Forschung an der Fakultät für Architektur:#

Die Straße: Potenziale städtebaulicher Umwertungen als urbaner, öffentlicher Raum und als infrastrukturelles Lenkungsinstrument der Agglomerationsentwicklung#


von


Vertragsprof. dipl.Architekt ETH Ernst Hubeli


Institut für Städtebau


Vertragsprof. dipl.Architekt ETH Ernst Hubeli
Ernst Hubeli


© Forschungsjournal WS 04/05


Neue Produktions- und Kommunikationstechniken haben die Standortabhängigkeit von öffentlichen Nutzungen und von Arbeitsplätzen stark relativiert. Das ist auch ein wichtiger Grund, wieso die Agglomeration einem anhaltenden Verstädterungsprozess unterworfen ist. Er ist bereits in einem fortgeschrittenen Stadium angelangt, so dass man heute nicht mehr von einer Suburbanisierung, sondern von einer Urbanisierung der Agglomeration sprechen muss. Es besteht die Tendenz und Perspektive, dass die urbane Infrastruktur von Kernstadt und Umland zwar nicht identisch, aber annähernd gleichwertig wird. Zudem hat die globalen telekommunikativen Vernetzungen zu einer neuen Raumkonstellation geführt: Räume haben zugleich eine reale wie eine mediale und virtuelle Dimension.

Dieser Strukturwandel hat neue Formen von Öffentlichkeit und öffentlichen Räumen hervorgebracht. Öffentlichkeit ist weniger an Orte gebunden; sie findet oft nur medial oder temporär statt oder am gleichen Ort mit wechselnden Öffentlichkeiten. Insofern kann der öffentliche Raum nicht mehr als Typologie klassifiziert werden. Auch die kategorische Differenz von ‚privat’ und ‚öffentlich’ besteht nicht mehr: in den Privatraum dringt Öffentlichkeit, in den öffentlichen Raum Privates. Und Öffentlichkeit kann fast überall geschehen: in Eventcities, als temporäre Urbanität, an Tankstellen, in Einfamilienhäusern oder Niemandsländern.

Die Forschung wirft zwei Fragen auf. Erstens, inwieweit erzwingt der Strukturwandel von Öffentlichkeit eine Umwertung des städtischen Raumes, was sich in einem neuen Angebot an Räumen und Vernetzungen konkretisieren würde. Als eine Arbeitshypothese wird angenommen, dass die Umwertung der Straßen (und ihre Nutzungen) die größten Potenziale hat, die Frage zu beantworten. Gemeint sind die Straßen, welche die Agglomerationen erschließen – also Autobahnen, Haupt- und Quartierstraßen. Das hohe Potenzial begründet der Umstand, dass Straßen im Agglomerationsraum bis anhin mehr oder weniger ausschließlich als reine verkehrstechnische Infrastruktur betrachtet, geplant und gestaltet wurden. Die zweite Frage befasst sich mit der Straße als städtebauliches Lenkungsinstrument – ob mit der Umwertung der Straße als urbaner Raum die strategischen, planerischen und gestalterischen Möglichkeiten erweitert und optimiert werden. Bei den bisherigen Lenkungsinstrumenten in Form von Zonen- und Nutzungsvorschriften handelt es sich im Wesentlichen um eine Verbotsplanung. Sie ist entspricht nicht mehr der gegenwärtigen und zukünftigen Agglomerationsentwicklung und ist in der Wirkung beschränkt. Anstelle dessen können Umwertungen von Straßenräumen mögliche städtebauliche Szenarien darstellen, die eine ziel- und zukunftsorientierte Entwicklungsplanung veranschaulichen und diskutierbar machen. Freilich kann auch ein solches Lenkungsinstrument die Agglomeration nicht als Ganzes kontrollieren – es soll es auch nicht. Die Kombination des evidenten infrastrukturellen Elementes mit städtebaulichen Inhalten verspricht aber eine Strategie mit erhöhten Umsetzungschancen für gewollte räumliche Entwicklungen: die Umwertung der Straße als urbaner Raum erzwingt zugleich einen fachlichen und einen öffentlichen Diskurs sowohl über städtebauliche und landschaftliche Fragen als auch über Entwicklungspotenziale der Agglomeration und Entscheidungsverfahren.


Problemstellung

Die Problemstellung gliedert sich in folgende Themenbereiche, die es zu vernetzen gilt:

1. Wechselwirkungen zwischen Öffentlichkeit und öffentlichem Raum
Die Bedeutung des öffentlichen Raumes hat sich seit den 90er Jahren grundlegend verändert. Durch die Globalisierung und die weltweit vernetzte Medialisierung entsteht eine Koexistenz von einer lokale Zeit mit einer globalen Zeit, von einer lokalen Kultur mit einer globalen Hyperkultur. Eine Gleichzeitigkeit, welche Öffentlichkeit allgegenwärtig in eine reale und in eine medial fiktive zersplittert, insbesondere in räumlicher Hinsicht. Die Kongruenz von Raumtyp, spezifischer (Teil-) Öffentlichkeit und sozialer Bedeutung existiert nicht mehr.

