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Wilder Mann, Wassermann, Berggeist, Venedigermännlein und Zwerg
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Die Sagen von der Entdeckung des Steirischen Erzberges - Entstehung und Wandlungen im Laufe der Zeit #



Der älteste Bericht 1655

Erzberg in der Steiermark, Österreich
Erzberg in der Steiermark, Österreich. Photographie. Um 1890. Photographie von Anonym.
© IMAGNO/Austrian Archives

Wann aber dieses Bergwerck anfangs erfunden / und mit was Weis und Vorbedeutung solche Erfindung ursprünglich entstanden / das kan man eigentlich nicht wissen / man sagt zwar in gemein / ist auch von einem zum andern Nachkemmen berichtweis gediegen / weil im selbigen Thal / ungefehr eine halbe Stunde darvon / ein überaus großer Steinfels viel hundert Klafftern hoch / allwo sich die wilden Gemsen häuffig aufhalten / und der Lands-Fürst selbsten denen Gejaiden offt beygewohnet hat / und auch gleich darbey in dem Thal ein grosser gar schön und annemlicher See liege / welcher in gewissen Orten / wegen seiner Tieffe / unergründlich geschätzt / und daselbst durch den Lands-Fürsten eigne Fischer gehalten werden / welche die schönste Stück Sälbling mit ihrem Fischerzeug herausfangen / daß aus solchem See einsmals ein Wilder Mann gefangen worden seyn solle / der habe endlich angefangen zu reden / und bey seiner Erlassung sich erbotten / entweder ein Silber-Bergwerck / welches aber nicht lang beharren werde / oder einen Eisenstein / dessen Frucht ewig blühen solte / der ganzen Welt zum höchsten Nutzen / zu eröffnen / worauf er dann auf bemeldten Eisenstein gezeigt haben solle.

Ein älterer Historiker erzählt die Sage 1838

Wenn man vom heutigen Markte Eisenerz den Erzbach durch das Münnichthal hinaus verfolgt, so verengert sich da, wo der Bach des Leopoldsteinersees herabrauscht, das Thal zwischen den himmelhohen kantigen Felswänden zu einer engen, kalten Schlucht. Rechts, hart neben der Straße, an der Wurzel der nördlichen Steinwand erblickt man eine grottenartige Vertiefung und manchmal das Spiel schwarzer Fische in dem dunklen Wasser am Boden der Schlucht.

Einst, tausend Jahre vor Christus, zu König Davids Zeiten soll es gewesen sein, bemerkten die Bergbewohner eine seltsame Menschengestalt aus jenen Höhlenfluten öfters auftauchen und in der Sonne sich gütlich tun. Sie beschlossen, dieses Geschöpf, das sie für einen sogenannten Wassermann hielten, zu fangen, und in der Voraussicht, daß sie dessen schlüpfrigen Fischleib mit den Händen nicht fest halten könnten, gelang ihnen die ausgesonnene List, und sie bekamen den durch Speise und Trank betäubten und in die innen mit Pech beschmierten Kleider verwickelten Wassermann wirklich in ihre Gewalt. Voll Freude über ihren Fang führten sie ihn nun taleinwärts. Schon waren sie an die Stelle gekommen, von welcher man, von Hieflau heraufkommend, zum ersten Mal den Erzberg erblickt und wo nun nicht weit vom Schlosse Leopoldstein ein gemauertes Wegkreuz steht.

Von hier wollte der Wassermann nicht weiter. Er sträubte sich mit Macht gegen seine Führer, jammerte, daß er einen verdächtigen Besuch bei seinem Weibe gewahre, und bot hohe Geschenke für seine Loslassung an. "Laß hören", sprachen die Bergleute, "was du uns bieten kannst!"

Darauf erwiderte der Wassermann: "Wählt: Einen goldenen Fuß, ein silbernes Herz oder einen eisernen Hut! Gold aber währt nur kurze Zeit, Silber nicht lange, Eisen jedoch soll ewig dauern! Wählt nun!" - "Den eisernen Hut, ja, den wählen wir, den zeig uns an!" riefen die Bergmänner. "Sehet, dort steht er, dort ist jener Berg, der Euch Eisenmetall für eine Ewigkeit geben wird!" sagte der Wassermann und wies hin auf den nicht fernen Erzberg.

Seine Andeutung ward als Wahrheit erprobt, worauf er nach seinem Verlangen wieder zur Grotte zurückgebracht und in die schwarze Flut hinabgesenkt wurde. Da bebte das Felsenland rund umher, aus der Tiefe quoll Blut herauf, und mit Hohngelächter erscholl eine Stimme, daß man um das Beste erst noch nicht gefragt habe, um die Bedeutung des Kreuzes in der Nuß und um den Karfunkelstein!

Nach der Volksvorstellung hätte der hellstrahlende Karfunkel den Bergmännern in den dunklen Schächten für ewige Zeiten ein natürliches und nicht kostspieliges Grubenlicht gegeben. - Was der Wassermann mit dem Kreuz in der Nuß habe andeuten wollen, weiß man mit Bestimmtheit nicht zu entziffern. Man glaubt, er hätte damit Aufschlüsse auf den Gebrauch und den Nutzen des Kompasses für den Bergbau geben wollen.

Nie nachher habe man diesen Wassermann weder in jener Grotte noch im Leopoldsteinersee erblickt.

