch exakte Methode an, bei der die Massenverteilung des Getriebes ohne jede Vernachlässigung berücksichtigt wird. Das Wittenbauersche "Massenwucht-Diagramm" gestattet den Zusammenhang zwischen dem Trägheitsmoment des Schwungrades, der mittleren Drehzahl und dem Ungleichförmigkeitsgrad des Maschinenlaufes unmittelbar zu überblicken.


Nimmt ein Student des Maschinenbaus an einer Technischen Hochschule Wittenbauers dickes Buch heute noch in die Hand? Nein; bereits der Titel des Buches wird ihn davon abhalten. Die elektronische Datenverarbeitung hat eine neue, eine gegensinnige Entwicklung in der Mechanik eingeleitet: Die durchwegs auf ebene Probleme beschränkten graphischen Lösungsmethoden haben, so elegant sie sein mögen, ihre einstige Bedeutung weitgehend eingebüßt, Rechenprogramme von großer Leistungsfähigkeit sind an ihre Stelle getreten. Die Unterscheidung zwischen Analytischer Mechanik und Technischer Mechanik ist gegenstandslos geworden; die elektronische Datenverarbeitung macht es möglich, den zeitlichen Ablauf der Bewegung hochkomplexer Strukturen rechnerisch zu verfolgen und diesen in Diagrammen, Bildern und Filmen sichtbar zu machen.


Karl Federhofer
Karl Federhofer: Rektor 1828/29
(Porträt von Leo Scheu / Foto: H. Tezak, TU Graz)

Diese Entwicklung hat zu Zeiten Wittenbauers und später noch niemand voraussehen können. In seiner Inaugurationsrede über die "Zukunft und Ziele der Technischen Mechanik" fragt Wittenbauer: "... warum rechnen wir soviel und so umständlich, wenn wir das Ziel durch eine Zeichnung müheloser erreichen können?" und äußert sich überzeugt davon "... daß in Zukunft an den Technischen Hochschulen besondere Lehrkanzeln für graphische Dynamik entstehen werden..."

Wenn von Wittenbauers Schülern die Rede ist, dann ist es angebracht, an einen seiner in der Folge sehr bedeutsamen Schüler zu erinnern, der in den Annalen sehr wohl prominent verzeichnet ist: Professor Karl Federhofer. Von der Technik in Graz wurde Federhofer bereits im Todesjahr Wittenbauers als Ordinarius für Mechanik berufen. Er trat damit die unmittelbare Nachfolger des von ihm so sehr verehrten Lehrers an, und es gelang ihm, die viel gerühmte Wittenbauersche Mechanikschule erfolgreich weiterzuführen und zu vertiefen.


Neben Wittenbauer wird man aber in der Geschichte der Mechanik kaum einen Wissenschaftler namhaft machen können, der in zwei sich gegenseitig scheinbar ausschließenden Gebieten, der Mechanik und der Dichtkunst, zumindest in seiner Zeit gleich erfolgreich war. Gewiß hat der eine oder der andere Wissenschaftler privatim in der Malerei dilettiert, Lieder komponiert oder Gedichte geschrieben, kaum einer aber ist mit seinen poetischen Hervorbringungen in der Öffentlichkeit so erfolgreich hervorgetreten wie Wittenbauer. Wenn diese Dichtungen sich auch nicht "dauerhafter als Erz erwiesen haben, so erlauben sie dem Interessierten immerhin einen guten Einblick in das Gefüge des gesellschaftlichen Lebens um die Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert.


Wittenbauer als Dichter#

Wittenbauer
Titelblatt zu Emil Leimdörfer: Ferdinand Wittenbauer
Den Stoff für seine besten Werke, die drei Dramen "Filia hospitalis", "Der Privatdozent" und "Der weite Blick", schöpfte Wittenbauer aus seinen Studienjahren an der Technik in Graz, seiner Zugehörigkeit zur Burschenschaft "Allemannia", sowie aus seinem Berufsleben als Techniker und Hochschullehrer.