2. Umwertung von Straßenräumen - strategisches, planerisches und städtebauliche Potenziale
Die aktuellen Verstädterungsprozesse werfen die Frage auf, inwieweit die städtebaulichen Entwicklungen noch lenkbar sind. In den letzten Jahren konzentrierten sich die entsprechenden Ansätze europäischer Stadtforschungen auf die Infrastrukturplanung als bevorzugtes Lenkungsinstrument, ohne es allerdings zu konkretisieren. Diese Fokussierung auf die Infrastrukturen bringt immerhin die Erfahrung zum Ausdruck, dass die traditionellen Planungsmittel wie Nutzungs- und Zonenplanungen den Verstädterungsprozessen nicht mehr entsprechen, weder als Leitbild noch als Lenkungsmittel. In inhaltlicher, methodischer wie in operativer Hinsicht sind Lenkungsmöglichkeiten jedenfalls an die „hardware“ räumlicher Generatoren gebunden.

In diesem Zusammenhang hat die Straße große Potenziale, die nicht ausgeschöpft sind, da sie bloss als verkehrstechnische Notwendigkeit betrachtet, geplant und gestaltet wird. Die städtebaulichen Potenziale öffnen ein weites Spektrum, das generell als stadtlandschaftliches Rückgrat gedeutet werden kann: erstens, als Träger urbaner Servicefunktionen; zweitens, als städtebauliche und architektonische Identifikation von Regionen; drittens als Lenkungsinstrument für Stadtentwicklungen im Sinn einer dezentralisierten Konzentration und angemessenen Verdichtung; viertens, als kommunikatives Instrument der politischen Mediation. Bis anhin fehlte eine breite Debatte über die Agglomerationspolitik; und zwar deshalb, weil – so eine These der Forschung – sie zu abstrakt und ohne Alternativen diskutiert wurde. Eine Konkretisierung in Form von städtebaulichen Szenarien und Projekte können entsprechende Impulse geben. In Holland und Deutschland wurden mit ähnlichen Mitteln gute Erfahrungen gemacht.


Theoretischer Ansatz

Anknüpfend an eine vorhandene Forschung „Öffentlichkeit und öffentlicher Raum“ (NFP-Forschung von 1995, verfasst von Herczog und Hubeli; siehe Literaturliste) sollen die Wechselwirkungen zwischen dem Strukturwandel der Öffentlichkeit und des Raumes mit einer interdisziplinären Methode (Architektur, Städtebau, Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaften) untersucht werden, mit dem Ziel, Öffentlichkeit und Raum innerhalb der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu definieren, insbesondere unter Berücksichtigung empirischer Erhebungen über neuerer Stadtentwicklungen.


Heterogenität

Der öffentliche Raum soll in seiner heterogenen, vielfältigen Bedeutung erfasst werden: erstens, als Sozialfigur entlang der Frage, welche Aneignungsformen den öffentliche Raum strukturieren; zweitens, als Ort oder Sphäre für eine spezifische Kommunikationsform (wie ihn u.a. Roland Barthes beschrieben hat); drittens, als semantischer und architektonischer Raum oder Ort, der die Ambivalenz von Offenheit und Geschlossenheit thematisiert und ein entsprechendes Selbstverständnis voraussetzt, was als öffentlicher Raum gilt; viertens, die Überlagerung von Zeit und (globaler) Nicht-Zeit, von medialen und gegenständlichen Szenarien im öffentlichen Raum (wie ihn Michel Foucault in Anlehnung an den Begriff Heterotopie beschrieben hat).


Eine Phänomenologie öffentlicher Räume

Der Heterogenität entspricht keine Typologie und eindeutigen Klassifikation von öffentlichen Räumen, vielmehr eine unüberblickbare Vielfalt, die sich als Phänomenologie von öffentlichen Räumen und Orte beschreiben und charakterisieren lässt - mit einem Spektrum, das von Einkaufszentren, Eventcities, über temporäre Städte bis Kioske, Niemandsländer und Nicht-Orte reicht.


Entwurf von Szenarien als Fallbeispiele: die Umwertung der Straße als urbaner Raum und als strategisch-planerisches Lenkungsinstrument

Es werden in einem interdisziplinären Team mögliche Umwertungen der Straße als urbaner Raum und zugleich als siedlungsstrukturierende Infrastruktur untersucht und in Form von exemplarischen Szenarien und Projekten dargestellt. Die Straße wird insofern nicht als isolierter Gegenstand verstanden, konzipiert und entworfen, sondern als Teil einer großräumlichen Konstellation mit allen ökonomischen und gesellschaftlichen Wechselwirkungen zwischen Raum, Bewegung, Wahrnehmung und Alltagsleben.