Vorwort #



Der Steirische Erzberg hat seit dem Mittelalter, als er zum zentralen Bergbau auf Eisenerz der Ostalpenländer wurde, seine wirtschaftliche, historische und kulturelle Wirksamkeit nach Norden und nach Süden entfaltet. Durch die "Ebenhöhe", eine gedachte Scheidelinie geteilt, wurde die Lagerstätte von Vordernberg und dem alten Innerberg (später Eisenerz) aus als landesfürstliches Kammergut durch die Gewerken und ihre Bergleute abgebaut, sein Bergschatz im Umkreis des Berges auch verhüttet, das Roheisen über die privilegierten Verlagsstädte Leoben und Steyr in alle Richtungen gehandelt und schließlich im weitverästelten Bereich der steirischen, nieder- und oberösterreichischen Eisenwurzen in zahllosen Hammerwerken zur Fülle der Eisenwaren und -güter verarbeitet, deren Qualität mit am Ruhm steirischen Eisens mitwob.

Der Mensch kann sich nicht aussuchen, wo er die Grundlagen seiner Produktion aus aneignender Wirtschaftsform hernimmt. Er ist an die durch die Geologie vorgegebenen Lagerstätten gebunden. Er muß sie ausforschen und ausbeuten, um zu seinem Ziel zu gelangen. Und diese Hauptlagerstätte für das kulturbegründende und -erhaltende Eisen liegt in unserem Falle inmitten der Gebirgsregionen der Ostalpen, in einem dem Menschen nicht immer wohlgesinnten Milieu der hohen Bergwelt, in der nur wenig von dem gedeiht, was Mensch und Tier nicht nur am Leben erhält, sondern auch die schwere Arbeit vollbringen läßt, die erforderlich ist, um dem Berg das Metall abzuringen, aus dem sowohl Schwerter, als auch Pflüge geschmiedet werden können. Im Falle des Eisens war er an eine Dreizahl von Bedingungen gebunden: Erzlagerstätte, Wald zur Holzkohlenproduktion für Hütte und Hammer und Wasserläufe als Energielieferanten für den Betrieb der Blasebälge in den Radwerken, wie die Schmelzhütten hießen, und dann in den Hammerwerken, die ebenfalls Wasserkraft zum Pochen brachte.

Dazu bestimmten einst in bestimmender Weise die "drei Glieder des Eisenwesens" die steirische Montanwirtschaft: Berg- und Radgewerken, Roheisenhändler und Hammergewerken hatten die wahrhaft spröde Materie vom Erzabbau bis zur Finalproduktion in der Hand. Sie saßen dabei in der Hauptsache an einem Verkehrsweg, der grob gesprochen vom steirischen Leoben bis ins voralpine oberösterreichische Steyr führte und die handelsmäßige Verteilung des Rohstoffes Eisen in den südalpinen bzw. in den Donaurau gewährleistete. Dieser sich nahe den Landesgrenzen auch verästelnde Weg war die Eisenstraße. Aber auch die sich im Voralpenland in viele Verkehrswege verästelnde Landschaft der Eisenwurzen mit zahlreichen kleinen und größeren Wasserläufen bot im weiteren Ober- und Niederösterreich Gelegenheit, die Weiterverarbeitung der Eisenflossen in die Hand zu nehmen und das Eisen zu einer Fülle von Produkten zu formen, die von Blech und Draht bis hin zu Nägeln, Messern, Sensen, Hacken, Hieb- und Stichwaffen reichten.

Auf diesen Straßen wurden aber nicht nur Erz und Holzkohle transportiert. Die Verpflegung und andere lebenswichtige Subsidien für tausende Berg- und Hüttenleute, Nebengewerbe, Handwerker, Holzknechte und Köhler, Fuhrleute und deren Tiere, Flößer, Erhalter der Infrastruktur, Montanbeamte, dazu für die nicht im Montanwesen tätige Bevölkerung mußten auf ihr herbeigeschafft, auf der anderen Seite sie selber durch ein Heer von Straßenarbeitern erhalten und ausgebaut werden. Und all das in einer problematischen Umwelt, die durch lange Winter, alpine Unwetter, aber auch in manchen Epochen durch kriegerische Ereignisse oder Rebellionen sozialen Ursprungs in ihrer Sicherheit gefährdet war!

Seit der beginnenden verkehrsmäßigen Erschließung der Alpenländer durch die moderne Technik im 19.Jahrhundert und die technologische Bewältigung des Berg- und Hüttenwesens seit der Zeit Erzherzog Johanns verminderten sich nicht nur die Probleme, sondern auch die Bedeutung des alten Verkehrsweges. Eisenbahnen für Förderung und Transport lösten die Fuhrleute und Flößer ab, Seilbahnen, Schrägaufzüge und andere technische Künste die alten Fahrten und Rutschen. Dazu wanderten die Hüttenbetriebe noch weiter vom Berg weg, konzentrierten im Süden sich in Donawitz, verhalfen Regionen wie Hieflau oder Neuberg a.d.M. zu neuer Bedeutung. Die sich rasant entwickelnde Hochofentechnologie bedeutete ein Abrücken von der Holzkohle hin zum Hüttenkoks. Die technische Revolution veränderte in wenigen Jahrzehnten die Szenerie der alten Eisenstraße radikal.