In neueren, überregionalen Publikationen sucht man den Dichter Ferdinand Wittenbauer vergebens. Dies ist auf die stark zeit- und milieugebundene Thematik des überwiegenden Teils seines dramatischen Schaffens, einerseits, auf den romantisierenden, „altdeutschen” Charakter seiner Lyrik und Prosa andererseits zurückzuführen. Was das Werk Wittenbauers, vor allem die genannten drei Stücke, interessant macht, ist nicht ihr (mäßiger) literarischer Wert, sondern die zutage tretende Reflexion politischer, kultureller und sozialer Zustände und Auseinandersetzungen im Hochschul- und Studentenleben. Von den bedeutenden literaturgeschichtlichen Nachschlagewerken beschäftigt sich nur Nagl-Zeidler-Castle ausführlicher mit Wittenbauer. Bei aller Kritik wird ihm zugestanden, "was den meisten steirischen Dramatikern fehlt, das sichere Gefühl für die Forderungen der Bühne, er wußte eine Handlung in Bewegung zu halten, zur Spannung zu steigern, im rechten Augenblick durch wuchtige Massenszenen zu unterstreichen, und es war in ihm das Feuer aufbrausender Leidenschaft, ohne die das Wort auf der Bühne nicht zünden und entflammen kann." Die Literatur der Steiermark ist bis zu Max Mell arm an Dramatikern. Wittenbauer war "der erste Steirer, der sich die deutsche Bühne wenigstens für ein Vierteljahrhundert eroberte."


Daß der Erfolg seiner Stücke der sicheren "Bühnentechnik des Mechanikprofessors" zuzuschreiben sei, "der mit den Gesetzen der zweckmäßigsten Kraftverteilung auch auf diesem Gebiete vertraut war", und nicht den zugrundeliegenden Tendenzen, ist fraglich. Gerade die antiklerikalen Ausfälle haben – wie noch gezeigt werden wird – beim bürgerlich-liberalen Theaterpublikum Beifallsstürme ausgelöst.


Schon zu Lebzeiten Wittenbauers, um 1904, erschien in Wien im Verlag Carl Konegen (später Ernst Stülpnagel), der eine Reihe seiner Werke herausbrachte, ein Büchlein von Emil Leimdörfer über den Dichter mit dem Titel: "Ferdinand Wittenbauer. Ein Neu-Romantiker aus Österreich". Der panegyrische Stil des Verfassers läßt die Sachlichkeit des Urteils a priori bezweifeln. Wittenbauer „hängt mit den Fasern seines Herzens am deutschen Volke", heißt es da, liebt das Mittelalter und idealisiert es, "weil er annimmt, daß damals das deutsche Volk am reinsten seine nationale Eigenart zur Geltung brachte". Leimdörfer hält Wittenbauer einem Rudolf Baumbach und Julius Wolff für ebenbürtig und nennt ihn einen "Virtuose(n) der Seelenmalerei", dessen Gestalten "keine modernen" seien: „sie empfinden nicht neurasthenisch ... bergen nicht im mittelalterlichen Gewande Gegenwartsgefühle, sondern ihr Seelenleben äußert sich stark, ohne die hypernervöse Feinheit unserer Zeit."


Während Leimdörfer außer der "Filia hospitalis", die kurz vor ihrer Erstaufführung stand, nur das frühe lyrische und Prosaschaffen Wittenbauers analysieren konnte, blickte Dora Leon 1922 auf das Gesamtwerk zurück. Eineinhalb Monate nach dem Tode Wittenbauers hielt die Wiener Literaturhistorikerin im Steiermärkischen Landesverein Deutscher Ingenieure und Techniker einen Vortrag: Ferdinand Wittenbauer, der Techniker als Dichter. Den "Wiener Literaturfreunden" habe Wittenbauer, so Dora Leon, "als einer der interessantesten und gedankenschärfsten Steirer Dichter" gegolten.

Sie schätzt an ihm seine Selbstironie, die Kritik am Zeitgeist und dessen Übertreibungen, wie dies in der Sammlung von Kurzerzählungen "Schnabelwetze" zum Ausdruck komme. Der Vortrag enthält auch ausführliche Inhaltsangaben der Dramen Wittenbauers. Ort und Anlaß der offensichtlichen Gedenkrede können eine kritische Auseinandersetzung nicht erwarten lassen. So bleibt diese Darstellung selbst dem Zeitgeist verhaftet, wenn aus dem Werk Wittenbauers die abseits literarischer Wertungen liegende Mahnung abgelesen wird, "daß nur Leistung, Höchstleistung, Arbeit und härteste Pflichterfüllung erweisen kann, daß wir noch echte rechte Deutsche sind, die nicht nur mit Herz und Mund, sondern mit unserem ganzen Wollen und Können für unser armes deutsches Vaterland eintreten".