Die Sage nach einem romantischen Dichter 1855

Erzberg
Erzberg
© Fritz Bayerl, Karl und Inge Friedl

Ungefähr in des Königs David Tagen zeigte sich in der Nähe des Erzberges in Obersteier, so heißt es, ein Ungetüm von absonderlicher Gestalt, einer menschlichen Mißgeburt nicht unähnlich, das zuweilen in der Ebene erschien, am liebsten aber in dem dunklen Tümpel umherplätscherte, der in der nordwestlichen Klamm des Münnichthales, wo der Bach des Leopoldsteinersees in den Erzbach mündet, ein düsteres Felsenbecken ausfüllt. Oft schon dachten die Bewohner der Umgegend daran, das unheimliche Wesen, das sie den Wassermann nannten, in ihre Gewalt zu bekommen, aber teils hatten sie doch nicht Mut genug, teils wußten sie nicht, wie sie sich des glatten fischartigen Geschöpfes bemächtigen sollten. Da fiel des einigen klugen und beherzten Männern ein, daß es am besten wäre, allerlei Trink- und Eßwaren hinzusetzen und ein flimmerndes, inwendig mit Harz bestrichenes Gewand daneben zu legen, um den lüsternen Unhold anzuködern und zu überlisten. Wirklich ging er in die Falle und nachdem es des Guten etwas zu viel getan und das flimmernde Gewand aus Neugierde angezogen hatte, fielen sie über ihn her, knebelten ihn und schleppten ihn im Triumphe mit sich fort.

Als sie gegen das Steinkreuz gekommen waren, das auf dem Pfade von Hieflau her hart am Wege steht, fing der Unhold fürchterlich zu heulen an und bat seinen Führer flehentlich, ihn loszulassen, da er wittere, daß sein Weib daheim eben im Begriffe stehe, ihm die Treue zu brechen. Allein, man wollte einen so kostbaren Fang nicht um so leichten Preis wieder fahren lassen. Immer ungestümer und wütender gebärdete sich der Wassermann, aber vergebens. Als er nun merkte, daß er es mit Leuten zu tun habe, welche sich nicht so leicht einschüchtern ließen, verwandelte er seine Drohungen in Bitten und versprach, ihnen alles zu gewähren, was in seiner Macht stünde, wenn sie ihn frei gäben.

"Wohlan", sprachen sie, "so laß' hören, womit du dich loskaufen kannst, und sag' uns überhaupt, wer du bist, denn umsonst ist nicht einmal der Tod!"

Da nahm der Wassergeist eine ganz andere Gestalt an, in der er mehr einem Fürsten als einem Unhold glich, und erwiderte: "Ihr seht in mir den Geist des Erzberges. Hier bin ich gebunden und machtlos, denn mein Reich ist in den Tiefen der Erde. Wenn ihr aber Mitleid an mir üben wollt, so soll es euer Schaden nicht sein. Die Wahl steht euch frei. Was ich euch bieten kann, ist:

Ein goldener Fuß:
Doch Gold bald schwinden muß!
Ein silbernes Herz:
Die Zeit verzehrt's!
Ein eiserner Hut
Hält lang und gut!
Drum wählet klug.
So habt ihr gnug!


"Was ist da noch lange zu wählen", entgegneten die Landleute schnelle entschlossen, "du hast uns ja selbst gesagt, was wir begehren sollen! Wir wählen den eisernen Hut! Zeig' ihn uns, so bist du frei!"

"Es gilt", rief der Berggeist, "dort steht er vor euch, ein Hut, größer als jeder Fürstenhut und dauerhafter als irgend ein zweiter auf der Welt!" und er wies auf den Erzberg, der nahe vor ihnen stand. "Bebaut diesen Berg, er wird euch Eisen liefern, mehr als ihr und eure Nachkommenschaft braucht. Ihr werdet vergehen, aber der Erzberg wird bestehen, so lange die Erde steht!"

Darüber waren die Landleute höchst zufrieden und sie führten den Berggeist ohne weitere Unbill zurück in den Tümpel im Münnichthal, entkleideten ihn dort wieder und ließen ihn ungehindert in das dunkle Wasser hinabsteigen. Kaum aber hatte der Gnom seine Fluten berührt, als er Berg und Tal mit der Kraft seiner Arme erschütterte, ein höllisches Gelächter aufschlug und ihnen höhnisch zurief: "O ihr verblendeten Toren, die ihr euch mit der Schale begnügtet und auf den Kern vergaßt! Das Beste behielt ich mir doch zurück: Das Kreuz in der Nuß und den Karfunkelstein!". Mit diesen Worten verschwand er und brausend schlug die schwarze Flut über ihm zusammen.

Da war die Freude der Landleute wohl sehr getrübt und fast zürnend sehen sie einander an, daß keinem eingefallen war, um etwas zu fragen, wovon keiner eine Ahnung hatte. Lange, lange zerbrachen sie sich die Köpfe über das Kreuz in der Nuß, bis es endlich nach mehr als zwei Jahrtausenden einem einfiel, daß damit die Magnetnadel in der Kapsel gemeint war, die dem Bergmann so wichtige Dienste leistet. Aber über den Karfunkelstein, der das beste Grubenlicht abgeben soll, sind sie noch bis auf den heutigen Tag nicht im Reinen.

