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Die Einrichtung der Grenzanlagen – frühe Kaiserzeit#

Mit der Provinzwerdung unter Kaiser Claudius begann dann die systematische Vermessung und Erschließung der erworbenen Gebiete. Dies stellte auch eine militärische Notwendigkeit dar, um Truppen rasch und sicher zwischen den Provinzen verlegen und einsetzen zu können, und förderte auf längere Sicht auch den regionalen und lokalen Ausbau der Straßen und Siedlungen entlang des südlichen Donauufers. Es wird auch vermutet, dass ab der Mitte des 1. Jahrhunderts die gesamte Donaustrecke von Noricum, Pannonien und Moesien von einer einzigen Donauflotte kontrolliert wurde, doch sind die Flottenstationen bisher wenig bekannt und untersucht.

Während der nächsten Jahrzehnte stationierte die illyrische Heerleitung ihre Truppenkontingente hauptsächlich im Provinzinneren und hier vor allem entlang der wichtigsten Fernstrassen, die zur Donau führten. Mit dieser Maßnahme konnten sowohl die zuvor rebellierenden Einheimischen kontrolliert als auch die potentiellen Einfallsrouten für die germanischen Stämme jenseits der Donau abgesichert werden. Daraus ergab sich, dass die Provinz Pannonien bereits in claudisch-vespasianischer Zeit eine wesentlich höhere Dichte an Truppenlagern im Provinzinneren und an den Einmündungen der jeweiligen Donauzuflüsse aufwies als Noricum (z.B. Wien, Caruntum, Györ/H, Komarom/H, Budapest/H).

Die archäologischen Forschungen lassen erkennen, dass erst unter den flavischen Kaisern in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts nach und nach mit einem linear angelegten Grenzkonzept begonnen wurde. Dazu mag beigetragen haben, dass Kaiser Domitian aufgrund seiner Erfahrungen in den Germanenkriegen in den Nachbarprovinzen Germanien und Raetien eine befestigte Grenze anlegte, die durch eine Straße verbunden war. Tacitus bezeichnete sie als „Limes“. An der Donau legten römische Soldaten erste Kastellplätze in Holzbauweise an, wovon noch Spuren der Palisaden, Erdwälle und hölzernen Innenbauten dieser Lager in Linz, Traismauer, Mautern, Tulln, Zwentendorf, Klosterneuburg, Wien, Fischamend und Carnuntum zeugen. In der Verteilung der Truppengattungen auf die einzelnen Lager spielten hauptsächlich strategische Überlegungen eine Rolle. In unübersichtlichem, schwierigem Gelände setzte die Heerleitung bevorzugt Infanterie ein, weite Ebenen dagegen, wie das Linzer Becken, das Tullner Feld oder das Wiener Becken oder wichtige Straßenverbindungen weisen eine Konzentration von Reitertruppen oder von gemischten Einheiten auf. Diese Verteidigungslinie wurde zu Beginn des 2. Jahrhunderts mit der Anlage weiterer Kastelle (Wallsee, Zeiselmauer, Schwechat?) bzw. dem Umbau einzelner Lager in Steinbauweise (z.B. Tulln, Wien, Carnuntum) verstärkt.

Kaisers Traian (98–117 n. Chr.) teilte die Großprovinz Pannonien. Das westliche Oberpannonien (Pannonia Superior) wurde von einem in Carnuntum regierenden, konsularischen Statthalter verwaltet. In der Provinz Noricum, die bis zu den Markomannenkriegen (166–183) keine Legionsbesatzung aufwies, lag der Statthaltersitz in Virunum in der Nähe von Klagenfurt.

Kaiser Traian, aber auch sein Nachfolger Hadrian, bereisten die Donauländer und reorganisierten die Grenzanlage. Unter Kaiser Hadrian, der die Errichtung des Hadrian´s Walls in Nordengland anordnete, wurden endgültig alle Truppenlager im Inneren der Provinzen aufgegeben und entlang der Donau konzentriert. Die Anlage und Bauweise dieser ersten Militärbauten am Donaulimes lassen vermuten, dass es der römischen Politik mit der Demonstration ihrer Heeresmacht vor allem um eine klare Abgrenzung ihrer Gebiete gegenüber den barbarischen Stämmen ankam bzw. die Möglichkeiten für unkontrollierte Grenzübergänge eingeschränkt werden sollten.

Diese defensiv ausgerichtete Grenzpolitik wurde in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts durch die Markomannenkriege schwer erschüttert. Bis dahin hatte man mit den unmittelbar benachbarten germanischen Stämmen gute Handelskontakte gepflegt, wozu nicht zuletzt die römische Außenpolitik beitrug, die teilweise auch aktiv in die Frage der Stammesführung der Quaden und Markomannen eingriff. Ab dem Jahr 167 überstürzten sich die Ereignisse: die Markomannen drangen zuerst in kleineren Gruppen in Noricum und Westpannonien ein, bevor sie in großer Zahl die Provinz überrannten und einen Spur der Verwüstung bis Oberitalien hinterließen. Die Ursache für diese Einfälle sieht die neue Forschung in den großen Bevölkerungsbewegungen, die von Skandinavien und dem Weichselgebiet im heutigen Polen ausgehen, südwärts drängten und neuen Lebensraum beanspruchten. Brand- und Zerstörungsspuren an zahlreichen, vor allem ungeschützten Plätzen in der Limeszone bezeugen, dass die Raubzüge in Teilen von Raetien, Noricum und Pannonien besonders erfolgreich waren. Mit Hilfe zweier neu in Oberitalien ausgehobener Legionen (2. und 3. Italische Legion), die man im Raum von Albing beziehungsweise in der Nähe von Regensburg stationierte, versuchte das römische Heer die Grenze zu sichern. Zusätzlich leitete Kaiser Mark Aurel ab 172 von Carnuntum aus persönlich mehrere erfolgreiche Feldzüge gegen die Feinde, wobei römische Truppen weit über den Donauraum nach Norden vordrangen. Mit seinem Tod in Wien (?) im Jahr 180 übernahm sein Sohn Commodus die Heerleitung. Dieser verzichtete auf eine offensive Politik und beendete den Krieg 182/183.

Die Zerstörungen an den Militärplätzen und den Siedlungen im Hinterland machten zahlreiche Wiederaufbauarbeiten notwendig. Da der Krieg gezeigt hatte, dass der Frontabschnitt in Noricum längs der Donau mit seinem teilweise recht unübersichtlichen Gelände ohne Legionsbesatzung seiner Verteidigungsaufgabe nicht gewachsen war, errichtete die 2. Italische Legion in Enns (Lauriacum) ein neues großes Lager. Auch der Grenzabschnitt zwischen Passau und Linz wurde mit einem kleineren Kastell in Schlögen und vermutlich einer Reihe von Wachttürmen (z.B. am Hirschleitengraben) besser abgesichert.

Text: Sonja Jilek


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