Sagen aus dem Raum Leoben (Essay) Leoben,Steiermark #


Herzog Ernst der Eiserne und Cimburgis [1]

Herzog Ernst der Eiserne mit seinen Söhnen Friedrich, Albrecht und Ernst. Glasmalerei, zwischen 1418 und 1424 Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien). © Copyright Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien.
Herzog Ernst der Eiserne mit seinen Söhnen

Der steirische Herzog Ernst mit dem Beinamen der Eiserne aus dem Hause der Habsburger war der Vater des nachmaligen römisch-deutschen Kaisers Friedrich III. und somit auch Großvater des "letzten Ritters" Kaiser Maximilian I. Sein Beiname rührte von seiner außergewöhnlichen Körperkraft her, die er auch wirkungsvoll einzusetzen wußte. Besondere Vorliebe hegte des Landesfürst für die Obersteiermark. Deshalb war er öfters auch in Leoben anzutreffen. Einst wurde für ihn in den ausgedehnten Wäldern um die Stadt eine Jagd veranstaltet und in einer Pause kamen die Jagdbegleiter auch auf die ungewöhnliche Stärke des Herzogs zu sprechen. Mehr spöttisch und ungläubig äußerten sich dazu einige der Herren. Da umfaßte Ernst eine junge Eiche und brach den Stamm mitten entzwei. Dies brachte die Vorlauten zum Verstummen.

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Cimburgis-Statue am Maximiliansgrab in der Hofkirche in Innsbruck

Auch seine schöne Gattin Cimburgis, eine Prinzessin aus baltischem Fürstenhaus, war ihm körperlich ebenbürtig. Einmal ließ sie anläßlich eines Besuches im Nonnenstifte Göß beim Leobener Platzschmied ihr Pferd neu beschlagen. Im Scherze nahm dabei, so wird erzählt, die Herzogin das frisch geschmiedete Hufeisen und brach es wie im Spiel mitten entzwei. Der verblüffte Schmied mußte daraufhin mit der Arbeit von vorne beginnen.

Das Hufeisenkreuz

Im Ahnensaale des von den Templern in Form eines T erbauten Schlosses Weyer, so benannt nach dem dasselbe umgebenden Weiher, saß der tapfere Ritter Wilhelm von Rattmannsdorff und blickte nachdenkend auf seinen mächtigen Kampfschild, in dessen Mitte das Wappen , der rote Mann im lichten Felde prangte, davon das Geschlecht, ursprünglich Rothmannsdorf geheißen, den Namen führte. Er dachte daran, wie er bei dem Kreuze zwischen Leoben und Göß, unterhalb des Schlosses Massenberg, von seiner trauten Barbara von Lichtenstein, Tochter des nunmehr seligen Herrn Rudolf von Lichtenstein auf Schloß Murau, Abschied genommen, als er im Dienste seines Herrn und Kaisers, des ritterlichen Max I. nach Italien zog, um unter den Befehlen des hochherzigen Feldherrn Niklas Graf von Salm wider die übermütigen, ränkesüchtigen Venetianer zu kämpfen.

Schloss Weyer, Kupferstich
Schloss Weyer

Weiter flogen seine Gedanken hin zu den gesegneten Gefilden Italiens, wo er das steirische Banner mit Ehren im Kampfe vorangetragen, wo er durch seine Umsicht und Tapferkeit mitgeholfen zum Siege des österreichischen Aars über den Löwen von St.Markus. Des Jünglings Feuerauge flammte bei diesen Erinnerungen auf, doch bald deckte wieder momentane Blässe seine roten Wangen, denn vor ihm tauchte das Bild der Zigeunerin auf, die er vor sicherem Tode aus der Welschen Hände gerettet und die ihm dafür wahrgesagt, daß Hufeisen feindlich ihn bedrohen. Doch bald entschwand die Blässe aus seinem Gesichte und an ihre Stelle trat dunkle Zornesröte. "Die falsche Stiefmutter will meiner Barbara die Einwilligung einer Verbindung mit mir verweigern; sie hatte es vermocht, ihren schwachen, greisen Gatten noch auf seinem Sterbebette zu bestimmen, gegen meiner Verlobten etwaige Verehelichung mit mir, bei Verlust des reichen väterlichen Erbgutes, das nach gesetzlichem Fug und Recht unter allen Umständen ihr zufallen muß, Protest einzulegen. Schlange, das soll dir wenig nützen, so wahr ich ein Rattmannsdorfer bin!", rief der Jüngling und stampfte mit seinem Fuße heftig nieder, so daß es seltsam wie unheimlicher Geisterton durch den langen Ahnensaal hallte