Ein früher Sagenforscher berichtet 1862

Erzberg-Detail
Erzberg

Mit der Entdeckung dieses sehr reichhaltigen Eisenbergwerkes hat es folgende Bewandtnis: In der Nähe des heutigen Marktes Eisenerz trieben sich häufig Venediger-Männlein um, von denen man glaubte, daß sie im Gebirge Gold suchten und sich auf diese Weise große Reichtümer erwürben. Einmal fand ein Fuhrmann auf dem Wege von Eisenerz nach Hieflau, dort wo der Erzbach unter dem Felsen hervorbricht, ein Venediger-Männlein, das nur eine Spanne groß war, am Bergesfuße schlafen. Der Fuhrmann dachte sich, wenn ich den kleinen Knirps fange, so kann ich zu großen Schätzen gelangen. Gedacht, getan! - Er überfiel das Zwerglein und band es. Das kleine Männlein sah sich, als es erwachte, gefangen. Es wand und bog sich vor Zorn und suchte sich auf allerlei Weise zu befreien, aber es war alles umsonst. Der Fuhrmann nahm den Zwerg auf, lud ihn auf den Wagen und fuhr gemütlich seinen Weg weiter. Als das Männlein sah, daß hier mit Bösem nichts auszurichten sei, fragte es den Fuhrmann, was er als Lösegeld verlange. Dieser forderte viel Gold oder Silber. Da erwiderte das Zwerglein: "Gold oder Silber kann ich dir nicht geben, aber ich will die etwas zeigen, was kostbarer als beides ist. Laß mich nur ein klein wenig aus und in den Berg hinein." - Der Fuhrmann nahm den kleinen Wicht vom Wagen, verlängerte die Schnur, damit das Männlein nicht entlaufen könne, und ließ es gehen, indem er das Ende der Schnur in Händen behielt. Im Nu war das Zwerglein in eine Felsenspalte hineingekrochen und verschwunden. Nach dieser Zeit kam es wieder hervor und brachte drei schöne Eisenstufen mit sich, die es dem Fuhrmann gab. Dieser aber wollte nur eitel Gold und Silber und wollte das Männlein für Eisen nicht freigeben. Da sprach das Männlein: "Du bist ein Tor, wenn du mir nicht folgst. Wenn du das Eisen, das hier verborgen liegt, ans Licht förderst, macht es dich und deine Nachkommen reicher als Gold und Silber. Als der Fuhrmann darauf nicht eingehen wollte, erbot sich der Venediger ein halbes Jahr ihm zu dienen und das Bergwerk anzubauen. Sollte es den Fuhrmann bis dahin reich machen, müsse es dieser freilassen. Sollte das Eisen nicht so viel eintragen, so wollte es immer sein Gefangener bleiben. Der Fuhrmann nahm diesen Vorschlag an und begann zu bauen. Der Ertrag des Baues war so ergiebig, daß der Fuhrmann noch vor Ablauf des Halbjahres ein steinreicher Mann ward und das Zwerglein freiließ. Wohin dieses gekommen, weiß man nicht. Der Bergsegen blüht aber noch fort und Eisenerz ist das reichste Eisenbergwerk im ganzen Kaiserstaate Österreich.

Die Sage nach einem der ersten steirischen Sagensammler 1864

Als einst emsige Hände am Fuße des jetzigen Erzberges mit dem Aufsuchen von Bausteinen beschäftigt waren, näherte sich ihnen bis auf eine Entfernung von etwa hundert Schritten ein Winzig mit einem Bergeisen in der einen und einem Hammer in der anderen Hand und in einem eigentümlichen Anzug mit Hinterleder. Davon schreibt sich die jetzige Bergmannstracht. Der Winzig fängt nun an, mit dem Hammer an den Felsen zu schlagen und bald sah man rothe Felsstücke emporfliegen. Das setzte die Arbeiter in Verwunderung, aber eine kurze Zeit, so steht der Berggeist vor ihnen, ohne daß sie zuvor sein Herannahen bemerkten. "Was ist Euer Begehren hier? Wonach grabt Ihr?" fragte er. "Nach Bausteinen", sagten sie. "Wozu denn Bausteine? Gold und Eisen! ich geb' Euch einen Rat, womit Ihr Euch für immer beglücken könnt. Was ist Euch lieber: Gold für einige Zeit oder Eisen für ewig?" "Eisen für ewig", sagten sie. "Nun gut, so sei Euer Verlangen erfüllt. Wo ich zuvor hämmerte, dorthin geht und grab, da habt Ihr Stoff genug, um Eisen auf ewig zu haben."

Damit verschwand der Geist. Man fing an, dort zu graben und wirklich fand man Erz in großer Menge und noch jetzt ist der ganze Berg von Erzlagern durchzogen.

Ein Balladendichter gestaltet 1887

Die Sage vom Erzberg

Weiß einen See im Steirerland
Tief zwischen Fels und Wald.
Drin haust' ein Wasserunhold einst,
Ein Riese von Gestalt.

Von Leibe Fisch halb und halb Mensch,
Der Bart wie flutend Gras,
Sein Auge glänzt' im Sonnenschein
Wie dunkelgrünes Glas.

Und wer da kam in sein' Bereich,
Den zog er bald hinab,
Der fand im grundlos tiefen See
Ein kühles Flutengrab.

Da war es einer Hirtenschar
In alter Zeit geglückt,
Daß sie der Tiefe grünen Gast
Mit Listen hat berückt.

Er stieg heraus ans trock'ne Land,
Da war er ohne Macht,
Da haben sie gefesselt ihn
Ins Fischerhaus gebracht.

Erst wütet er in wildem Grimm
Und tobt und rast und droht:
"Es flutet über Berg und Tal
Der See auf mein Gebot."

Doch als er sah, es fruchtet nicht
Sein wildes Ungestüm,
Und da man nun dem Kreuzweg naht',
Da bat das Ungetüm:

"O! Laßt zurück mich in mein Reich,
Mich tauchen in die Flut,
Will weisen Euch, wo im Gebirg'
Ein unermeßlich Gut!

