unbekannter Gast

Ö: abgehen: jemandem geht jemand (etwas) ab

D: fehlen: jemandem fehlt jemand (etwas)

Das Zeitwort „abgehen“ kann in der Kommunikation zwischen Österreichern und Deutschen zu Verständigungsschwierigkeiten führen. Als in Felix Mitterers Piefke-Saga die deutsche Unternehmerstochter Sabine nach längerer Zeit wieder ihren Tiroler Geliebten Joe trifft, entspinnt sich folgender Dialog:

JOE: Du bist mir abgegangen!

SABINE: Was?

JOE: No, abgangen bist mir! (Sabine versteht nicht.)

JOE: Furchtbar is des! Mir werdn uns nie verstehn! Gfehlt hast mir!

Das Missverständnis wird dadurch verschärft, dass in der norddeutschen Jugendsprache das Wort „abgehen“ noch eine andere Bedeutung hat: So sagt eine der drei Hauptdarstellerinnen der Fernsehserie Sex and the City in einem Dessousgeschäft zu ihrer Verkäuferin: „Hallo, ich suche etwas, von dem einem Mann sofort einer abgeht, wenn ich damit vor ihm stehe ...“ (Text der deutschen Synchronisation).

Auch die Wendungen „die Post geht ab“ und „da geht was ab“ stammen aus dem Norden des deutschen Sprachraums, haben inzwischen aber auch in der Jugendsprache des Südens Fuß gefasst. Die entsprechenden traditionellen Ausdrücke in Österreich und Bayern lauten „jetzt geht’s los“ und „da ist was los“. Im wörtlichen Sinn (z. B. eine Strecke abgehen) ist der Ausdruck „abgehen“ in Deutschland genauso gebräuchlich wie in Österreich.

Schon Johann Christoph Adelung weist in seinem 1773 erschienenen Wörterbuch darauf hin, dass „abgehen“ nur im Süden des Sprachraums so viel wie „fehlen“ bedeutet: „Oft schließt ,abgehen‘ in dieser Bedeutung auch das Gewahrwerden, die lebhafte Empfindung des Verlustes ein (...) z. B. es gehen mir zehn Taler ab, d. i. ich merke, dass ich sie verloren habe.“

© Robert Sedlaczek