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Ö: Sessel (ungepolstert, mit oder ohne Armlehne)
D: Stuhl (ungepolstert, mit oder ohne Armlehne)

Die Bedeutung der Ausdrücke „Sessel“ und „Stuhl“ hat sich im Laufe der Jahrhunderte mehrmals geändert, wobei der Süden des Sprachraums anders reagiert hat als der Norden. So charakterisiert Mitte des 18. Jahrhunderts der an der Wiener Universität lehrende Johann Siegmund Popowisch den Sprachunterschied zwischen Österreichern und Sachsen wie folgt: „Sessel“ ist ein gefütterter Lehnstuhl im Österreichischen (...). Die Sachsen machen hingegen keinen Unterschied zwischen einem gefütterten und einem ungefütterten Stuhl. Sie nennen beide „einen Stuhl“.

ungefüttert Stuhl Stuhl
gefüttert Sessel Stuhl

Mit einem Seitenhieb auf die Sachsen fügt Popowitsch noch hinzu: „Die Leipziger machen sich mit dem Gebrauche ihres ,Stuhls‘ für ,Sessel‘ lächerlich. Denn andere Deutsche sagen, in Leipzig gebe es keine Edelleute, sondern lauter Bauern.“ Das Wort „Fauteuil“ scheint in den Zettelkatalogen von Popowitsch nicht auf, es ist damals offensichtlich noch nicht in Gebrauch gewesen. (Dass im Wort "Fauteuil" das deutsche Wort „Stuhl“ steckt, zeigen wir an anderer Stelle – es handelt sich um einen Treppenwitz der Sprachgeschichte.)

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam es in Österreich zu einer Bedeutungsverschiebung, die bis zum heutigen Tag ihre Gültigkeit hat. Bequeme Sessel mit einer Polsterung auf der Sitzfläche und auf der Rückenlehne heißen seit damals in Österreich (vor allem im Osten) „Fauteuil“. Sie haben in der Regel auch eine Armlehne, ähnlich wie ein Sofa.

 Österreich Deutschland
ungepolstert, mit oder ohne Armlehne Sessel (Stuhl) Stuhl
nur auf Sitzfläche gepolstert, ohne Armlehne Sessel Stuhl
durchgängig gepolstert, immer mit Armlehne Fauteuil Sessel

Dies führt zu einigen Differenzen in der „gemeinsamen Sprache“ der Österreicher und der Deutschen:

o Das Wort „Stuhl“ wird in Österreich seltener verwendet (es ist jedoch als altes deutsches Wort in einigen Mundarten Österreichs gebräuchlich). Wenn es in Österreich verwendet wird, ist damit ein einfaches, ungepolstertes Sitzmöbel gemeint, z. B. „Kirchenstuhl“. In diesen Fällen wird in Österreich „Sessel“ und „Stuhl“ nebeneinander verwendet.

o Was in Österreich als „Sessel“ bezeichnet wird, ist in Deutschland (und auch in Bayern) ein „Stuhl“: ein einfaches Sitzmöbel, höchstens auf der Sitzfläche gepolstert, ohne Armlehne. Früher standen sogar die Begriffe „Tragsessel“ (österreichisches Deutsch) und „Sänfte“ (deutsches Deutsch) nebeneinander.

o Das Wort „Fauteuil“ ist nur in Österreich (vor allem im Osten) gebräuchlich, in Deutschland (und in Bayern) fristet es als veralteter Ausdruck ein Kümmerdasein. Stattdessen sagt man in Deutschland „Sessel“ oder „Polstersessel“.

o Oder anders ausgedrückt: „Stuhl“ und „Sessel“ kann heute in Österreich in manchen Fällen als gleichbedeutend gelten, während in Deutschland immer zwischen „Stuhl“ (ungepolstert) und „Sessel“ (gepolstert) unterschieden wird. Der Austriazismus liegt also primär beim „Sessel“, der in Österreich von einem „Fauteuil“ unterschieden wird.

Das Wort „Stuhl“ ist ein wenig älter als das Wort „Sessel“. „Stuhl“ ist schon im Althochdeutschen, und zwar im 8. Jahrhundert als stuol belegt. Das Wort ist eine Ableitung zu „stehen“. Der Ausdruck „Sessel“ ist im Althochdeutschen als sezzal belegt, der älteste Nachweis stammt aus dem 9. Jahrhundert. Das Wort ist eine Ableitung zu „sitzen“, die ursprüngliche Bedeutung war also „Sitz“. „Königsstuhl“ und „Kaiserstuhl“ sind noch heute Bezeichnungen für Berge, wo früher im Namen des Königs oder Kaisers im Freien öffentliche (Gerichts-)Versammlungen stattgefunden haben. Auf dem Kärtner „Herzogstuhl“ leistete der neu eingesetzte Herzog den Eid, empfing die Huldigung und vergab die Lehen. Urkundlich ist dieser Akt erstmals 1161 belegt, die letzte Erbhuldigung auf dem Herzogstuhl fand 1651 statt. In der katholischen Kirche ist der „Heilige/Päpstliche/Römische Stuhl“ und der „Stuhl Petri“ eine Bezeichnung für „das Amt des Papstes, den Papst als Träger des Amtes und die Behörden/die Regierung des Vatikan“.