Da ertönte plötzlich auf dem Burghofe hastiges Pferdegetrappel. Gleich darauf trat ein schmucker Ritter in das große Gemach und flog auf Wilhelm zu. "Teurer Bruder, ich komme in größter Eile von Murau. Vernimm meine Botschaft, aber erschrecke Dich nicht! Man will Deine Braut zwingen, einem Andern die Hand zu reichen; aber Barbara weigert sich dessen entschieden und erklärte, eher den Schleier nehmen zu wollen, als Dir untreu zu werden. Deß' ist nun ihre Stiefmutter sehr froh, wenigstens bleibt ihr das reiche Erbe ungestört und binnen drei Tagen soll ich Barbara nach Göß ins Frauenstift geleiten. Da ich keinen vertrauenswürdigen Boten fand, den ich an Dich hätte abschicken können, so eilte ich selbst hieher, Dich vor allem zu benachrichtigen".

Göß: Stiftskirche. © Copyright Christian Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU.
Göß, Stiftskirche
Wilhelm von Rattmannsdorf, dessen Antlitz bald blaß, bald rot geworden vor Schrecken und Zorn über die Mitteilungen seines treuen Busenfreundes, fiel diesem um den Hals, wollte aber dann sogleich sich rüsten und ergriff die Waffen, die an der Wand unter dem Bildnisse seines Vaters hingen. "Nicht so schnell, nicht so ungestüm, Wilhelm!", sagte der Freund, "durch Voreiligkeit und unüberlegtes Handeln würdest Du Dir das ganze Spiel verderben, mir meinen schönen Plan durchkreuzen, den ich schon zu Deinen Gunsten so trefflich ausgedacht habe! - Ich reite alsogleich wieder zurück nach Murau, damit man mich dort nicht vermißt und keinen Verdacht schöpft. Du aber bestellst Dir einen Mönch aus dem nächsten Kloster, der bereit sein muß, die Ehe mit Deiner Barbara einzusegnen, ladest einige Zeugen und frohe Gäste zum kleinen Hochzeitsschmause auf Deine Burg, ohne ihnen aber von dem Bevorstehenden etwas zu sagen, und reitest dann nach zweimal 24 Stunden gegen Göß. Dort in der Nähe des Stiftes erwarte mich, bis ich mit Deiner Braut anlange, dann aber hebe sie auf Dein Pferd und eile mit der süßen Bürde wieder schleunigst zurück in die Burg Deiner Väter. Schnell müßt Ihr Euch trauen lassen und am frühen Morgen des nächsten Tages reitet gegen Wien, wohin der Kaiser aus dem deutschen Reichslande sich begeben, um die Verlobung seiner Enkelin Maria mit Ludwig, dem Sohne des Ungarnkönigs, und dessen Tochter Anna mit dem kaiserlichen Prinzen Erzherzog Ferdinand zu feiern. Durch diese Doppelheirat, die schon lange in seinem Plane gelegen, ist der Kaiser gewiß gut gelaunt und er wird Dir, der Du ihm so treffliche Dienste im Krieg geleistet hast, gewiß seinen Schutz und Schirm versprechen, wenn Du ihn vom Sachverhalte in Kenntnis setzest!"

Wilhelm war mit dem vielverheißenden Plane seines Freundes einverstanden und drückte ihn vielmals an seine Brust. Nur kurze Zeit verweilten sie noch beisammen, besprachen sich bei gefüllten Pokalen, die ein Diener auf Wilhelms Befehl herbeigebracht, über noch mancherlei und bald darauf sprengte der wackere Waffengefährte und Freund wieder zum Schloßhofe hinaus.

Wilhelm hatte nun vollauf zu tun, um alle verabredeten Vorkehrungen zu treffen. Die Gemächer des Schlosses wurden gescheuert, die Ehebetten aufgerichtet, die Sorge für den kleinen Hochzeitsschmaus wurde der Hausbeschließerin übertragen und Boten mußten nach allen Seiten hineilen, um Mönch und Gäste von den benachbarten Burgen zu einem wichtigen Ereignisse auf Schloß Weyer zu entbieten. Und als zweimal vierundzwanzig Stunden vergangen waren, ließ Wilhelm sich seine schwere Rüstung anlegen, ergriff Schild und Schwert, als gelte es in die heiße Schlacht zu ziehen, und sprengte auf seinem feurigen Rappen von dannen.