Und wählet Ihr ein silbern Herz,
Wählt Ihr den gold'nen Fuß.
Bedenkt, daß Silber und auch Gold
Gar bald Euch schwinden muß.

Doch wählet Ihr von dunklem Erz
Den festen Eisenhut,
Das Eisen, - ew'ge Zeiten währt's,
Der Hut hält lang und gut."

Da riefen alle in der Rund':
Gib uns den Eisenhut,
Der Kind und Kindeskinder schirmt
Und währet lang und gut.

Wies jener auf den nächsten Berg:
"Den Erzberg dort bebaut,
Und wißt, daß über Eure Wahl
Nie wird ein Klagen laut."

Sie taten's, und es gab der Berg
Dem Lande Schwert und Pflug,
Und jene segnet stets das Volk:
"Sie wählten recht und klug."

Das Bergmännchen und das Geheimnis von Nuß und Karfunkel

Auf einem freiliegendem Erzknauer unweit des Glorietts am Erzberge saß ein munterer Knabe, der Sohn eines armen, aber fleißigen Bergmannes. Der Knabe sah den Arbeiten der Knappen am Etagenbaue eine Weile zu, dann aber begann er zu sinnen und zu denken über gar mancherlei. Er dachte nach über die Wohltätigkeit und den Nutzen, den das Eisen gewähre und er dachte auch daran, wie der Sage nach der Eisenreichtum an diesem Berge zuerst entdeckt worden war. Seine Großmutter hatte ihm erzählt von dem Wassermanne, der unterhalb des Leopoldsteinersees gefangen worden war und für seine Loslassung den reichen Schatz des Eisensteines am Berg bekannt gegeben habe. Er dachte auch nach über die Worte, welche der Wassermann gesagt habe soll, nämlich, daß die Leute, welche ihn gefangen, nicht um das Beste gefragt hätten, um die Bedeutung des Kreuzes in der Nuß und um den Karfunkelstein. Aber soviel der Knabe darüber auch grübelte, so konnte er es doch nicht herausbringen.

Plötzlich bemerkte er vor sich ein kleines Männchen stehen, mit weißem Kapuzröckchen und Grubenleder hinten am Gurt um die Mitte. Das Männchen war sehr alt und hatte einen langen Silberbart. Es betrachtete den Knaben mit vergnügtem Kopfnicken und sprach: "Du gefällst mir, lieber Kleiner! Du bist von fleißigen und frommen Eltern und selbst auch brav und folgsam. Will Dir sagen, was Du gerne zu wissen wünschest. Frage also!" Der Knabe hatte das Männchen erstaunt angeblickt. Er faßte sich ein Herz und fragte es um das, woran er soeben gedacht hatte, um die Bedeutung des Kreuzes in der Nuß und was es für Bewandtnis mit dem Karfunkelstein habe. Diese sonderbare Frage aber machte das kleine Männchen verlegen. Es schien, als habe es gerade diese nicht erwartet. Endlich sagte es zum Knaben: "Gut, ich will Dir, um mein gegebenes Wort zu halten, Antwort geben. Da jedoch dadurch zugleich das kostbare Geheimnis beider Gegenstände preisgegeben wird, welches eigentlich keines Sterblichen Ohr berühren sollte, so muß ich erst wissen, ob Du dessen würdig bist. Verfertige mir einen Schemel aus den sieben Nadelarten! In sieben Tagen und in sieben Stunden werde ich wieder hier erscheinen und wenn Du bis dahin die Arbeit zu meiner Zufriedenheit vollendet hast, erfährst Du von mir das Gewünschte. Aber merke: Der Schemel muß aus sieben und nicht weniger Nadelarten gemacht sein, sonst ist alles vergebens!" Nach diesen Worten verschwand plötzlich das weiße Männchen vor den Blicken des erstaunten Knaben, als wäre es in der Luft zerstoben.

Der Knabe suchte nun emsig nach den sieben Nadelarten, konnte aber deren nur sechs finden. Da dachte er sich, daß das Bergmännchen sich versprochen habe und arbeitete fleißig an dem Schemel. Endlich war dieser fertig und wurde von allen, die ihn sahen, seiner zierlichen und kunstvollen Arbeit wegen gelobt. Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde begab sich nun der Knabe zur bewußten Stelle, wo ihm das Bergmännchen erschienen war.

Er brauchte nicht lange zu warten, so stand plötzlich der Kleine vor ihm. Das Männchen lobte die Arbeit, schüttelte aber dann den Kopf und sagte: "Sind nur sechs Nadeln, die siebente, den Wacholder, hast Du vergessen! Kann und darf Dir nun nicht die Bedeutung des Kreuzes in der Nuß und des Karfunkelsteines sagen. Doch laß Dirs nicht gereuen! Wenn Du groß geworden bist und fleißig bleibst, wirst Du Deinen Kameraden schon noch einen Dienst leisten!" Hierauf verschwand das Männchen.

Der Knabe wurde ein braver Bergknappe, wie sein Vater es gewesen war, und soll auch einer der beiden Knappen gewesen sein, die im Jahre 1669 im Dorotheastollen die Wunderstufe aufgefunden haben. Dadurch soll der bereits darniedergelegene Bergbau wieder neuen Aufschwung erhalten haben und es hatte sich so des Bergmännchens prophetischer Ausspruch bewahrheitet.