Wittenbauer, Filia hospitalis
Uraufführung des Stückes "Filia hospitalis" am Wiener Burgtheater in Wien (Orig.: Österr. Theatermuseum in Wien)

Sehen wir nun im einzelnen nach den Werken Wittenbauers: Die "Filia hospitalis" kennen wir aus dem Refrain des Studentenliedes "O wonnevolle Jugendzeit", das die Unvergleichlichkeit des studentischen Hauswirtstöchterleins besingt. Es liebt den ordentlichen Studenten Ulrich Hauser. Dieser ist ein erklärter Duellgegner, tötet aber den Corpsstudenten, der Marianne beleidigt, im Zweikampf.

Das Stück erschien 1903 als Textbuch und wurde 1906 am Wiener Bürgertheater uraufgeführt. Die Aufnahme des Stückes durch die Presse war unterschiedlich: die "Neue Freie Presse" nahm es nicht ernst, während das "Alldeutsche Tagblatt" in der "Filia hospitalis" das "hohe Lied des Couleurwesens" sah.


In Graz konnte das Stück erst nach Streichungen im Text aufgeführt werden, die in erster Linie Verbaliniurien gegen die Polizei („Kerl“) und Zweifel an deren staatserhaltender Bedeutung, in geringerem Maß die Darstellung und Beurteilung katholischer Verbindungsstudenten ("schwarze Zunft") betrafen.

Es waren "Vorfälle nach bekanntem Muster" ("Volksblatt"), die Wittenbauer auf die Bühne brachte: Die jahrelangen handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen der 1888 gegründeten katholischen Verbindung "Carolina" und den etablierten national-liberalen Korporationen, die erst 1908 und 1913 ihre Höhepunkte finden sollten.


Am 26. März 1906 fand die Vorstellung im Grazer Schauspielhaus statt; Darsteller und Autor wurden unzähligemale, wie das "Tagblatt" berichtet, auf die Rampe des ausverkauften Hauses gerufen. In großer Deutlichkeit widerspiegeln die Besprechungen in den Grazer Zeitungen die scharfen Gegensätze im kulturpolitischen Klima der Stadt Graz. Das vernichtendste Urteil fällt mit wenigen Sätzen der sozialdemokratische "Arbeiterwille". Erwartungsgemäß nehmen "Volksblatt" und "Tagblatt" die konträren Positionen ein. Während sich letzteres an den „jugendlich stürmischen Kundgebungen wider die Feinde eines freien akademischen Lebens" erfreut, ist im "Volksblatt" von "bübischen Brutalitäten" die Rede, "wie sie auch ein Peter Rosegger im 'Sünderglöckel' für alle Zeiten gebrandmarkt" habe.


Wittenbauer, Privatdozent
Erstaufführung des Stückes "Der Privatdozent" am Deutschen Volkstheaterin Wien (Orig.: Österr. Theatermuseum in Wien)


"Der Privatdozent", ein Stück aus dem akademischen Leben, wie es Wittenbauer nennt, verknüpft Vorgänge bei der Nachbesetzung einer Universitäts-Lehrkanzel mit der Verlobung einer Professorentochter. Der Ennstaler Bauernsohn Johannes Obermayer, dessen ungehobeltes Benehmen die Professorengattinnen schockiert, soll einen vakanten Lehrstuhl erhalten. Als nicht er, sondern ein intriganter Streber und Brautwerber bei der Tochter des maßgeblichen Professors auf den Vorschlag kommt, verläßt der Privatdozent die Universität und geht heim in die "heile Welt" seiner Berge. Das Stück, 1905 in Dresden uraufgeführt, ging über viele Bühnen des deutschsprachigen Raumes. Im Wiener Volkstheater spielte der große Rudolf Tyrolt die Rolle des bärbeißigen Professors Prutz. Laute Tendenz, Verzerrung und Vergröberung warf man dem Stück vor, und das Grazer „Volksblatt“ verurteilte überaus scharf die Angriffe des Professors "Prutz-Wittenbauer" (!) auf Einschränkungen der Wissenschaft durch die Kirche: „Sozialistische Hetzredner ohne solide Schulbildung, aber vollgefüllt mit Geschichtslügen und schurkischen Pamphleten, mit unverdauten, aber jedem Spatzenhirn mundgerecht gemachten wissenschaftlichen Hypothesen ..., die geben in jedem Schmierblättchen, jeder Schnapsspelunke solche Phrasen zum besten."



