... Wie im richtigen Leben!#

"product innovation project" an der TU Graz#


von


Hannes Oberschmid

Institut für Werkzeugtechnik und spanlose Produktion


Hannes Oberschmid
Hannes Oberschmid
Hannes Oberschmid ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Industriebetriebslehre und Innovationsforschung an der TU Graz. Forschungsgebiet: Produktinnovation, Wissens- und Risikomanagement.


© Forschungsjournal 2009/02


Seit nunmehr vier Jahren wird am Institut für Industriebetriebslehre und Innovationsforschung eine neue Form der Zusammenarbeit angeboten: In der Lehrveranstaltung "product innovation project" arbeitet ein international und interdisziplinär zusammengestelltes Studierendenteam zwei Semester lang an einem so genannten "Produktinnovationsprojekt". Die Aufgabenstellung und das Budget stammen dabei von einem Partner aus der Industrie.


Im Rahmen des "product innovation project" haben Studierende die Möglichkeit, ihr Wissen in einem möglichst praxisnahen Umfeld – mit all den Chancen und Herausforderungen, die damit verbunden sind – unter Beweis zu stellen. Daneben können Unternehmen von der Kreativität und dem Enthusiasmus der Studierenden – mit dem Hintergrund des universitären Umfelds – direkt profitieren: auf dem Weg zu neuen Produkten und/oder zu neuen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Studierenden haben dabei nicht nur ein schlüssiges Produktkonzept zu entwickeln, sondern auch einen funktionierenden Prototypen zu fertigen. Das Projekt bietet den Vorteil und die Herausforderung einer interdisziplinären Zusammenarbeit.


Dadurch ist es möglich, das Spektrum geeigneter Innovationsziele zu erweitern und den Studierenden die Möglichkeit zu geben, wichtige Erfahrungen zu sammeln, die über das Erlernen des an der Universität vermittelten Fachwissens hinausgehen. Die Zusammenstellung der Teams aus unterschiedlichen Ländern und Fachrichtungen entspricht dem, wie Entwicklungsteams heutzutage in der Praxis oft aussehen und bietet daher eine Plattform für das Training für diese Form der Zusammenarbeit. Vor allem die Arbeit in einem virtuellen Team – einige Team-Mitglieder arbeiten in Helsinki und Maribor an dem Projekt mit – ist eine besondere Herausforderung.


Aufgaben der Studierenden
Die Aufgaben der Studierenden im betrieblichen Innovationsprozess. Quelle: M. Fallast, H. Oberschmid, R. Winkler: The implementation of an interdisciplinary product innovation project at Graz University of Technology, Proceedings INTED IATED Valencia (2007)
© Forschungsjournal 2009/02


Das "product innovation project" im betrieblichen Innovationsprozess

Nicht alle Phasen des Innovationsprozesses sind geeignet, von einem "externen" Team bearbeitet zu werden. So sollte vor allem die erste Phase, die Definition des Innovationszieles, im Unternehmen direkt stattfinden. Eine daraus resultierende Aufgabenstellung ist dann Ausgangspunkt für die Arbeit der Studierendenteams. Zum Verständnis der Aufgabenstellung gehört auch die detaillierte Information über die Strategie der Partnerfirmen:

  • WARUM soll genau dieses Produkt entwickelt werden?
  • WARUM genau mit dieser Technologie?
  • WARUM soll diese oder jene Zielgruppe angesprochen werden?

Bevor das Studierendenteam mit der Arbeit beginnen kann, gilt es noch notwendige Vorbereitungen zu treffen und organisatorische Fragen zu klären. Neben der Erstellung eines Projektplans, der Organisation der notwendigen IT-Infrastruktur und dem Austausch von Kontaktdaten, zählt auch das persönliche Kennenlernen des Projektteams im Zuge eines "Team Building Events" dazu. Nach Sammlung der ersten spontanen Ideen zur Lösung der Aufgabenstellung erfolgt eine detaillierte Situationsanalyse. Hier zählt beispielsweise die Untersuchung von existierenden Patenten, das Sammeln von notwendigen Informationen zur konkreten Aufgabenstellung sowie das Bereitstellen des vorhandenen Wissens des Sponsorunternehmens dazu.