Leoben: Altes Rathaus.© Österreich Werbung, Bohnacker.
Leoben: Altes Rathaus
Es war bereits Mitternacht, als der Ritter seinem Ziele sich näherte, als er an der alten St.Jakobskirche[3] vorüber auf der Straße dahinritt, die sich zwischen der Stadt Leoben und dem auf seiner Höhe wohlbefestigten Massenberge durch einen Hohlweg windet. Da befiel ihn eine sonderbare Angst, die, daß seine geliebte Barbara am Ende schon gar vor ihm bei den Klosterpforten angelangt und sie dann, einmal hinter denselben verschwunden, für ihn auf immer verloren sei. Er spornte sein Roß zur Eile an, aber der Rappe strauchelte und stürzte. Das Tier war schlecht beschlagen gewesen und ein Hufeisen, welches schon unterwegs locker geworden, entfiel ihm. Verwundet von einem spitzen Steine, darauf er getreten, als der ungeduldige Reiter ihm die scharfen Sporen in die blutigen Weichen gesetzt, hatte sich der feurige Rappe übergebäumt. Wilhelm von Rattmannsdorf stürzte in seiner schweren Rüstung kopfüber zur Erde und blieb sogleich tot neben dem verendeten Pferd liegen.

So hatte sich der Ausspruch der Zigeunerin bewahrheitet, die gefahrdrohenden Hufeisen waren für den Jüngling verhängnisvoll geworden.

Als bald darauf in früher Dämmerung Barbara von Lichtenstein und ihr wackerer Begleiter, der treue Freund Wilhelms, auf dem Wege von Leoben nach Göß dahergeritten kamen, sahen sie bei dem Kreuze einen dunklen Haufen liegen. Bei näherer Untersuchung fanden sie den gewappneten Freund als Leiche und warfen sich trostlos auf dieselbe.

Wilhelm von Rattmannsdorf wurde zur ewigen Ruhe gebettet. Barbara von Lichtenstein aber nahm den Schleier im adeligen Frauenstifte Göß, dessen Äbtissin sie später wurde, und ließ das Kreuz zum Andenken an ihren theuren Titen erneuern in seiner noch gegenwärtig bestehenden Form mit den drei Hufeisen und der Jahreszahl 1515, das seitdem vom Volke des Hufeisenkreuz genannt wurde.

Der frevlerische Schuß auf den Herrgott im Jakobikreuz

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Burg Massenburg, Kupferstich
Dem Wilhelm Ratmannsdorfer, einem vermögendem Ritter aus der Nachbarschaft Leobens war es bestimmt, sich mit dem adeligen Fräulein Barbara v. Lichtenstein von Murau zu verloben, welches zur besseren Erziehung und Bildung von ihren Eltern in das Damenstift nach Göß gegeben worden war. Als er diese seine Braut kurz vor seinem Verlobungstage noch einmal besuchen wollte, kehrte er im Vorbeiwege in der alten Ritterfeste Massenberg nächst Leoben bei dem dort hausenden landesfürstlichen Landschreiber zu und verspielte da, nachdem er noch vielen anderen Unfug getrieben hatte, auch eine so große Summe Geld verspielt, daß er darüber fast wahnsinnig wurde und deshalb bei seinem unglücklichen Spiel durch eine ganze Nacht Gott schrecklich lästerte.

Als er dann frühmorgens von diesem Schlosse sich wegbegab und sich auf seinen Weg nach Göß machte, kam er an dem großen gemauerten Wegkreuz vorbei, worin sich in einer Nische Christus am Kreuz mit den beiden Schächern fast in Lebensgröße aus Holz geschnitzt befindet. Er hielt dort an, haderte ganz schrecklich mit dem Kruzifix und trieb mit diesem Spott. Dann beschwor er den hölzernen Herrgott, daß er ihm auf der Stelle sein im Spiel verlorenes Geld wiederum zurückverschaffen solle.

Als ihm dieses Begehren, wie vorauszusehen, nicht in Erfüllung ging, riß er seine Pistole aus der Satteltasche, feuerte diese auf das hölzerne Bild Christi ab und traf den Gekreuzigten am linken in das Schienbein, worauf sogleich aus dieser Kugelverletzung frisches Blut wie aus einer wirklichen Wunde floß.