In dem dritten seiner Stücke, die in einem Zusammenhang mit der Thematik Studenten und Hochschule stehen, "Der weite Blick", geht es um die Geringschätzung des Technikers als Fachmann im Verwaltungsapparat: der Ingenieur, der Nicht-Jurist, besitze nicht den nötigen Weitblick.


Ingenieur Martin Hammer ist mit dem Bau eines Eisenbahntunnels beauftragt. Die Personenkonstellation ist mit jener im "Privatdozent" vergleichbar: Der "Naturbursch" Hammer als Opfer von Intrigen, zwischen der Tochter aus gutem Hause und dem braven Mädel stehend. Wie der Privatdozent Obermayer scheitert auch Hammer, rechnet mit seiner tückischen Umgebung ab und bleibt bei Rosel, der Löwenwirtstochter. In der zentralen Szene des Stückes kommt es zur Auseinandersetzung zwischen Hammer und dem Verwaltungsjuristen von Zweibrücken: "Der Ingenieur denkt und der Jurist lenkt", war offenbar eine Lebenserfahrung Wittenbauers, die freilich heute, nach einem knappen Jahrhundert nicht mehr zutrifft und einer Einbindung von Fachleuten in politische Entscheidungen gewichen ist.


1914 hielt Wittenbauer vor dem Verein deutscher Techniker in Graz einen Vortrag über den "Ingenieur im deutschen Roman" und kritisierte scharf die Geringschätzung technischer Erziehung und Arbeit: "Das technische Genie ist ohne gründliche Kenntnisse nichts als Phantasterei und grandiose Entwürfe sind nicht künstlerische Inspiration allein, sondern haben wissenschaftliche Erkenntnis zur Voraussetzung." Allerdings mißfiel ihm am Ingenieur, "daß er sich um die schöne Literatur spottwenig" kümmere; "kein Stand verfällt leichter der Einseitigkeit als der Ingenieur."


Keines der übrigen Werke Ferdinand Wittenbauers hat nur annähernd eine solche Wirkung erzielt, wie die drei besprochenen Stücke, allen voran der "Privatdozent".


Nach dem Erstling "Der Praktikus" (1885), einer etwas steifen Verkleidungskomödie, in der der praktisch veranlagte Freund eines schwärmerischen Malers diesem sein geliebtes Mädchen zuführt, und der Gedichtesammlung "Flaschenzug und Zirkelspitze" (1894) ist das Versepos "Der Narr von Nürnberg" (1896) das erste größere Werk Wittenbauers. Es ist die Geschichte des krummen Stadtschulmeisters von Nürnberg, der unglücklich ein Mädchen vom Fahrenden Volk liebt. Das Thema erinnert an den Glöckner von Notre Dame oder an Cyrano de Bergerac. Vergeblich hat Wittenbauer 1895 versucht, das Manuskript bei Cotta (Leipzig) unterzubringen, auch "as Gispele“ (1900) wurde von dem renommierten Verlag nicht angenommen. Sowohl für den "Narren von Nürnberg" als auch für "Das Gispele" führte Wittenbauer historische Studien vor Ort durch, wie wir Tagebucheintragungen entnehmen können. Das "Gispele" ist eine Art Parzival aus dem Städtchen Miltenberg im Odenwald. Wittenbauer verknüpft in diesem Entwicklungsroman mehrere Menschenschicksale miteinander, bis sich am Ende die liebenden Paare finden. „Das Gispele“ ist im Zeitalter der Bauernkriege und der Reformation angesiedelt.