Erst im ausgehenden 20.Jahrhundert, als Stahlkrisen und andere wirtschaftliche Wandlungsprozesse dem österreichischen Eisenwesen noch mehr - und diesmal im negativen Sinne - zusetzten, besann man sich auf die große historische, bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition und versuchte, dieses schon lange brachliegende Kapital für eine aufblühende Seite der Wirtschaft, für den Tourismus zu nützen. Ein Sinneswandel im Umgang mit technischen Denkmälern und Monumenten der frühen Industrie tat ein übriges dazu, obwohl es dabei in vielen Fällen schon fast zu spät geworden war und man viele bedeutende Objekte des frühen Montanwesens auch in unseren Regionen der Spitzhacke geopfert hatte.

Um 1980 kam die Idee von einer neuen Propagierung einer historischen Eisenstraße langsam zum Durchbruch, nachdem gestaltende Persönlichkeiten wie etwa der Heimatfreund, volkskundliche und montanhistorische Objekte sammelnde und das Trofaiacher Museum gründende Kaufmann Franz Hofer in der Steiermark beharrlich den Boden vorbereitet hatten. Bald durch öffentliche Hilfestellung unterstützt, wurde die Idee von einem montangeschichtlichen Reiseweg entlang einer Kette berg- und hüttenmännischen Stätten durch liebliche bis atemberaubend schöne Landschaften einer Verwirklichung näher gebracht. 1986 konstituierte sich der Verein Steirische Eisenstraße, dem heute die Gemeinden Niklasdorf, Proleb, Leoben, St.Peter-Freienstein, Gai, Hafning, Trofaiach, Vordernberg, Eisenerz, Radmer, Hieflau, Landl, St.Gallen, Weißenbach, Altenmarkt, Gams, Palfau, Wildalpen und Gußwerk angehören.

Der Verein Eisenstraße Oberösterreich nahm sich gezielt der oberöstereichischen Eisenwurzen an, arbeitete zügig an der Schaffung einer "Eisenwurzen-Identität" vor allem in der Bevölkerung. Nach außen hin fanden die bisherigen Bemühungen zur kulturellen und touristischen Bewußtseinsbildung in der oberösterreichischen Landesausstellung "Land der Hämmer" ihren Höhepunkt und imponierenden Ausdruck. Heute sind folgende oberösterreichische Gemeinden im Verein Eisenstraße Oberösterreich vereint: Aschach an der Steyr, Bad Hall, Dietach, Enns, Gaflenz, Garsten, Großraming, Grünburg, Hinterstoder, Kirchdorf an der Krems, Klaus an der Pyhrnbahn, Laussa, Losenstein, Maria Neustift, Micheldorf a.d.Krems, Molln, Reichraming, Rosenau am Hengstpaß, Roßleithen. St.Pankraz, St.Ulrich bei Steyr, Scharnstein, Sierning, Spital am Pyhrn, Steinbach an der Steyr, Steinbach am Ziehberg, Steyr, Ternberg, Vorderstoder, Waldneukirchen, Weyer-Land, Weyer-Markt und Windischgarsten.

Die niederösterreichische Eisenwurzen, in der Vergangenheit ebenso wegen ihrer Qualitätsprodukte aus Eisen hochberühmt, organisierte sich 1990 durch den Verein Niederösterreichische Eisenstraße auf ein kulturelles Fremdenverkehrskonzept zur Erschließung dieser Kulturschätze hin. Heute nennt sich dieser Zusammenschluß von Gemeinden präzisierend Kulturpark Eisenstraße-Ötscherland und zieht damit signalhaft den mythenumwobenen Ötscher mit ein, einen der schönsten Berge im Ausklang des Alpenbogens nach Osten hin. Diese Vereinigung umfaßt heute die niederösterreichischen Gemeinden Allhartsberg, Gaming, Göstling, Gresten-Land, Gresten-Markt, Hollenstein an der Ybbs, Lunz am See, Opponitz, Purgstall an der Erlauf, Randegg, Reinsberg, St.Anton an der Jeßnitz, St.Georgen am Reith, Scheibbs, Sonntagberg, Steinakirchen am Forst, Waidhofen an der Ybbs, Wieselburg und Ybbsitz.