Nachdem er solcherart Rache genommenen hatte, floh er dann mit verhängtem Zügel weiter gegen Göß. Auf einmal wurde er aber an der Stelle, wo heute die steinerne Säule steht, samt dem Pferde von der sich unter Feuer und Flammen weit auftuenden Erde derart verschlungen, daß von dem Pferde nur noch drei Füße mit den Hufeisen zum ewig währenden schauderhaften Andenken der betroffenen Nachwelt aus der sogleich geschlossenen Erde hervorsahen.

Betroffen über diese schreckliche Nachricht nahm dann seine Braut in dem Nonnenkloster zu Göß ungeachtet ihrer zum lutherischen Glauben übergegangenen Schwester, die mit Herrn v. Schärfenberg zu Langenwang vermählt war und sich heftig diesem Entschlusse entgegensetzte, den Schleier. Im Jahre 1566 wurde sie wegen ihres frommen und büßenden Lebenswandels Äbtissin dieses Stifts und ließ zum schauervollen Andenken an den Unglücksfall ihres verlobten Ritters die steinerne Säule setzen und selbe mit drei eisernen Hufeisen an ihrer Spitze versehen.[5] Auch ist noch bis zur Stunde eine Kugelverletzung in dem linken Fuße des hölzernen Christus zu sehen, welche aber freilich jetzt nur mehr mit gemaltem Blut bedeckt ist.

Die Freveltaten des Ritters Wilhelm von Ratmannsdorf

Stift Göß. © HR L. Jontes
Stift Göß

Um das Jahr 1500 trat eine Comtesse Barbara Lichtenstein als Aspirantin in das Stift Göß ein und wurde in ihrem Alter als die verdienstvollste 29. Äbtissin gerühmt. Sie war mit Gaben der Natur und des Geistes ausgezeichnet, daher bedrängte sie ihr heftigster Bewerber, der Ritter Wilhelm von Ratmannsdorf, Herr der Veste Weyer bei Frohnleiten. Ihre Eltern und Angehörigen fürchteten ihn aber, getrauten sich aber nicht ihm die wahre Ursache zu sagen und redeten sich auf einen anderen Bewerber aus Sachsen aus. Das ließ ihn aber nur umso heftiger auf eine Hochzeit drängen. Endlich erfuhr er durch seinen Freund Tollinger die Wahrheit, daß sie nämlich Klosterfrau werden wolle und schon im Kloster aufgenommen sei. Voller Entrüstung wollte der Ritter es bei Eltern und Angehörigen erzwingen. Da diese sich nicht zu helfen wußten, wurde nach damaliger ritterlicher Sitte eine Wette vorgeschlagen, die der Ratmannsdorfer auch annahm. Er müsse in einem von beiden Seiten bestimmten Zeitraum von Bruck kommend Schlag 12 Uhr im Schlosse Massenberg einreiten. Die nun schon ins Kloster Göß aufgenommene Barbara wurde von ihrer Familie benachrichtigt und bat die Klosterfrauen um Hilfe. Diese beteten inbrünstig bis zum Tag der Wette.

Als nun der Ritter vor die von Reitsperger ganz neu erbaute Kapelle mit den drei Kreuzen kam[7], schlug die Glocke am Turm 12 Uhr. Rasend vor Wut schoß er auf Christus am Kreuze und traf ihn am Schienbein. Sogleich floß aus der Schußwunde frisches Blut über den Fuß herab. Viele Menschen aus Leoben waren Zeugen dieser Tat, denn die Wette war kein Geheimnis geblieben. Auch geschah es nicht bei Nacht und Nebel, wie man es, um die Familie Ratmannsdorf zu schonen, verbreiten wollte, denn es waren bereits zwei Klosterfrauen dieses Geschlechts im Stifte Göß.

Der Ritter, der das Geschehen nicht mehr weiter beachtete, schlug seinem Pferd erneut die Sporen in die Weichen und ritte nicht mehr auf die Massenburg, sondern schnurgerade nach Göß, um das Mädchen zu entführen. Als er auf seinem Wege gerade gegenüber der Jakobikirche war und auf die Kirche hin alles Heilige verwünschte, machte sein Pferd einen Sprung und warf ein Hufeisen ab. Fluchend und Gott lästernd ritt er weiter talab und gerade am Fusse des Massenberges, wo man Göß bereits sehen kann, steigerten sich seine Flüche noch weiter. Da machte sein Pferd abermals einen Sprung und warf die drei noch übrigen Hufeisen auf den Weg und der Ritter samt Roß und Waffen wurde mitten auf dem Weg von der Erde verschlungen. Die Braut des Himmels wurde so gerettet.