Die Eisenerzer Wunderstufe

Wunderstufe
Wunderstufe
© Fritz Bayerl, Karl und Inge Friedl

Auf dem Erzberge in Steiermark steht eine schöne, große, der heiligen Barbara geweihte Kapelle. Sie ist ganz von Stein im Jahre 1703 erbaut und von drei Seiten mit großen eisernen Gittern geschlossen. In der Nähe befindet sich ein Predigtstuhl von Erzstufen und andern Steinen in grotesker Form erbaut und der Kapelle gegenüber steht ein geräumiger Chor. Hier wird am Sonntage nach Christi Himmelfahrt jährlich ein feierlicher Gottesdienst gehalten, bei welchem die gesamte Knappenschaft, angeführt von ihren Vorstehern und Oberbeamten, im festlichen Zuge erscheint und die sogenannte Wunderstufe mit sich bringt. Die Geschichte dieser Wunderstufe aber ist folgende:

Als sich im Jahre 1669 eine Kommission in Eisenerz befand und nach genauer Prüfung aller Verhältnisse am 8.Oktober den Ausspruch machte, es sei kein anderes Mittel vorhanden, als die Hauptgewerkschaft zu trennen, den Gliedern derselben den Rest ihrer Einlage-Kapitalien hinaus zu zahlen und unter sie zu teilen und den weiteren Bau jedem auf gut Glück zu überlassen, erschienen die Knappen Simon Weissenbacher und Balthasar Millauer und brachte die Stufe , welche sie im Dorothea-Stollen eben gefunden hatten. Es war diese nämlich ein Stück Spateisenstein, der, als sie ihn zufällig zerschlugen, auf seinen inneren Flächen durch die Schattierungen der Farben des Flinzes das Bild Mariens mit dem Jesukinde auf dem Arme darstellte. Die mutlos gewordenen Gewerken fanden hierin einen Beweis besonderen Schutzes für ihren Bergbau und harrten in den trüben Stunden herber Prüfung im vertrauungsvollen Hinblicke auf Gottes Vorsehung aus.

Die eine Hälfte dieser Wunderstufe wurde nach Wien in die kaiserliche Schatzkammer gesendet. Die andere ist in der Konsultationskanzlei zu Eisenerz aufbewahrt, wo sie jedem gezeigt wird, der sie zu sehen wünscht.

Der Bericht über die Auffindung der Eisenerzer Wunderstufe, die zu ihrer Zeit beträchtliches Aufsehen erregte, ist keine Sage im eigentlichen Sinn, sondern die Schilderung eines Mirakels, da das Ereignis durch historische Quellen und das noch existierende und im Museum Eisenerz verwahrte materielle Zeugnis belegt ist. Die Wunderstufe, eine außergewöhnliche, wenngleich mineralogisch erklärbare Laune der Natur, erregte größtes Interesse, wie der folgende im protestantischen Norden Deutschlands publizierte Bericht zeigt. Die Stufe befand sich eine Zeit lang sogar in der kaiserlichen Schatzkammer in Wien, wurde später aber in der Barbarakapelle am Steirischen Erzberg aufgestellt und verehrt. Ihr Abbild wurde auch in Kupfer gestochen und als Andachtsbild verbreitet, das Andenken ihrer Auffindung in Festpredigten gefeiert. Wunderstufen sind im übrigen auch aus anderen Bergbauen Europas bekannt geworden, denen aber nicht immer nur Glaubensmirakel innewohnten. So soll Martin Luther 1539 eine Stufe mit einem Papstbildnis mit drei Kronen aus dem Mansfeldischen Revier bekommen haben, das er als eine Offenbarung des Antichrists bezeichnete. In Mansfeld hat man später noch Wunderstufen gefunden, so 1637 ebenfalls eine mit Maria und Kind.

Der Finder der Stufe wurde noch bei seinem Tode deswegen gefeiert. In den Sterbematriken der Pfarre St.Oswald zu Eisenerz I,64 heißt es: " . . . (begraben) den Simon Weissenbacher, welcher den Stueff im Aerztberg Ao.1669. Jahr gefundtn, und als selbigen zerschlagen, ist Unser liebe Frau baider Seiten schön in Wolckhen gestanden. Dies ist zu Ihr Mayt. Kayser Leopoldt in die Schaz-Cammer geschickht worden, und ist dann alsogleich ein große Commission gehalten worden."

Der erste gedruckte Bericht über die "Marianische Wunderstufe" 1683

Im Jahr 1669 hat Simon Weissenpacher / Bergmann in der Innerbergischen Eysengruben / ein Mann von 33 Jahren / bekant / daß er am 8ten Tag des Weinmonaths / Vormittags umb 10 Uhr / in seiner Grube / St.Dorothea genandt / im Hinterfahrt dieses Innerbergs ein stück von einem Eysenstein / etwa 2 Pfund schwer / anderthalb Klaffter tieff von ungefehr gefunden / welchen er / ihrem Gebrauch nach / mit dem Berghammer zerschlagen / daß er in 2 stücke zersprungen / davon das grössere Stück angesehen die zersprungene Seite oben zu liegen kam / etwas sonderbahres in sich zu halten schien / derowegen hat er seinen Nachbahren Nahmens Balthasar Millauer / zu sich geruffen / und gesagt: Siehe! dieser Eysenstein stellt das heil. Marienbild dar. Als er hierauff das andere Stück angesehen / hat er dasselbe Bildnüß ebenmäßig gantz schön und vollkommen (so wie es in gegenwärtigen) Kupfferstüch zu sehen) erblicket. Er würde dieser Seltzambkeit schwerlich sein innen worden / wann das grössere Stück auch also / wie das kleinere mit dem Bild oder Spalt-Seiten unter sich wäre zu liegen kommen.

