Wien und Niederösterreich (1), Band 1, Seite 189 - Austria-Forum : Web Books : Kronprinzenwerk

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Wien und Niederösterreich (1), Band 1

Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Wien und Niederösterreich 1. Abteilung#

Band 1#

Kronprinzenwerk
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
1894
173 Volksschauspiel bescheert; zwei andere seiner Söhne haben aus seiner Gesinnung heraus Tragödien und Lustspiele gedichtet, die in ihrer Weise classisch dastehen; in sein Burg- theater hat es die besten Überlieferungen der deutschen Schauspielkunst herübergenommen und durch seine Theilnahme, seinen belebenden Geist diese Bühne zu einer Musteranstalt für ganz Deutschland gemacht. Leider verbergen sich uns die Anfänge dieser ruhmvollen Geschichte in der eigen- sinnigsten Weise. Was vor Wolfgang Schmelzl liegt, ist fast ein leeres Blatt, und noch gut hundert Jahre nach ihm sieht man sich auf Andeutungen und Vermuthungen angewiesen. Glücklich, wenn uns eine städtische Rechnung Kunde bringt von einer Theateraufführung in der Rathsstube oder im bürgerlichen Zeughaus, von der wir freilich nichts erfahren, als was die Bürger und ihre Frauen an Confect und Wein verzehrt haben, oder wie uns eine Polizeiverorduung zu errathen gibt, was für ein Comödiantenübermuth zu dämpfen war. Geistliche Spiele, Fastnachtsspiele, Bürgerspiele — sast Alles scheint versunken zu sein. Nur etwa aus der Zeit Wolfgang Schmelzls hat sich ein geistliches Spiel, das Passions- spiel von St. Stefan, erhalten. Es ist die erneuerte Zeitgestalt einer Dichtung, die wohl weit zurückreicht, wie alterthümliche Redewendungen beweisen, z. B. wafen, das heißt wehe über der Juden Zorn. Dieses Passionsspiel wurde am Charfreitag in der Stefans- kirche während des Gottesdienstes aufgeführt. Ju der Nähe der Kanzel war eine Bühne aufgeschlagen, die Darsteller waren die Steuerdiener der Stadt Wien. Vormittags wurde die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung dargestellt, Nachmittags die Klage am Grabe. Ein Prolog erzählt die Leidensgeschichte des Heilands und bittet schließlich aus eine Stunde Geduld für das nun folgende Passionsspiel. Maria Magdalena tritt auf, mit ihr die drei Marien, die, das Kreuz umwandelnd, ihre Klagen sprechen. Simeon naht sich der Mutter Gottes, ,,ziehet aus das Schwert und gibts Maria ins Herz'': das Schwert, das ihr durch die Seele geht. Sodann fordert Josef den Nikodemus auf, mit ihm zu Pilatus zu gehen, um ihn um den Leichnam des Heilands zu bitten. Um sich zu versichern, ob Christus schon todt sei, schickt er den blinden Longinus ab. Dieser sticht ihm mit der Lanze in die Seite; von dem Blut, das aus der Wunde fließt, wird Longinus sehend. Mit seinen Augen habe er gesehen, daß das ein wahrer Gott sei, und er macht sich auf und verkündet das Wunder. Pilatus ist erstaunt, daß Christus schon todt, da er doch noch jung und stark gewesen; Christus sei übrigens ein gerechter Mann gewesen, es habe ihm schwere Noth gemacht, daß die Juden seinen Tod verlangt, denn er selbst wäre aus eigenem Ent- schlusse nie gegen ihn aufgetreten. Auch der Sohn des Pilatus versichert, daß sein Vater und seine Mutter stets zu Christus gehalten, daß seine Mutter sogar fiir den Heiland gebeten, daß sie daher an seinem Tode unschuldig seien. Der Leichnam wird ausgeliefert und bestattet. Erneuerte Klagen. Nachmittags am Grabe erscheint Judas, wird von

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