Wien und Niederösterreich (1), Band 1, Seite 258 - Austria-Forum : Web Books : Kronprinzenwerk
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Wien und Niederösterreich 1. Abteilung#
Band 1#
Kronprinzenwerkk.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
1894
242
Stempel eines ernsten, durchgebildeten Künstlergenius tragen. Wie sich in der Fülle seiner
Schöpfungen ein weich empfänglicher, von mannigsachen Gedankenströmungen und Kunst-
richtungen bewegter Geist abspiegelt, so umfaßt auch sein Können die ganze Scala der
malerischen Ausdrucksformen, von der fleißigsten Miniaturzeichnung bis zur flott und breit
hingesetzten Skizze, die den flüchtigen Moment mit raschem Blick erfaßt, vom zart-
verschmolzenen Altarbildchen im Stile der alten Flandrer (,,Madonna mit musicirenden
Engeln'', im Besitze des Grafen Hans Wilczek) bis zum kolossalen, im Freskostil gehaltenen,
für weite Distanzen berechneten Deckengemälde (,,Der Kreislauf des Lebens'', für das
Treppenhaus des naturhistorischen Hofmuseums). Letzteres Werk mit den dazu gehörigen,
leider unvollendet gebliebenen Lünetten bildet den Abschluß von Canons fruchtbarer
Thätigkeit aus dem Felde der großen Decorativmalerei, von der unter Anderem die schönen
allegorischen Bilder von ,,Poesie'' und ,,Malerei'' im Salon des Herrn K. Auspitz, der
Gemäldecyklus bei Herrn D. Gutmann, die umfassenden decorativen Eompositionen für
Karlsruhe und New-York genannt sein mögen. Nicht wenigen seiner gestaltenreichen
Bilder, wie der ,,Loge Johannis'' in der kaiserlichen Gemäldegalerie und dem eben
erwähnten ,, Kreislauf des Lebens'', liegen complicirte Gedankensysteme zu Grunde,
Beweise von Eanons philosophisch angelegtem Geist, der an scharfer Dialektik, an einer Art
Fechtkunst des Verstandes seine Freude hatte. Wenn es ihm auch nicht immer gelungen
ist, diese Gedankensysteme ganz in lebensvolle Organismen umzuwandeln, so pulsirte doch
in Canon eine coloristische Kraft von seltener Glut und sein Schaffen bildet, im Ganzen
betrachtet, ein hochinteressantes Element in der Entwicklung der Wiener Kunst.
Der malerische Zug, der uns an den zuletzt betrachteten Meistern vornehmlich in
die Augen sprang, bildet auch in den Werken der Historienmaler von vorwiegend
realistischem Zuschnitt ein Erbtheil der Wiener Schule. Als resolute Technik von
männlicher Tüchtigkeit offenbart er sich in den großen Wand- und Gewölbemalereien von
Karl Blaas im Wassenmuseum des Arsenals, in blühender Farbenfrische von bisweilen
etwas bunter Tönung leuchtet er hervor aus den Bildern Franz Dobyaschofskys im
Stiegenraume des Operntheaters. Wenn der geniale Moriz von Schwindmit seinen
Foyerbildern der Oper und mit dem poesievollen hellfarbigen Freskencyklus zur ,,Zauber-
slöte'' in der Loggia derselben (siehe die Abbildung), wenn Anselm Feuerbach mit seinen
für Wien geschaffenen Bildern, vornehmlich mit dem grandios gedachten ,,Titanensturz''
(Akademie der bildenden Künste), hier keine vollen Erfolge errungen haben, so ist das
vorzugsweise der Zurückhaltung zuzuschreiben, welche sich die deutsche Schule großen Stils
in coloristischer Hinsicht auferlegte. — Hans Makarts leichter Sieg dagegen war in
erster Linie ein Sieg der Farbe und der in ihren berauschenden Duft gehüllten sinnlichen
Schönheit.