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Forschungsschwerpunkt Licht und Raumwahrnehmung#


Von
Univ.-Prof. Architektin Mag. arch. Mag. art. Irmgard Frank
Institut für Raumgestaltung



Univ.-Prof. Architektin Mag. arch. Mag. art. Irmgard Frank
Univ.-Prof. Architektin Mag. arch. Mag. art. Irmgard Frank
© Forschungsjournal SS 07

Die Geschichte des Lichts ist auch die Geschichte des Raumes. Raum bedeutet ursprünglich ‚Lichtung‘. In diesem Sinne ist unser Verständnis von Licht immer auch mit einem Raumkonzept verknüpft. Licht und Raum haben sich in gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt.


Die kulturhistorische Bedeutung des Lichts in Bezug auf einen sich wandelnden Raumbegriff, veränderte Lebensformen und daraus entstehende Zukunftsperspektiven in der Architektur. Licht als immaterielles Element braucht Materie, um sichtbar zu werden, und ist daher Grundlage für die Wahrnehmung unserer gebauten Umwelt. Es ist Architekturmedium und somit Teil des Entwurfs. Zudem steuert es die innere Uhr des Menschen und hat gravierenden Einfluss auf das vegetative Nervensystem, wie zahlreiche Forschungen nachweislich bestätigen.



Am Institut für Raumgestaltung werden konzeptionell entstandene -"imaginierte"- Architekturideen durch physisch erfassbare Wahrnehmungsübungen vermittelt. Der Schwerpunkt hierbei liegt in der Erforschung der Raumwirkung von Licht, also auf der psychologischen und physiologischen Einwirkung von Licht und Raum auf den Menschen. Es werden Raumqualitäten durch den Einsatz von Licht als Gestaltungsmittel analysiert und definiert. Neue Medien und Lichttechnik kommen als Simulationsinstrumentarien für diese experimentelle Annäherung aneine Raumproduktion zum Einsatz. Diese Forschungsexperimente finden sowohl im Raum- und Lichtlabor als auch an externen Orten statt (im Alltagsraum, im inszenierten, dramaturgischen Raum ...).


Wir streben eine Verknüpfung von theoretischer Grundlagenforschung zum Thema ‚Licht im gebauten Raum‘ mit künstlerischen, experimentellen, also empirischen Herangehensweisen an Planungsaufgaben und Entwurfsprozessen, an. Es wird dadurch versucht, neue Möglichkeiten des Einsatzes von Licht sowohl in technischer als auch in gestalterischer und wahrnehmungstechnischer Hinsicht zu entwickeln.


Die Untersuchung bestehender Bauten aus verschiedenen Epochen in Bezug auf den Einsatz von Licht sowie auch kulturgeschichtliche Betrachtungen der Einflüsse lichttechnischer Errungenschaften auf das Bauen, hinsichtlich Bauweise, Nutzung und Materialität bilden die theoretische Basis unserer Forschungstätigkeit. Innerhalb dieser wahrnehmungstheoretischen Auseinandersetzung, die grundlegender Leitfadenund wesentlicher Impuls für das Experiment ist, finden Experimente statt, die sich diesbezüglich mit Zukunftsvisionen ‚gebauter Lichträume‘ auseinandersetzen und einerseits Analysekriterien unterzogen werden, die sich aus der theoretischen Forschung herauskristallisieren bzw. auch neue Kriterien und Gesichtspunkte aufwerfen. Konventionelle Forschungen in der modernen Licht- und Beleuchtungsindustrie werden so durch die empirische Komponente des Licht-Raumexperiments erweitert.


Über das Hinterfragen architektur- und kulturgeschichtlicher Zusammenhänge und Kreisläufe oder auch das Beleuchten von aktuellen Themen wie Lichtverschmutzung etc. eröffnen sich andere, neue Anforderungen an architektonische Konzepte, die in Bezug auf das Licht weit über Lichtstärkemessungen, Diffusionswertmessungen, g-Wert-Messungen, Optimallichtstärken o.ä. hinausgehen und nach nachhaltigen, innovativen Ideen im Fachbereich Architektur bzgl. Licht(energie)nutzung und -umwandlung Ausschau halten; sowohl imKunst- als auch im Tageslichtbereich.


Parallel dazu erfolgt auch eine Auseinandersetzung mit den Arbeiten zeitgenössischer LichtkünstlerInnen, wodurch der im Alltag oft vergessene Zusammenhang von Licht, Raum und Wahrnehmung ständig wach gehalten und geschult und die Möglichkeit geschaffen wird, unterschiedliche, ungewohnte Wahrnehmungsmodalitäten in die Architektur einzubauen, die mit dem Grundlagenthema kommunizieren und zu einer erweiterten Wahrnehmung unseres gebauten Umfeldes anregen. Das Studium neuer lichttechnischer Errungenschaften steht damit in Wechselwirkung und bleibt daher nicht aus.


Ziel ist es, eine Entwurfsmethode zu entwickeln, die sich konsequent auf den Einsatz von Licht in der Architektur konzentriert und von vorneherein mit dem Medium Licht arbeitet.