Zum bleibenden Andenken und aus Dankbarkeit gegen Gott ließ Barbara v. Lichtenstein mit ihrer Familie die zwei Kreuze genau an der Stelle, wo es geschehen war, setzen und mit Hufeisen und Inschrift versehen, das erste dort, wo das Pferd ein Hufeisen abgeworfen hatte und das zweite, wo es die drei Eisen verloren hatte und der Ritter plötzlich von der Erde verschlungen worden war.

Der Schatzsee im Bärenkogel [9]

Gegen das Donawitzer Tal hin steht nördlich der Stadt Leoben der Bärenkogel, dessen Name wie andere Gegendnamen an den einstigen Wildreichtum auch in der Nähe größerer Siedlungen erinnert. Tief im Inneren dieses Berges soll sich ein See befinden, dessen Sand goldhältig ist. Vor zweihundert Jahren kam jedes Jahr drei Italiener, übernachteten in einem Wirtshaus und stiegen dann auf den Bärenkogel. Was sie dort taten, erfuhr niemand.

Adolf Obermüllner, Album der Kronprinz Rudolfs Bahn, 1868
Leoben

Als sie wieder einmal nach Leoben kamen und diesmal besonders lang nicht von ihrer Tour zurückkehrten, ging ihnen die Wirtin, bei der sie wohnten, nach und fragte sie bei ihrem endlichen Auftauchen, ob sie nicht denn bald zum Mittagessen kämen. Sie bekam zur Antwort, das sei nicht mehr nötig, denn sie hätten ihre Arbeit bereits beendet und wollten gleich wieder nach Welschland zurückkehren. Aus prallgefüllten Säcken, die sie mit sich trugen, leuchtete es golden heraus. Diesmal gaben sie ihrer Gastgeberin allerdings auch preis, was sie aus dem Süden hieher in die Obersteiermark in die Leobener Gegend geführt hätte. Es gelang ihnen, den Bärenkogel genau zu erforschen. Sie seien über drei Horizonte zu einem unterirdischen See hinabgekommen, wo sie an dessen Ufer dann den Goldsand fanden. Nun hätten sie davon solche Mengen, daß sie reiche Leute seien und nicht mehr wiederzukommen brauchten.

Im Tollinggraben erzählte man sich diese Sage noch lange. Manch einer wollte auf diese Erzählungen hin selber nach dem Bergschatz suchen, keinem aber gelang es. Der alte Ebner soll sogar schon das Wasser in der Tiefe rauschen gehört haben, es habe ihm aber am nötigen Sprengpulver gefehlt, um sich vollends den Weg in die Tiefe bahnen zu können.

In den Alpensagen tauchen öfters solche geheimnisvollen Italiener auf, die hoch oben in den Bergen nach edlen Metallen suchen. Man nennt sie häufig Venediger oder Venedigermanndln. Sie verfügen über geheimnisvolle Kenntnisse, tragen einen Bergspiegel mit sich, durch den sie angeblich die Bergschätze erkennen können, und verfügen öfters auch über ein "Walenbuch", in dem die Geheimnisse der Bergwelt aufgezeichnet sind. Die Geschichte weiß, daß diese Leute häufig als Prospektoren aus Venedig kamen, tatsächlich bergmännische Absichten hatten und darauf achteten, daß ihre Absichten nicht publik wurden. Der "Bergspiegel" dürfte eine Glasflasche mit Quecksilber gewesen sein, mit dessen Hilfe sie kleine Erzproben gleich vor Ort amalgamierten, um festzustellen, ob sie tatsächlich auf Gold fündig geworden wären.

Goldsucher aus Leoben

Die Steiermark ist zwar kein Goldland und man findet das edle Metall nur in geringen Mengen im Sand von Flüssen im Mur- und Ennsbereich oder in pyritführenden Schichten im Ennstal. Die Sage aber weiß von mehr zu berichten. So sollen einst Kaufleute aus Leoben den Berg Zinken bei Seckau aufgesucht haben, um nach Gold zu graben. Sie seien dann immer mit vollen Rucksäcken zurückgekommen. Auch hätten sie einen Strumpf in die Goldlacke, einen kleinen Bergsee, der früher auch Maiersee geheißen hatte, gesenkt, an dem Gold hängengeblieben sei. Der alte Pfeifer hat sie auch nach dem Geheimnis gefragt. Sie versprachen ihm zwar, ihn einzuweihen. Der Greis ist aber früher gestorben. Und beim alten Kühberger hat öfters ein Mann aus Leoben übernachtet, der auch hinter dem Gold her war. Dieser ist, als man ihm nachspionierte, nicht mehr wiedergekommen.