In der "Hübscherin und ihr Gärtlein" (1902) schildert Wittenbauer, wie ein treulos verlassenes Mädchen sich moralisch zugrunderichtet, Vagantenlieder enthält die Sammlung "Jung-Unnutz" (1897), und in der "Schnabelwetze" (1901) übt Wittenbauer mit Kurzgeschichten Gesellschafts- und Zeitkritik. Von den Gedichten Wittenbauers wurden einige von seinem Freund, dem Grazer Komponisten Josef Gauby, vertont und bei Konzerten in Graz gesungen. Wittenbauer war auch Mitarbeiter am "Lieben Augustin", zwei Feuilletons in Grazer Tageszeitungen wurden aufgrund der Manuskripte gefunden; es ist anzunehmen, daß es noch weitere gibt.


Wenig Erfolg hatte Wittenbauer mit seinen späten Dramen. "Ein Fremdling" (1909) spielt an einem italienischen Fürstenhof des späten Mittelalters. Der schwülen Morbidität des Welschlandes ist die Unverdorbenheit des Alpenhirten Ristus gegenübergestellt. Der "Dämon" (1911) meint das Morphium, das den zwischen zwei Frauen stehenden Künstler zerstört. Unveröffentlicht blieb ein Lustspiel, das in napoleonischer Zeit angesiedelt ist, und in dem Studenten das Töchterlein des Philisters "Antiburschius" (so heißt das Stück offenbar nach der letzten Strophe des "Gaudeamus igitur"“) ihrem "philiströsen Bräutigam abjagen" und in die Arme des Geliebten führen. Die hier genannten unveröffentlichten Manuskripte Wittenbauers befinden sich im Nachlaß Wittenbauer in der Österreichischen Nationalbibliothek (Handschriften- und Inkunabelsammlung) in Wien.


"Die Ärztin" wurde 1914 in Graz aufgeführt. Wittenbauer behandelt darin die Problematik der berufstätigen emanzipierten Frau. Der Dichter begegnet der aufopfernden beruflichen Tätigkeit mit hoher Achtung, meint aber, daß dies nur um den Preis des Frau-Seins möglich sei.

Nicht zum Schlechtesten unter den Werken Wittenbauers zählt sein unveröffentlichtes Schauspiel "Der neue Mann". Es erinnert an Anzengrubers Volksstücke und spielt im Wien der Gegenwart. Einem braven Tischlermeister bringt das Reichsratsmandat familiäres und geschäftliches Unglück. Mit seinem einfachen Hausverstand kämpft der ehrliche Volksvertreter ("Ein Mandat vom Volk ist kein Spielzeug") gegen Intrigen und den Mißbrauch des Parlaments. In der Parabel von der "Gesinnungstüchtigen Halsbinde" kann es die tragikomische Gestalt des Schreibers Eusebius Federl seinen Vorgesetzten nicht recht tun. Weder, als er seiner schwarzen Halsbinde ein patriotisches gelb zufügt, noch weniger mit einem zusätzlichen roten Bändchen (schwarz-rot-gold!), am allerwenigsten, als er mit einer nur roten Binde erscheint. Schließlich trägt er gar keine Halsbinde mehr, wird deswegen auch beanstandet und erhängt sich. Ein Wesenszug Wittenbauers war seine Liebe zum Reisen und Wandern; nicht im alpinistischen Sinne, sondern als Verbindung von Natur- und Kunsterlebnis. Die penible Buchführung über Reiseausgaben zeugt von Ordnungssinn und Sparsamkeit. Ausgeprägt ist Wittenbauers historisches Interesse: „Das Mittelalter interessiert mich natürlich am meisten“, hält er nach einem Besuch im Bayerischen Nationalmuseum in München fest. Mehrmals finden sich kritische Äußerungen über Architektur, über schlechten Geschmack und über unsachgemäße Renovierungen: "Es ist alles sehr zierlich und glatt; man renoviert fortwährend herum", notiert er angesichts der Wartburg. Auch bedient sich Wittenbauer im Selbstgefühl seines Bildungsniveaus nicht ungern der Bezeichnung "Spießer". Und ganz dem Zeitgeist entsprechend, zeigt er sich stark zu Denkmälern historischer Persönlichkeiten hingezogen.
Für die Dichterfürsten Goethe und Schiller hegt unser steirischer Schriftsteller höchste Bewunderung. In Schillers Garten in Jena ist er mit seinen Wanderfreunden Gustav Leinauer und Josef Gauby allein: "Wir ... halten stille Einkehr; ich bin sehr ergriffen." Noch tiefer sind die Eindrücke in Weimar. Wittenbauer bedauert die beiden Dichter, in der Fürstengruft in Gesellschaft "unbedeutender Fürsten und Fürstinnen" ruhen zu müssen.