Viel ist bisher schon geschehen, noch längst aber nicht alles verwirklicht, was die Eisenstraßen und die Eisenwurzen noch fester ins touristischen Gefüge der Heimat einbinden kann. Aber der alte Weg des Eisens mit seinen Verästelungen vom steirischen Leoben bis zum oberösterreichischen Steyr und zum niederösterreichischen Waidhofen a.d.Ybbs ist wieder eine Einheit wenigstens im historischen Bewußtsein einstiger gemeinsamer wirtschaftlicher Bedeutung geworden.

Historisches Interesse, Bergtouristik, Winter- und Sommersport, Brauchtumsfeste und Kulinarik haben auf der Eisenstraße schon eine erfolgreiche Verbindung gewonnen. Das Anliegen dieses hier vorgelegten Eisenstraßen-Sagenbuches ist es, auch die Schätze der Volkserzählung, die schon Generationen vor uns gesammelt und zusammengetragen wurden, neu geordnet und erläutert, editorisch korrekt vorzulegen. Allzuviel ist seit der Zeit der Pioniere der Erzählforschung und Sagenedition wie Johann Krainz alias Hans von der Sann in der Steiermark, Adalbert Depiny in Oberösterreich und Anton Mailly in Niederösterreich geschehen, als diese im 19. und frühen 20.Jahrhundert ihre inzwischen zu Klassikern gewordenen Sagensammlungen erscheinen ließen. Das aus dem Volk Erlauschte wiederzugeben und von literarischer Erfindung und dichterischer Phantasie zu trennen, ist eine der wichtigen Aufgaben volkskundlicher Sagenforschung. Aber auch das Weiterspinnen der Sagenmotive in der Literatur und Dichtung hat seine Reize. Beispiele dazu finden sich auch in diesem Buch, das immerhin 355 Sagen enthält.

Noch viele andere, Laien und Fachleute, haben sich an heimatlichen Sagen versucht. Die unseren vorgegebenen Raum berührenden nennt das Quellenverzeichnis am Ende des Bandes. Als Herausgeber habe ich in der Abfolge der Sagen dieselben für die Steiermark im Rahmen einer Wanderung von Süden nach Norden, von Leoben bis Altenmarkt an der Enns geordnet. In Oberösterreich verzweigt sich - auch allein schon aus geographischen Gründen - der Weg in die einzelnen Talstraßen, an denen die Orte liegen, aus denen Sagen bekannt sind. In Niederösterreich ist es , weil ja im Gegensatz zur Steiermark keine konsequente Belieferung einer privilegierten Eisenhandelsstadt, wie sie für Steyr über eine Eisenstraße erfolgte, etwas komplizierter. Der Leser kann aber durch einen Blick in eine Landkarte oder einen Atlas sofort die Wanderrichtung innerhalb der Landeskapitel verfolgen.

Es ist verständlich, daß Eisenstraßensagen in ihren Stoffen und Motiven nicht nur der Welt des alten Montanwesens entspringen, obwohl gerade sie einen faszinierenden Kern, nämlich den um die Entdeckung des Steirischen Erzberges besitzen. So wurde auch das gesamte Spektrum der Sagenüberlieferung berücksichtigt und auch Vollständigkeit angestrebt. In den 355 aufgenommenen Sagen rollt deshalb all das ab, was den Menschen des vortechnischen und vorwissenschaftlichen Zeitalters bewegte. Historische Gestalten und Epochen finden in ihren Ausdruck; Herzog Ernst der Eiserne, Kaiser Josef II., die Türken und Franzosen als Bedränger, die alten Stifte und Klöster, Reformation und Gegenreformation erscheinen vor unserem geistigen Auge. Bei Naturphänomen sucht man nach einer Erklärung des Geschehens. Die Entdeckung von Bergschätzen durch weisende Tiere, die Bekanntgabe solcher durch mythische Wesen bestimmt viele Überlieferungen aus dem Montanwesen. Furchterregende Gestalten wie der Teufel in vielerlei Gestalt und Absicht, gütige und boshafte Zwerggestalten, der erhabene Berggeist erscheinen, Heilige treten auf, ebenso die schönen und geheimnisvollen Wildfrauen. Drachen lauern im Inneren von Bergen und bewachen Schätze. Erwartungshaltungen und Sehnsüchte der im harten Existenzkampf stehenden Menschen werden formuliert: Hirten und Sennerinnen, Jäger und Fuhrleute träumen von Stillung des Hungers, von Reichtum und sozialem Aufstieg. Die harte und gefährliche Arbeit der Bergleute wird je nach Charakter unter einen guten oder einen bösen Stern gestellt und Okkultes rührt uns an und trägt zur geheimnisvollen Aura bei, die heute noch die Menschen ergreift. Sagen sind noch immer sehr lebendig, bewegen uns und stellen gleichzeitig ein Psychogramm des namenlosen Volkes dar, das hier entlang der Eisenstraße lebte und litt. Diesen Menschen sei diese neue Sammlung gewidmet!

Univ.-Prof. Dr. Günther Jontes