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Ö: die Brillen, die (Augen-)Gläser

D: die Brille

In Österreich und Bayern wird „die Brillen“ meist als „Mehrzahlform mit Einzahlbedeutung“ verwendet, in Deutschland (und in Tirol und Vorarlberg) ist „die Brillen“ eine „echte“ Mehrzahl und „die Brille“ die Einzahl. Das Wort „Augengläser“ wird besonders in Österreich verwendet, die Kurzform „Gläser“ ist ein waschechter Austriazismus. In Deutschland dient „Augengläser“ hauptsächlich als Oberbegriff für „Brille“, „Zwicker“, Monokel“ etc.

Wenn ein Wiener seine Sehhilfe verlegt hat, sagt er also: „Ich suche meine Gläser!“ oder: „Ich suche meine Brillen!“ Er verwendet die Mehrzahl, obwohl er nur eine Sehhilfe meint. Ein Berliner sagt in diesem Fall: „Ich suche meine Brille!“ Er verwendet die Einzahl und meint auch die Einzahl. Dieser unterschiedliche Gebrauch kann manchmal Verwirrung stiften. Als der Schriftsteller Robert Menasse in einem Romanmanuskript Formulierungen wie „er nahm die Brillen ab“ und „er setzte die Brillen auf“ verwendete, fragte ihn der bundesdeutsche Lektor erstaunt: „Warum trägt dieser Mann mehrere Brillen?“ Daneben kann „Brillen“ im österreichischen Deutsch aber auch eine „echte“ Mehrzahl sein: „Von diesen drei Brillen gefällt mir keine einzige!“

„Brille(n)“ geht auf mittelhochdeutsch berille zurück, dieses auf lateinisch beryllus (= der Halbedelstein „Beryll“). Die ursprüngliche Bezeichnung für dieses Mineral im Deutschen lautete auch „der Berylle“ oder „der Berill“, später auch „der Brill“. Basierend auf Erkenntnissen des arabischen Mathematikers und Arztes Ibn el Haitam – genannt Alhazen – machte man sich erstmals im 13. Jahrhundert in Klöstern die vergrößernde Wirkung eines Glaskugelsegments zunutze. Derartige „Lesesteine“ wurden im Mittelalter meist aus Beryll geschliffen. Man legte sie auf eine Schrift, um diese zu vergrößern. Diesen „Lesestein“ nannte man so wie das Material, aus dem er hergestellt war: „der Brill“. Bald folgte die Erfindung des einteiligen Leseglases, schließlich wurden zwei geschliffene Gläser mit einer Fassung verbunden (zunächst noch ohne Traggestell und ohne Ohrenbügel) – damit waren „die Brillen“ (Mehrzahl) erfunden.

Später hat man im Norden des deutschen Sprachraums von der Mehrzahlform „die Brillen“ eine neue Einzahlform „die Brille“ gebildet. Im Süden verwendet man diese Einzahlform nur in der Fachsprache der Optiker oder wenn es darum geht, zwei Sehbehelfe voneinander zu unterscheiden: „Die braune Brille gefällt mir besser als die blaue.“

Bei Redensarten ist in Deutschland die Einzahlform „die Brille“ üblich, in Österreich schwankt der Gebrauch zwischen „Mehrzahlform mit Einzahlbedeutung“ und Einzahlform: „etwas durch (rosa)rote Brillen sehen/durch eine (rosa)rote Brille sehen“ (= etwas allzu positiv beurteilen), etwas durch gefärbte Brillen/durch eine gefärbte Brille sehen (= etwas voreingenommen betrachten).

Was meinen Sie? Sollen wir auch weiterhin sagen „Wo sind meine Brillen?“, obwohl nur ein einzelner Sehbehelf gemeint ist?