Den folgenden 10 gedachten Monats zwischen 10 und 11 Uhr Vormittags / haben Herr Matthaeus Weissenberger / Kays. Bergrichter / und Hr. Johann Bernhard Bischoff / der Zeit Ober-Vorgeher im Eysenertz / solche 2 mit dem Marienbild bezeichnete Stücke denen Kayserl. Bergwercks-Commissarien übergeben

Der Berggeist warnt fromme Erzbergknappen vor Gefahr

Vor Zeiten pflegten sich die Eisenerzer Bergarbeiter des Morgens vor Beginn der Arbeit immer zu versammeln, um Gott zu bitten, daß er sie in der Grube beschützen und die Ihren nicht des Ernährers berauben möchte. Weil aber der Bergmannsdienst ein sehr gefährlicher ist und jeder gewärtigen muß, das Licht der Sonne nicht wieder zu sehen, so wurde vor der Einfahrt in die Grube das Zügenglöcklein geläutet und dann ging es, das Grubenlicht in der Hand, hinab in die grausige Tiefe.

Da geschah es eines Tages, daß, als die Arbeit eben erst begonnen hatte, daß "Schicht aus!", der Ruf, welcher den Bergleuten das Ende ihres Tagewerkes bezeichnet, ertönte.

Wie durch einen Zauber gelähmt standen die fleißigen Bergleute, die mit ihren düster brennenden Grubenlampen rastlos hin- und hergelaufen waren, um das Erzgestein mit Schlägel und Eisen wacker zu bearbeiten und in die Hunte zu verladen. Bei dem ersten Rufe hatten die vor Überraschung sprachlosen Knappen an eine Sinnestäuschung geglaubt. Als sich aber das langgezogene "Schicht aus!" in rascher Aufeinanderfolge ein zweites und drittes Mal an ihr Ohr drang, eilten sie angstbeflügelten Fußes ins Freie, denn nun wußten sie, was dieses vorzeitige "Schicht aus!" zu bedeuten hatte. Das war die warnende Stimme des Berggeistes. Und in der Tat. Kaum hatten sie den gefährlichen Raum hinter sich, als das Gewölbe unter Krachen zusammenbrach und auch die Knappen unter ihren Trümmern würde begraben haben, wenn sie nicht der warnende Ruf des ihnen wohlgesinnten Berggeistes auf die nahe Gefahr aufmerksam gemacht hätte.

Die Rache des Berggeistes

Ein Knappe hatte eine wunderschöne Stimme. Er sang gerne und wurde auch überall gerne gehört. Bei Gesang floß ihm die Arbeit munter fort und sehr oft hörten seine Kameraden seine Stimme in den unterirdischen Räumen des Erzberges ertönen.

Als einst der Knappe bei der Arbeit in der Grube sang, bemerkte er, daß ihm ein kleines bärtiges Männlein, das eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte, zuhörte. Der Knappe machte sich anfänglich aus dieser Nachbarschaft nicht viel daraus und sang lustig fort. Mit der Zeit aber wurde es ihm unheimlich zu Mute und er hörte auf zu singen. Da trat das Bergmännchen zu ihm und sagte: "Singe und ich will für Dich arbeiten!" Damit war der Knappe zufrieden und er sang, während das Männchen für ihn arbeitete. Da die Arbeit des Berggeistes mehr ausgab als die der gewöhnlichen Menschen, so erhielt der Knappe weit größeren Lohn. Wohl dünkte es den übrigen am Erzberge, es gehe dies nicht mit richtigen Dingen zu. Sie spähten ihm nach, sahen aber nichts Auffälliges, denn der Berggeist wußte es so einzurichten, daß jeder nur den Knappen arbeitend fand, während dieser aber eigentlich nichts tat als bloß zu singen.

So hatte der Sänger das schönste Leben und Geld im Überflusse. Dabei hütete er das Geheimnis, denn der Berggeist hatte ihn mit furchtbarster Rache bedroht, wenn er jenes preisgeben würde. Seine Kameraden aber wollten um jeden Preis dahinter kommen, zogen ihn mit sich ins Wirtshaus und zechten ihm einen Rausch an. Da, im trunkenen Zustande, verriet der Knappe das Geheimnis. Kaum aber war dieses heraus, als er plötzlich nüchtern wurde und von der Rache des Berggeistes nun zitterte. In der Ahnung des nahen Todes ging er zur Kirche, beichtete und empfing das heilige Abendmahl. Und als er tags darauf in die Grube fuhr, wartete auf ihn schon der ergrimmte Gnom und hielt ihm den Bruch des Schwures vor. Er faßte ihn mit Riesenkraft, schleuderte ihn in einen bereitstehenden Hunt und fort brauste der Wagen. Vor dem Eingange des Stollens aber saßen jene, die den Unglücklichen verführt hatten, und lauschten. Da brauste das gespenstische Fuhrwerk mit Blitzesschnelle daher. "Schurken!" rief donnernd der Berggeist, "seht die Strafe Eures Kameraden!" Und in diesem Augenblicke ward der unglückliche Knappe vor ihren Augen zermalmt. Dies war das Werk eines Augenblickes und zugleich war auch schon der Spuk wieder veschwunden. Darauf fanden einige Arbeiter den fast unkenntlichen Leichnam des Knappen, der mit allen bergmännischen Ehren zur Erde bestattet wurde.

Die hinterlistigen Kameraden aber wurden tiefsinnig und starben gleichfalls einer nach dem andern eines gewaltsamen Todes.