Eine spezifische und systematische Ideengenerierung erfolgt in Phase II. In dieser Phase kommen systematisch-analytische und intuitivspontane Kreativitätstechniken zur Anwendung.


© Forschungsjournal 2009/02 / © TU Graz/Lunghammer
© Forschungsjournal 2009/02 / © TU Graz/Lunghammer


Nachdem möglichst viele Ideen generiert worden sind, werden diese zusammengefasst und in der nächsten Phase miteinander kombiniert. Schlussendlich werden die gefundenen verschiedenen Lösungsvorschläge gemeinsam mit externen Experten bewertet. Auch die Unterstützung von verschiedenen Universitätsinstituten und der Sponsorunternehmen für die Beurteilung der Machbarkeit sind wichtige Kriterien in dieser Phase IV.


In Phase V geht es darum die ersten Produktkonzepte zu entwickeln. Erste Prototypen nach dem Prinzip "quick and dirty" werden gebaut um bestimmte Produktfunktionen zu testen. Auch in diesem Schritt ist der enge Kontakt zu Sponsorunternehmen und externen Partnern – zur Untersuchung der Umsetzbarkeit – gegeben. Das Ziel dieser Phase ist die Entwicklung verschiedener Produktkonzepte, die auch realisierbar sind. Im anschließenden Schritt "Konzeptentscheidung" (Phase VI) treffen die Studierenden gemeinsam mit den Verantwortlichen des Sponsorunternehmens die Entscheidung für jenes Konzept, das im Detail entwickelt werden soll.


In den darauf folgenden Phasen VII und VIII sind alle Anstrengungen des Studierendenteams auf die detaillierte Ausarbeitung des Produktkonzepts sowie auf die Herstellung eines funktionierenden Prototyps ausgerichtet.

© Forschungsjournal 2009/02 / © TU Graz/Lunghammer
© Forschungsjournal 2009/02 / © TU Graz/Lunghammer


Das "product innovation project" findet in der Präsentation der fertigen Prototypen und Produktkonzepte Anfang Mai seinen Abschluss und Höhepunkt.

Danach werden der Prototyp sowie ein detaillierter Bericht über die Arbeit der letzten Monate an das jeweilige Sponsorunternehmen übergeben – in deren Verantwortlichkeit liegt es dann, über die weiteren Phasen im Innovationsprozess zu entscheiden: Im besten Fall wird das Produkt bis zur Serienreife weiterentwickelt und am Markt eingeführt.


Problemstellungen als Beispiele

Die Palette an bisher bearbeiteten Problemstellungen erscheint überaus aktuell:

  • Entwicklung eines Gerätes zur Wassergewinnungin Wüstengebieten (Studienjahr 2006/07, Firmenpartner: Philips Klagenfurt)
  • Entwicklung einer Bandage, die sowohl zum Kühlen als auch zum Wärmen verwendet werden kann (Studienjahr 2007/08, Firmenpartner: Thermic Gleisdorf)
  • Entwicklung eines Quetschschutzes für elektrisch höhenverstellbare Tische (Studienjahr 2008/09, Firmenpartner: Logicdata Deutschlandsberg)


Die Plattform des "product innovation project" wird von Studierenden bevorzugt genutzt, um Erfahrungen zu sammeln, die sie sonst erst im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn machen.

Im Vordergrund steht die Anwendung des Fachwissens im Kontext der Produktentwicklung, aber auch Präsentationen, Presseaussendungen sowie die Analyse und das Vorbereiten von Patentanmeldungen sind wertvolle und spannende Highlights im Rahmen des "product innovation project".