Bad Reichenhall#

Die heutige Kur- und Salinenstadt Bad Reichenhall liegt an der Ausmündung der norisch-raetischen Alpen. Das vier bis fünf km breite Tal wird in alle Haupthimmelsrichtungen durch verschiedene Gebirgszüge und Berge begrenzt. Nur nach Nordosten hin öffnet sich das Talbecken in Richtung Salzburg, das ca. 20 km von Reichenhall entfernt liegt. Der Fluss Saalach fließt durch das gesamte Reichenhaller Stadtgebiet und stellt so mit seiner Verbindung über Salzach und Inn einen wichtigen Verkehrsweg bis zur Donau hin dar. Außerdem war das Gebiet um Reichenhall bereits in der Vorgeschichte an die Tauernstraße angebunden. Zahlreiche archäologische Funde im Reichenhaller Stadtgebiet (Karlstein und Langackertal) belegen eine rege Siedlungs- und Handelstätigkeit ab prähistorischer Zeit. Die Bedeutung des Ortes liegt seit jeher in den reichhaltigen Solequellen, welche im und um das Stadtgebiet auf natürliche Weise entspringen. Im Ortsteil Kirchberg entdeckte 1884-1888 Max von Chlingensperg mehr als 500 frühmittelalterliche Bestattungen. Die Besonderheit dieses Fundorts liegt darin, dass Bajuwaren wie auch Romanen zwischen dem späten 6. und dem frühen 8. Jahrhundert ihre Verstorbenen gemeinsam auf diesem Friedhof bestatteten. Anscheinend lebten diese zwei Bevölkerungsgruppen friedlich nebeneinander, um von der starken Wirtschaftskraft des Salzhandels zu profitieren. Ursprünglich stammten 6 römische Steindenkmäler aus vier Mehrfachbestattungen. Chlingensperg vermutete, dass diese fragmentarischen Grabmonumente von einem römischen Friedhof oberhalb des Gräberfeldes stammen und im Zuge dessen mutwilliger Zerstörung den Hang hinabgestürzt wurden.

Im ganz in der Nähe von Kirchberg gelegenen Langackertal konnten gegen Ende des 19. Jahrhunderts Teile einer römischen Siedlung sowie das dazugehörige Brandgräberfeld aufgedeckt werden. Die Siedlung scheint von der ersten Hälfte des 1.Jahrhunderts bis ins 3. Jahrhundert hinein bestanden zu haben. Neben Grundmauern von mehreren Häusern mit beheizbaren Räumen wurden zahlreiche Funde (bronzene Venusstatuette, Fibeln, Münzen, Keramik) ans Tageslicht gebracht. Zur genauen Ausdehnung dieser Siedlung sowie über ihren Namen oder ihre rechtliche Stellung ist bis heute nichts bekannt. Wahrscheinlich stammen die Steindenkmäler, die im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Kirchberg gefunden wurden, ursprünglich vom römerzeitlichen Gräberfeld am Langacker und wurden von dort absichtlich – aus welchen Gründen auch immer – in die romanischen Familiengräber verschleppt.

Der Stadtteil Marzoll#

Marzoll, heute eingemeindeter Stadtteil des 4 km entfernten Bad Reichenhall, liegt an der Grenze der Saalach-Hochterrasse zu den nordwestlichen Ausläufern des Untersbergs. Der Ortskern mit Schloss und der Kirche liegt auf einem 10 m hohen Schotterrücken. Marzoll lag in römischer Zeit an der Straße zwischen Bad Reichenhall/Langackertal und Salzburg. Bereits gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurde der Ort in den Salzburger Güterverzeichnissen als „Marciolae“ erwähnt. Dieser ungewöhnliche Ortsname spricht eindeutig für eine vorgeschichtliche Vergangenheit. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden mehrere urnenfelderzeitliche Brandgräber archäologisch untersucht. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten kamen aber auch gehäuft römerzeitliche Fundstücke ans Tageslicht. In den Jahren 1959 bis 1962 wurde vom Landesamt für Denkmalpflege das Hauptgebäude einer villa rustica archäologisch untersucht und dokumentiert. Der Beginn der römischen Besiedlung dieses Ortes liegt wohl bereits am Anfang des 1. Jh. n. Chr und hatte wohl bis in die Mitte des 3. Jhs. n. Chr. Bestand. Die Innenausstattung der beiden letzten Bauphasen des Gutshofes ist mit Wandmalereien und qualitätsvollen Mosaikböden durchaus dem gehobeneren Qualitätsstandrad zuzuordnen.