Knappenübermut bringt das Goldbergwerk am Pfaffenstein zum Verschwinden

Pfaffenstein
Pfaffenstein
© Fritz Bayerl, Karl und Inge Friedl

In der Gegend von Eisenerz, wo sich nach dem Volksglauben alle Metallarten im Schoße der Erde vorfinden sollen, bestand einst auch ein Goldbergwerk und zwar an der östlichen Seite des Pfaffensteins, wo das Gemäuer sich senkt, um die sogenannten Gsollböden zu bilden. Steinhaufen und Schutthalden bedecken nun die Eingänge in die Gruben, aus denen das edle Erz zu Tage gefördert worden ist. Die erzürnten Berggeister hatten, um die übermütigen Knappen zu strafen, dieses Bergwerk zerstört und unter Felstrümmern und Schotterlawinen für immer begraben.

Als nämlich die beim Goldbergwerke am Pfaffenstein beschäftigten Knappen, die nicht gegen Sold, sonder auf eigene Faust arbeiteten, sich große Reichtümer erworben hatten, zogen sie durchs Land kreuz und quer, um ihr Geld in Schwelgereien zu vertunn. Ihr Übermut wuchs immer mehr und mehr und kannte am Ende keine Grenzen. Niemanden ließen sie ungeschoren und wurden dadurch eine Plage der ganzen Gegend, des Landes. Als ihr Geld zur Neige ging, kehrten sie nach Eisenerz zurück, um ihre Arbeiten wieder aufzunehmen und sich neue Mittel zu ihren Schwelgereien und übermütigen Passionen zu erwerben. Aber anstatt ihres früher zinnoberroten Goldbruches fanden sie Trümmerhaufen von Kalkstein, die noch einige Zinnoberadern zeigten . Traurig zogen sie von dann, um auf andere Weise und an anderen Orten ihren Lebensunterhalt durch beschwerliche Arbeiten zu verdienen, denn in der Gegend von Eisenerz waren ihnen die Berggeister, die Hüter der unterirdischen Schätzewelt abgeneigt.

Die Läuterung des Knappen in der Heiligen Nacht

Ein liederlicher Knappe in Eisenerz, der sich gerne in Wirtshäusern herumtrieb, während daheim Weib und Kind darben mußten, kam einst am heiligen Abend betrunken nach Hause, und als ihm von seinem Weibe Vorstellungen gemacht wurden über die Entheiligung der festlichen Zeit, ging er zornig fort und auf den Erzberg hinauf.

Nachdem er sich seine Grubenlampe angezündet hatte, fuhr der betrunkene Knappe in eine der um diese Zeit ganz verlassenen Gruben ein und begann zu arbeiten. Es war schon spät gegen Mitternacht, da hörte der Knappe in der Nähe ein seltsames Rascheln und Flüstern. Gnomenhafte Gestalten fuhren wie der Blitz aus einer Felsenwand heraus und verschwanden. Zugleich hörte er eines der gespenstischen Männlein sagen:

"Geh'n wir's unsern G'spann' sagen,
daß uns helfen Boan'l nagen!"

Darauf huschten einige Gestalten dicht an ihm vorüber. Dem Knappen, der vor Schreck sogar die Grubenlampe hatte fallen lassen und den nun schwarze Finsternis umgaben, wurde es gar ängstlich zu Mute. Er wußte, daß er durch die Entweihung des heiligen Christabends die Bergmännchen heftig erzürnt habe und daß diese ihn nun zur Strafe gräßlich zerstückeln würden.

In seiner Angst flehte er den Himmel an um Verzeihung seines bisherigen bösen Treibens und gelobte Besserung, wenn er der schrecklichen Gefahr entrissen werde. Darauf erhellte auf einmal ein glänzender Schein den dunklen Stollenraum und zugleich zog es ihn mit unwiderstehlicher Macht nach rückwärts. Plötzlich stieß er mit dem Rücken an eine Fahrt - so nennen die Bergleute die in Schächten nach aufwärts oder in die Tiefe führenden Leitern - und zugleich schwebte ein kleines Kind in weißem Gewande, so ähnlich dem lieben Jesukindlein in der Krippe über ihn vorüber, worauf es nun wieder ganz dunkel wurde im Stollen. Da hörte der Knappe das Summen und Rascheln der Bergmännchen und eiligst stieg der die Fahrt hinan. Oben angelangt, sah er in der Tiefe unten einen bläulichen Schein und zahlreiche Kobolde mit scharfen blitzenden Messern in den Händen machten sich daran, die Fahrt zu besteigen und ihn zu verfolgen. Eiligst lief er dem nahen Ausgange zu, durch dessen Öffnung der besternte Himmel hereinlugte, und begab sich schnurstracks zur Kirche, von deren Turme die Glocken den Beginn der Christmette verkündeten.

Die nächste Christnacht brachte er erbaulich zu und erzählte auch den Seinen, wie es ihm bei der vorjährigen Christnachtschicht im Erzberge ergangen war.

Spuk verhindert die Einfahrt der Knappen

Einst wollte man am Erzberge aus Gewinnsucht früher einfahren, als es die Bergordnung bestimmte. Als die Knappen der Zeche oder dem Mundloche näherkamen, sahen sie einen geschlachteten Ochsen rücklings auf der Erde liegen. Die Füße waren abgehauen und in jedem der vier Stummel steckten Lichter, welche zwei gräßlichen Gestalten zur Arbeit leuchteten, den Ochsen zu zerfleischen. Erschrocken liefen die Knappen zurück und als sie um die bestimmte Stunde wieder einfuhren, war nichts mehr von dem Gesichte zu sehen. Der Herr, dem sie den Spuk erzählten, hielt es für eine lustige Erfindung der Knappen, sich der früher zugemuteten Arbeit zu entziehen, und entschloss sich, tags darauf seine Knappen zu früher angesetzter Stunde einzuführen. Als er mit ihnen an die Stelle kam, sah er mit Entsetzen die nämliche Szene, abermals vier gräßliche Unholde in Menschengestalt, welche mit ihren Messern zwischen den Zähnen grimmige Blicke auf ihn warfen. Er floh, und als er zur gesetzlichen Stunde einfuhr, war keine Spur von dem Geschehenen zu schauen.