Auch zahlreiche Redensarten bezeugen die lange Tradition des Wortes „Stuhl“. „Einem den Stuhl vor die Tür setzen“ (= jemanden aus dem Hause weisen, einen Dienst, ein Verhältnis aufkündigen), erinnert an einen Rechtsbrauch, bei dem der Stuhl als Rechtssymbol zur Bezeichnung von Eigentumsrecht und Herrschaft galt (vgl. be/sitzen, Amts/ent/setzung, Thron/ent/setzung). Lutz Röhrich weist darauf hin, dass es in alter Zeit üblich war, Personen, die sich zum zweiten Mal vermählten, die „ihren Witwenstuhl verrückten“, von der Gütergemeinschaft mit den Kindern erster Ehe auszuschließen. Es wurde ihnen im wörtlichen Sinn „der Stuhl vor die Tür gesetzt“. Im Spätmittelhochdeutschen ist aus der Redensart ze stuole gân (= zum Nachtstuhl/Nachttopf gehen) eine neue Bedeutung des Wortes „Stuhl“ entstanden, die zu Zusammensetzungen wie „Stuhlgang“, „Stuhlentleerung“ etc. geführt hat.

Mit dem Wort „Sessel“ werden nur wenige Redensarten gebildet, alte Belege sind kaum zu finden. „Sessel“ ist also, in dem Sinn, wie es in Österreich heute verwendet wird, ein modernes Wort. Bei der Bedeutungsverschiebung hat einerseits das Aufkommen des neuen Ausdrucks „Fauteuil“ eine Rolle gespielt. Sprachwissenschafter weisen aber auch darauf hin, dass in einigen Mundarten Österreichs das Wort „Stuhl“ auch im Sinn von „Schemel“ (= kleine Bank, Fußbank) verwendet worden ist. Diesfalls ist das Wort „Stuhl“ immer öfter für ein anderes Möbelstück verwendet worden, so dass herkömmliche Stühle als „Sessel“ bezeichnet worden sind.

Mit den Bedeutungen sind auch die jeweiligen Präpositionen mitgewandert. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich verwendet man heute bei einfachen Sitzmöbeln die Präposition „auf“, bei bequemen, durchwegs gepolsterten Sitzmöbeln die Präposition „in“ (vgl. „in den Fauteuil sinken“).

Wenn es um ganz spezielle Sitzmöbel geht, ist das Wort „Stuhl“ auch im österreichischen Deutsch obligatorisch. Dazu gehören die Wörter „Schaukelstuhl“ (= Sitzmöbel, das auf abgerundeten Kufen steht und es dem Benützer erlaubt, sich zu schaukeln) und „Liegestuhl“ (= zusammenklappbares und verstellbares Gestell mit einer Bahn aus festem Stoff zum Liegen und Sitzen). Hier wäre es nicht möglich, „Schaukelsessel“ oder „Liegesessel“ zu sagen. Außerdem wird das Wort „Stuhl“ im österreichischen Deutsch genauso wie im deutschen Deutsch im Sinn von „Gestell“ verwendet: z. B. „Webstuhl“, „Dachstuhl“ und „Glockenstuhl“.

Mit den unterschiedlichen Bedeutungen von „Sessel“ und „Stuhl“ müssen sich auch österreichische Schriftsteller herumschlagen, die ihre Bücher bei bundesdeutschen Verlagen herausbringen. Der Grazer Sprachwissenschafter Rudolf Muhr hat in einer Befragung unter Schriftstellern erhoben, welche Wörter von bundesdeutschen Lektoren besonders kritisiert werden. Wiederholt genannt wurden „Bub“ (D: „Junge“), „Kasten“ (D: „Schrank“), „Stiege“ (D: „Treppe“), „Jänner“ (D: „Januar“), „Polster“ (D: „Kissen“), „Semmel“ (D: Brötchen) und „Stuhl“ (D: „Sessel“). Eine elegante Lösung gelang Robert Menasse bei der Arbeit an seinem Roman Sinnliche Gewissheit. Als der Lektor den Korrekturstift ansetzen wollte, kam es zunächst zu einem heftigen verbalen Schlagabtausch. Dann hat Menasse in das Manuskript einen kurzen Dialog zwischen dem österreichischen Ich-Erzähler „Roman“ und dem Deutschen „Norbert“ eingefügt (Ort der Handlung ist Brasilien).

Roman erzählt Norbert, dass er vor kurzem über die Bedeutung des Wortes „Sessel“ belehrt worden ist. „Sind ja alles Deutsche oder Abkömmlinge von Deutschen da am Institut, sagte ich. Und du kannst dir nicht vorstellen, was für ein patziger Herrenmenschenirrsinn da herrscht. Nur um dir ein Beispiel zu geben: ich komm zur Sitzung, und wie wir uns also alle so niedersetzen, seh ich, dass ein Sessel fehlt. Ich sage, dass ich schnell einen holen gehe. Sagt eine andere Professorin: Was holen Sie? Sage ich: Einen Sessel! Darauf sie: Das heißt Stuhl – na ja, Sie werden schon noch Deutsch lernen bei uns!“

Worauf Norbert einwendet, dass auch er den Begriff „Stuhl“ verwenden würde: „... also ein Stuhl, das ist ein Stuhl, nicht wahr, so ein Holzstuhl, verstehste, was Primitives, ein Sessel ist irgendwie bequemer, gepolstert zum Beispiel, also ein Sessel eben, mit Armlehnen, bequemer, alles klar?“

„Ich fasste es nicht. Ich war nach Jahren des Studiums zum Sprachlehrer verkommen, und nun wollte mich auch noch ein Import-Export-Kaufmann in die Feinheiten der Sprache einführen. Nein, sagte ich, das verstehe ich nicht. Darum sagt man ja auch Sessellift, weil dieser bekanntlich so gut gepolstert ist, während der Heilige Stuhl hingegen eine besonders dürftige und primitive Sitzgelegenheit ist, oder wie?“ Da gibt Norbert mit einem „Schon gut, schon gut“ klein bei.


Vielen Dank für die wirklich interessante Erklärung! Ihr Fan Max Bruch

--Bruch Max, Dienstag, 13. Oktober 2009, 19:59