Bei den drei Stücken Wittenbauers aus dem Studenten-, Hochschul- und Technikermilieu können wir von Schlüsselliteratur sprechen, wenngleich eine eindeutige Zuweisung von Personen und Ereignissen nicht möglich ist – und auch gar nicht im Interesse des Autors liegen konnte. Wittenbauer greift insbesondere die Überheblichkeit und Verschwendungssucht der Couleurstudenten und ihr elitäres Selbstverständnis an. In Tübingen betrachtet er die Häuser der Corps, "manche ganz neu, förmliche Club-Häuser. Und das alles müssen die p. t. Eltern zahlen!" Die in der Studentenschaft der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts vorhandene demokratisch-freiheitliche Komponente wurde in den Achtzigerjahren nach der "illiberalen Wende" vollständig verdrängt und bald auch durch antisemitische Strömungen abgelöst. Äußeres Zeichen dieser Wende ist der Sieg des "konservativen Prinzips" (Mensur und Satisfaktion) auch in Graz seit 1885. Es trifft zu, was die Grazer "Tagespost" resumiert: Daß in der "Filia" die "Duellfrage als solche in ihrer allgemeinen gesellschaftlichen und ethischen Bedeutung" keiner „Lösung oder neuen Beleuchtung zugeführt" wird und Wittenbauer auch nicht "zu den heiß umstrittenen Gegensätzen zwischen schlagenden und nichtschlagenden Verbindungen eine bestimmte und deutliche Stellung" bezieht. Und sie fragt, ob man vielleicht "in der Tatsache selbst, daß durch das Duell ... zwei junge blühende Menschenleben, das eine physisch, das andere moralisch zerstört werden, den Standpunkt und die Meinung des Verfassers" erblicken kann?


Satisfaktion und Duell haben in nicht geringem Ausmaß Eingang in die Literatur gefunden. Heinrich von Schullern, der Verfasser des wichtigen Schlüsselromans über das Grazer Couleurstudententum, "Jung-Österreich", schrieb einen Einakter "Satisfaktion". In den Erzählungen und Dramen Arthur Schnitzlers, beispielsweise im "Weiten Land", hat das Duell eine wichtige Funktion für die Handlung und den Charakter der beteiligten Personen. In seinem Stück "Freiwild" stellt die Weigerung, Genugtuung mit der Waffe zu geben, den Ausgangspunkt des dramatischen Geschehens dar.


In seinem ausgeprägten Antiklerikalismus erweist sich Wittenbauer als Kind der liberalen Tradition der Stadt Graz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier wurde der Kampf gegen den politischen Katholizismus erbitterter als sonstwo in der Donaumonarchie geführt. Er verband sich mit einem eher distanzierten Verhältnis zur Dynastie und manifestierte sich u. a. in der überproportionalen Beteiligung national-liberaler Korporationsstudenten und Akademiker in der Los-von-Rom-Bewegung.

In vielfältiger Weise tritt, wie schon erwähnt, das Thema Hochschule im Werk Wittenbauers in Erscheinung. In der "Filia hospitalis" ist sie eher farbige Kulisse, wenn auch nicht beliebig austauschbar, im "Privatdozent" wird sie selbst thematisiert.