Die Beraubung einer scheintoten Frau [11]

Die Frau des letzten Verwalters der Herrschaft Göß, Eißl, galt für tot. Sie wurde begraben. Der Totengräber dachte sich, daß der Schmuck, welchen die Frau trug, und der ihr ohnehin nichts mehr nützen könnte, ihm selber besser zu statten kommen würde. Er ließ daher das Grab offen. Als es Nacht geworden war, stieg er in dasselbe, öffnete den Sarg und wollte von den Fingern der Toten die Ringe abziehen. Er vermochte dies jedoch nicht und daher nahm er eine Feile und versuchte es, die Ringe durchzufeilen. Doch plötzlich zuckte die Hand und der Totengräber, selbst zu Tode erschrocken, nahm eilends Fersengeld. Die nur scheintote Frau erholte sich bald vollends. Sie stieg auf der zurückgelassenen Leiter aus dem Grabe, begab sich nach Hause - es war das Haus Nr.72 - und zog die Glocke. Das Stubenmädchen sah zum Fenster hinab, erblickte die Herrin und eilte erschreckt zum Verwalter. Derselbe schalt sie aus, begab sich aber doch zum Fenster und traute seinen Augen kaum, als er die vom Tode auferstandene Frau erblickte. Dieselbe lebte dann noch zwei Jahre. Der Totengräber aber erhielt nicht nur sämtlichen Schmuck der Frau, sondern auch noch ein reiches Geschenk.

Zukunftsvision über Leobens Untergang

Als Christus seinen letzten Gang nach Golgatha antrat und erschöpft auf dem Wege der Schmerzen um eine Erfrischung bat, verweigerte der hartherzige Schuhmacher Ahasver ihm eine solche. Deshalb muß der Sünder, den man auch den Ewigen Juden nennt, nach der einst gängigen Meinung des Volkes ohne Erlösung rastlos durch die Welt ziehen. Dreimal umkreist er dabei die ganze Erde. Als er das erste Mal dort wanderte, wo heute die Stadt Leoben steht, erblickte er in unbesiedelter Einöde nur Urwald und wilde Tiere. Beim zweiten Mal kam er durch die bereits bestehende Stadt an der Mur. Wenn er aber das dritte Mal die Stelle betritt, werden wieder nur Füchse und Hasen eine wüste Stätte bevölkern.


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[1] Nach Brauner, Leoben S.52f., Nr.19 "Ein 'kräftiges' Herzogspaar. Textneufassung G.J.

[3] Die Leobener Jakobikirche, einstige Pfarrkirche St.Jakob vor den Toren der mittelalterlichen Stadt

[5] Diese Fassung der Sage geht in erklärender Weise auf die drei Hufeisen ein, die sich einst an der im spätgotischen Stil gemeißelten Steinsäule befanden. Eine ältere Lithographie des Dreihufeisenkreuzes bei Josef Graf, Historisch-topographische Nachrichten über Leoben und die Umgegend, Graz 1852 zeigt S.2/2 noch einen Schild mit dem Ratmannsdorfischen Wappen, das u.a. bekanntlich drei Hufeisen aufweist, die aber zum Wappen gehören und nichts mit einem vorgeblichen Unfall an der Stelle des Kreuzes in der Gösser Straße zu tun haben. Zur Einordnung in den Gesamtkomplex der Sagen vom "verletzten Kultbild", auf dessen Schändung alsogleich die Strafe folgt, vgl. Jontes, Jakobikreuz

[7]Das vor der Jakobikirche stehende 1974 versetzte Jakobikreuz

[9]Nach Josef Leitgeb: Geschichten aus dem steirischen Oberland. In: Obersteirischer Kalender für Stadt und Land. Leoben 1950, S.41 "Sage vom unterirdischen Schatzsee im Bärenkogel". Neue Textfassung G.J.

[11]Jontes, Beraubung S.308-309. Bericht in der Obersteirer-Zeitung, Leoben 6(1890), Nr.13 vom 13.2.1890, S.3f. Das Ereignis läßt sich aus den Leobener Pfarrmatriken nicht erweisen. Das Motiv der Beraubung einer scheintoten Frau ist ein Wandermotiv, das sich durch den gesamten deutschen Sprachraum bis ins Mittelalter zurückverfolgen läßt. Diese "Zeitungssage" wurde in einer Zeit abgedruckt, als allenthalben eine starke Scheintodhysterie herrschte.