Die Bergleute glauben an den Berggeist und sein Wirken

Viele Bergleute beteuern, am Erzberge den Berggeist in verschiedenen Gestalten, groß und klein, jung und alt, finster schauend, drohend, neckisch, drollig und freundlich öfters gesehen zu haben. Und sie halten es für einen ebenso großen Frevel, in des Erzbergs Schächten durch Geschrei und Lärmen den mächtigen Geist zu reizen, als an dessen Dasein gar nicht zu glauben. Alle unerklärbaren Erscheinungen an diesem Berge, insbesondere an Montagen oder an Tagen nach Feiertagen und den unterlassenen oder schlecht und gedankenlos verricheteten Morgengebeten, die man bemerkt, sieht, hört, erden vom gläubigen Knappen allein nur diesem Geiste zugeschrieben.

Man wollte und will oft von weiter Ferne schon arbeiten gehört haben und hören und Erze mit Hunten auslaufen in Schächten, wo noch niemand an die Arbeit gegangen ist. In tiefen Stollen, deren Mundzimmer noch fest verschlossen sind, findet man den Bergzeug entweder verlegt oder gar entwendet. Wo niemand arbeitet, sieht man dennoch ein einsames Berglicht. In Hoffnungsschlägen findet man offen liegengelassene Kerzen an derselben Stelle nicht wieder beim Arbeitsbeginne, sondern unter dem tauben Gestein vor Entwendung gesichert und aufgehoben. Auch am folgenden Tage findet man sie wieder nicht an der alten Stelle, sondern nach vielen Untersuchungen erst in Vertiefungen oder in einer Spalte, wo früher keine gewesen. ist. Besieht man aber diese Kluft genauer, so findet man hier das edelste Erz aufgeschlossen. Ohne alle Luftbewegung verlischt oft plötzlich das Licht am Standorte und je nach Gedanken und Sinn des arbeitenden Grubenmannes will manchmal gar nichts gelingen. Doch hält man dies mehr für ein gutes als schlimmes Zeichen.

Stets erhält dieser Glaube an den Urgeist des Erzberges in den Gemütern der Bergknappen ein heilsames Grauen. Und in der regen Furcht Gottes, der durch diesen Berggeist über die Geschicke der Arbeiter wacht, hat der emsige Bergmann eine unversiegbare Quelle von Vertrauen und Trost bei seiner schweren und gefährlichen Arbeit in der feuchten Nacht der unterirdischen Tiefe.

Das goldene Kalb im Eisenerzer Lauskogel

Auf dem Lauskogel, einem kleinen Vorberge der vom Pfaffenstein auslaufenden Kesselmauern, befindet sich mitten im Salde und hart neben dem Wege, welcher zur hohen Prossen führt, eine durchwühlte Stelle, die deutlich von hier stattgehabten Grabungen zeugt. Wenn man fest darüber geht, so scheint es, als ob der Boden unterhalb hohl wäre.

Hier nun soll der Sage nach ein goldenes Kalb vergraben sein. Dieser Schatz ist nur in der heiligen Christnacht während der Metten zu heben. Der Gräber hat dabei drei Proben zu bestehen. Sobald die Mitternachtsstunde schlägt, kommt ein großes schwarzes Schwein, welches mit schauerlichem Grunzen auf den Schatzgräber losfährt. Doch dieser darf sich nicht umsehen, weder jetzt noch später, wenn er nicht des Todes sein will. Dann läuft das gespenstische Tier ungeheuer polternd fort. Hierauf erscheint eine große Schlange, mit furchtbaren Zähnen im Rachen und aus diesem Feuer und Schwefeldämpfe sprühend. Zischend und drohend nähert sie sich dem Schatzgräber, um diesen in Angst zu versetzen.

Doch läßt er sich nicht irre machen und gräbt er rüstig weiter, so verschwindet der Spuk und es folgt nun die dritte und letzte, aber sehr schwer zu widerstehende Probe. Schon klingt die Haue dumpfer, schon stößt sie an den harten metallenen Schatz, - da sprengt ein schwarzer Ritter in glänzender Rüstung auf weißem, feuerschnaubenden Rosse in sausenden Galopp daher, richtet an den Schatzgräber einige Fragen und sagt dann: "Hier nimm den Schatz!" Bei diesen Worten blickt nun der Letztere, wenn er auch bisher mutig ausgehalten, immer gerne um - und weg ist der Spuk! Aber auch die Arbeit ist umsonst.

Mancher soll nach der Bestehung der beiden ersten Proben schon das Gold durch die Erde leuchten gesehen haben und doch war es nicht möglich, den Schatz zu heben, da er dem falschen Hinweis des Ritters auf denselben Gehör schenkte und die Spukgestalt ansah. Viele sollen an der Stelle tot aufgefunden worden sein. Andere, welche lebend davon kamen, hatten in dieser Nacht weiße Haare und Falten im Gesichte bekommen. Auch waren sie stets in tiefes Nachdenken versunken und starben bald.


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