Bewahrung der Autonomie der Hochschule heißt bis heute der Kampfruf ihrer Angehörigen, wenn politische Bevormundung zu befürchten steht. Eine Facette dieses Mythos seit Humboldts Tagen führt Wittenbauer im Aula-Akt der "Filia hospitalis" publikumswirksam vor. Als die "Welfen"“ mit Hilfe der Polizei ihr "Aufzugsrecht" an der Universität erzwingen wollen, tritt der Rektor für die Gleichberechtigung aller Studenten ein und fragt die Gegner der "Welfen", ob sie nicht wüßten, "daß die Zeiten der eigenen Gerichtsbarkeit längst vorbei sind, ... daß wir den selben Gesetzen unterstehen wie andere Staatsbürger" und ob sie einen "Staat im Staate" haben, "akademische Bürger ohne Gesetz" sein wollten. Aber der Rektor kann sich mit Vernunftargumenten nicht durchsetzen, Professor Engel übernimmt seinen Part und kann die national-liberale Studentenschaft beruhigen, indem er sich mit ihr "gegen ein Eingreifen der Polizei auf dem Boden der Alma mater" solidarisiert: "Das Ordnungschaffen soll sie gefälligst uns Professoren überlassen."


Der Standpunkt Wittenbauers ist, wie auch in anderen kontroversiellen Themen, nicht klar faßbar. Dem Polterer verschafft er alle Sympathien des Publikums, den Rektor läßt er an die Vernunft und die demokratische Einsicht der Studenten appellieren.

Das Schwergewicht im Themenbereich Hochschule bilden Fragen der akademischen Hierarchie und der professoralen Personalpolitik. Der Privatdozent Obermayer ist der "homo novus", der Eindringling in eine geschlossene, elitäre Gesellschaft, der "die akademische Tradition ... im Blute" steht: "sie sind eigentlich alle weitschichtig miteinander verwandt". Wittenbauer, der einstige Vertreter der Privatdozenten an der Technischen Hochschule in Graz, weiß, wovon er spricht: Sein literarisches alter ego stand schon einmal an erster Stelle eines Besetzungsvorschlages, und dennoch wurde ihm ein anderer vorgezogen, "der nichts, aber rein gar nichts gearbeitet hatte, bloß weil er über einflußreiche Verwandte verfügte."
Wittenbauers feine, psychologische Beobachtungsgabe – im Hinblick auf seine eigene berufliche Tätigkeit nicht überraschend – offenbart uns Mentalitätszüge des Hochschullehrers und Wissenschaftlers. Professor von Kellersheim äußert seine Abneigung gegen "diese endlosen Sitzungen, diese ekligen Gutachten ..." Ein Kabinettstück ist jene Szene, in der der Karrierist Lukanus unbeobachtet auf dem Schreibtisch Obermayers dessen neueste Arbeit liegen sieht: „Was der Mensch nur zusammenschreibt: Unglaublich. Wo bin ich denn eigentlich? Aha – hier. Meine Habilitationsschrift zitiert er. 'Tüchtige Arbeit.' Wie gnädig."
In den drei bedeutenden Bühnenwerken Wittenbauers spielen Nationalismus und Antisemitismus keine Rolle. Der Antagonismus Nationalliberal - Kerikal ist im "Privatdozent" und in der "Filia hospitalis" so dominant, daß nationale Konflikte oder antisemitische Töne, wie sie im Hochschulbereich tatsächlich auftraten, von Wittenbauer nicht thematisiert wurden. Es gibt aber ausreichende Belege für die Zugehörigkeit Wittenbauers zum ideologischen Deutschnationalismus, so schwierig dieser Bereich auch zu definieren ist.

Deutsche Keuschheit steht ihm gegen französische Laszivität, und anläßlich einer Reise durch die Rheinpfalz im Kriegsjahr 1915 entflammte er gegen die "französische(n) Mordbuben".


Eine Welle der Empörung löste das Vorgehen Großbritanniens im Burenkrieg 1899 bis 1902 aus, der die Afrikaans unter britische Herrschaft zwang. 1901 veröffentlichte Wittenbauer elf Gedichte unter dem Titel „Trutz England“, die teilweise in wilde Attacken ausarten. Die großen englischen Dichter, Shakespeare, Bacon und Milton würden sich schämen, meint er, und Lord Byron wäre gewiß zu den Buren übergelaufen. Einen indiskutablen Griff in die unterste Lade tat Wittenbauer mit seiner Herabsetzung der englischen Sprache: Sie sei "die ekelste aller Sprachen! Ein Zischen und Blöken aus Nase und Rachen, für Menschen gemacht, die nicht athmen dürfen, weil sie ihr Leben lang Nebel schlürfen."