Andrea Krammer

Karte

Quellen#

  • M. Bertram, Die frühmittelalterlichen Gräberfelder von Pocking-Inzing und Bad Reichenhall-Kirchberg. BerlMus, Bestandskataloge 7 (Berlin 2002).
  • M. v. Chlingensperg, Das Gräberfeld von Reichenhall in Oberbayern (Reichenhall 1890).
  • Ders., Die römischen Brandgräber bei Reichenhall in Oberbayern (Braunschweig 1896).
  • R. Christlein, Ein römisches Gebäude in Marzoll, Ldkr. Berchtesgaden. BayVgBl 28, 1963, 30-57.
  • Fischer, Th., Noricum, Mainz am Rhein 2002
  • Kellner, Die römischen Mosaiken von Marzoll, Ldkr. Berchtesgaden. Germania 41, 1963, 18ff.
  • M. Menke, Vor- und frühgeschichtliche Topographie in Karlstein und Bad Reichenhall. In: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern 19, Mainz 1971, S. 145-149.
  • M. Menke, Reliefverzierte Sigillata aus Karlstein-Langackertal, Ldkr. Berchtesgaden. BayVgBl 39, 1974, 127-160.
  • A. Obermayr, Römersteine zwischen Inn und Salzach (Freilassing 1974).
  • H. Pfisterer, Bad Reichenhall in seiner bayerischen Geschichte (München 1980).
  • P. Reinecke, Kaiserzeitliche Bauten bei Langacker, Gemeinde Karlstein, Landkreis Berchtesgaden, MGSLk 101, 1961, 161ff.
  • Schöndorfer 1992
  • Thüry 1997, 105f.



Steindenkmäler#

Grabmal für die Frau eines Freigelassenen
Grabmal für die Frau eines Freigelassenen

Grabmal für die Frau eines Freigelassenen#

Sowohl der Name der begrabenen Frau als auch der des Errichters des Grabsteines ist nur teilweise erhalten; der Mann nennt sich libertus (abgekürzt L), d.h. Freigelassener des Marcus Artorius Iactualis und hat seiner Ehefrau den Grabstein machen lassen. Die Nebenseiten des Blockes zeigen jeweils einen Delphin. Dieses auf römischen Grabreliefs beliebte Motiv symbolisiert wie andere Meerwesen auch die Reise der Verstorbenen ins Jenseits.

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Grabmedaillon eines Ehepaares
Grabmedaillon eines Ehepaares

Grabmedaillon eines Ehepaares#

Das stark zerstörte Relief lässt noch die kopflosen Brustbilder einer Frau mit über beide Schultern gelegtem Mantel und eines Mannes in langärmeliger Tunica und Toga erkennen. Sie hält in der rechten Hand eine Frucht, er in seiner Linken eine Schriftrolle, auf die der Zeigefinger der rechten Hand hinweist. Als Togaträger war der Mann römischer Bürger, auch seine Frau scheint römisch gekleidet zu sein. Das runde Bildfeld ist unten durch eine Art horizontal abgeschlossener Brüstung beschnitten. Zwischen den Köpfen könnten Reste einer dritten Büste erhalten sein. Oben war ein Aufsatz, vielleicht ein Pinienzapfen, eingedübelt, unten sind Teile des Zapfens erhalten, mit denen das Medaillon in ein Grabmal eingelassen war.

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Deckel einer Aschenkiste
Deckel einer Aschenkiste

Deckel einer Aschenkiste#

Der Deckel hat die Form eines mit Ziegeln gedeckten Daches mit Maskenakroteren auf den vier Ecken. Auf der einen Längsseite erscheinen in einer halbkreisförmigen Bildnische vier Büsten, 2 Frauen zwischen 2 Männern. Die Giebelfelder an den Schmalseiten zeigen jeweils einen geflügelten nackten Knaben (Erot) mit einem Hasen. Im linken Giebel wirft der Erot ein Tuch nach dem Tier, offenbar um es von einem umfallenden Fruchtkorb zu verscheuchen. Im rechten Giebel lehnt ein sitzender Erot sich an den Obstkorb und wendet sich zum Hasen um, der ihn Männchen machend anbettelt.

An Weintrauben naschende Häschen begegnen auf einigen norischen Grabreliefs; eine ganz ähnliche Szene wird an einem monumentalen Grabmal in Augsburg dargestellt: Ein Erot leert einen Korb aus und ein Hase frisst von den herausrollenden Früchten. Hase und Früchte stehen für Fruchtbarkeit und Fülle, die Flügelknaben für pardiesisches Ambiente.

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Fragment einer Grabinschrift#

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Altar für Victoria#

Ein Fortunatus, dessen weitere Namen oder Berufsbezeichnungen sich aus den Buchstabenresten nicht mehr eruieren lassen, hat der erhabenen (augusta) Siegesgöttin Victoria den Altar geweiht und so ein Gelübde gern und nach Verdienst eingelöst (v s l m = votum solvit libens merito).

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Mit freundliche Genehmigung der Universität Salzburg, Fachbereich für Geographie und Geologie (CHC), Dr. Christian Uhlir.
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