Einer der wichtigsten Punkte innerhalb dieses Vorhabens ist die Verknüpfung von Forschung und Experiment mit der Lehre. Der Entwurf an sich wird zum Forschungsinstrument. Entwurfsprogramme werden unter dem speziellen Aspekt des Lichts bzw. des Schattens angeboten (unter anderem auch in Kooperation mit anderen Institutionen), durch Licht- und Raumexperimente begleitet und im (Tages)Lichtlabor entweder im Modell oder auch 1:1 auf ihre Tauglichkeit überprüft. Diese Vorgehensweise bietet einen ungleich schnelleren und größeren Erkenntnisgewinn als über Computersimulationen erzielt werden kann. Durch die Vergabe von einschlägigen Dissertationsthemen wird in Zukunft auch die theoretische Grundlagenforschung gezielt betrieben. Das neu installierte Raum-Licht-Labor, sowie die erfolgte Aufstockung des bestehenden Lichtequipments (Scheinwerfer, Stative, Traversensystem, Dimmer, Mischpult, Folien, Materialiensammlung etc.) bieten uns nun die Möglichkeit, Raum-Lichtsimulationen im Modell und 1:1 effektiv durchführen zu können! Diesbezüglich sind bereits Kooperationen mit verschiedenen Instituten an der TU Graz auch außerhalb unserer Fakultät im Gange.


Ebenso konnten wir die Kooperation mit langjährigen Partnern aus der Industrie wie etwa Erco weiter ausbauen und wurden zudem von den Firmen Zumtobel, Osram und Xenon großzügig mit zur Verfügung gestelltem Leuchtenequipment unterstützt. Die Firmen haben generell ein vitales Interesse den Einsatzbereich ihrer entwickelten Produkte und innovativen Neuerungen auszuloten und zu erweitern. Hinzu kommen neu auftretende gesetzlich geregelte Forderungen wie etwa Beleuchtungsoptimierung durch Energiereduktion. Die aktuelle Fragestellung innerhalb dieser Zusammenarbeit ist der sinnvolle Einsatz von dynamischem Licht in Verbindung mit reduzierter Energieproduktion. Lichtsteuerung ermöglicht bereits jegliche gewünschte Programmierung über einen festgelegten Zeitraum. Für welche Bauaufgabe und in welchem Maß dynamisches Licht sinnvoll eingesetzt werden, und wie man zur Definition von Inhalten für diese Lichtdramaturgie kommen kann, ist eine konkrete Versuchsanordnung, die auf konzeptioneller Ebene von uns erarbeitet und getestet wird.


Neben der Unterstützung von Seiten der kooperierenden Firmen wird unser Profil auch von der ELDA (European Lighting Designers' Association) unterstützt, die sich dafür einsetzt, den künstlerischen, gestalterischen Aspekt von Lichtplanungen vermehrt in die Ausbildung zum Lichtdesigner/zur Lichtdesignerin zu integrieren, sowie vom österreichischen Wissenschaftsfond (FWF), der vorwiegend kulturell-, wirtschafts- und gesellschaftsrelevante Grundlagenforschung forciert. Zusammenfassend in einigen Stichworten Motivation, Methode und Ziel nserer Forschungstätigkeit:


Forschungsinteresse

  • natürliche und künstliche Beleuchtung (Sonne, artifizielles Licht) als sich gegenseitig unterstützende oder auch gegensätzlich wirkende Lichtszenarien
  • die Interaktion zwischen Licht, baulicher Gestalt und architektonischer Form sowie die Bedeutung von Licht als Gestaltungsparameter im Zusammenhang mit wahrnehmungstheoretischen Fragestellungen


Lichtgestaltung, Hervorheben der räumlichen Strukturen durch das Medium Licht
Lichtgestaltung, Hervorheben der räumlichen Strukturen durch das Medium Licht
© Forschungsjournal SS 07 / Foto: Eugen Schöberl


Lichtgestaltung, Versuche mit farbigem Licht und Schatten
Lichtgestaltung, Versuche mit farbigem Licht und Schatten
© Forschungsjournal SS 07 / Foto: Eugen Schöberl

Forschungsmethode
  • experimentell, konzeptionell (konzeptuelles und forschendes Entwerfen im Umgang mit innovativen Medien und Technologien), Analysieren und Systematisieren von Versuchsanordnung und deren Ergebnissen
  • vom Konkreten durch Abstraktion ins Verallgemeinerbare
  • anhand konkreter Experimente in Raummodellen 1:1 bis 1:50
  • Visualisierung von Versuchsanordnungen, analog und digital
  • Simulation von Tageslichtqualitäten und Schaffen von Analogien mit artifiziellen Lichtquellen
  • interdisziplinär: Psychologie, Soziologie, Medizin, Medienphilosophie; Interaktionen mit Kunst- und Kulturschaffenden (Theater, Bühne, öffentlicher Raum)


Forschungsziel

Es gilt, die Wirkungsweise der unterschiedlichen Qualitäten von Tageslicht (Farb- und Intensitätsänderung im Tagesablauf und durch Jahreszeiten) im Vergleich zu den Möglichkeiten, die künstliche Lichtquellen bieten, zu untersuchen. Die Überprüfung erfolgt anhand architektonischer Fragestellungen zu Raum und Licht und deren Wahrnehmung.

  • Wirkung von Lichtfarbe innerhalb des Farbspektrums des Tageslichtes;Möglichkeiten dynamischer Lichttechnik
  • Wirkung und Zusammenspiel von Licht und Material (Bezugsmöglichkeit zum architektonischen Umfeld)
  • Raumwirkung von Licht hinsichtlich architektonischer Qualität als auch hinsichtlich von Wahrnehmungsprozessen
  • Etablieren des künstlichen Lichts als Architekturmedium
  • Einsatzmöglichkeiten unterschiedlicher Licht- und Medientechnologien, insbesondere im Low-Tech-Bereich


Mitarbeiterinnen

Dipl.Arch. Birgit Schulz, Wissenschaftliche Assistentin
DI.Dr.techn. Franziska Klug, Assistentin


www.raumgestaltung.tugraz.at