Im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Badenischen Sprachenverordnungen, die in Böhmen den Gebrauch des Tschechischen als Amtssprache verfügten und alle Beamten zu ihrer Erlernung verhielten, verfaßte Wittenbauer ein vierstrophiges Kampflied "Deutsches Volk", nach der Weise des Prinz-Eugen-Liedes zu singen. Als man am Kommers anläßlich der Inauguration des Rektors der Technischen Hochschule in Graz am 17. November 1897 das Absingen des für diese Veranstaltung geschriebenen Liedes verbot, es daraufhin aber dennoch rezitiert wurde, löste der anwesende Polizeibeamte den Kommers auf.


Wittenbauer war aber kein kritikloser Bewunderer der Deutschen im "Altreich". Sein spezifisches (Deutsch-) Österreichertum wird aus zwei Tagebuchnotizen spürbar. "An der Saale hellem Strande", auf der im Studentenlied besungenen Rudelsburg, wird er dessen gewahr: "Wir nehmen den Kafé, ich schreibe in’s Fremdenbuch: O deutsche Burgen, wie würd ich euch lieben, wenn die Káfee-Dichter zuhause blieben!“ Und das berühmte "Batzenhäusl" in Bozen findet er "von Reichsdeutschen überfüllt, die brüllen."


Antisemitische Äußerungen kommen im Werk Wittenbauers nur marginal vor und bleiben, wie auch Bemerkungen in den Tagebüchern, im Rahmen des unerfreulichen aber zeitüblichen Klischees.

Ferdinand Wittenbauer kann als später Vertreter des liberalen Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden. Dessen Erbe manifestiert sich bei ihm in einem ausgeprägten Antiklerikalismus. Es ist seit den Achtzigerjahren durch das Hervortreten der deutschnationalen Komponente gekennzeichnet und veränderte sich substantiell mit der Aufnahme antisemitischer Strömungen.


Das dichterische Werk Wittenbauers ist im Prosa-Anteil durch einen neoromantischen Rückblick in die deutsche Vergangenheit charakterisiert. Viele seiner Dichtungen enthalten Sentimentalitäten, die einem heutigen Lesepublikum unerträglich sind. Der seinerzeitige Erfolg zweier seiner Bühnenwerke, "Filia hospitalis" und "Der Privatdozent", beruhte auf der einprägsamen Typisierung der Personen, auf einer kompetenten Milieuschilderung und publikumswirksamen Tendenz.


Literaturhinweise:#

  • ARTOBOLEVSKI, Ivan: Theorie des Mechanismes et des Machines, 1975
  • CERWINKA, Günter: Filia hospitalis. Studenten, Hochschule und "Kulturkampf" im literarischen Werk Ferdinand Wittenbauers (1857-1922). Schriftenreihe des Steirischen Studentenhistoriker-Vereines 21, Graz 1993 (Mit einem Gesamtverzeichnis des literarischen Oeuvre des Nachlasses und der Sekundärliteratur)
  • LEIMDÖRFER, Emil: Ferdinand Wittenbauer. Ein Neu-Ro-mantiker aus Österreich. Wien (um 1904)
  • LEON, Dora: Ferdinand Wittenbauer, der Techniker als Dichter, Vortrag, gehalten am 1. April 1922 im steiermärkischen Landesverein Deutscher Ingenieure und Techniker, Graz 1922
  • MESTSCHERSKI, I.W.: Aufgabensammlung zur Mechanik, Berlin 1955
  • NAGL-ZEIDLER-CASTLE: Deutsch-österreichische Literaturgeschichte, 4. Bd., Wien 1937, S. 1226f.
  • WITTENBAUER, Ferdinand: Zukunft und Ziele der Technischen Mechanik, in: Reden, gehalten am 15. November 1911, k. k. Technische Hochschule in Graz, 1912
  • WITTENBAUER, Ferdinand: Grafische Dynamik, Berlin 1923




© Text und Bilder: Josef W. Wohinz