unbekannter Gast

Allerheiligen#

Foto: Doris Wolf, 2013
Foto: Doris Wolf, 2013

Im 4. Jahrhundert gedachten die Christen im Orient zu regional unterschiedlichen Terminen - u.a. in der Osterzeit - ihrer Märtyrer. Im 7. Jahrhundert weihte Papst Bonifatius IV. (+ 615) das römische Heiligtum aller Götter (Pantheon) zu Ehren der christlichen Blutzeugen (13. Mai 609). Im 8. Jahrhundert feierte man in Irland und England ein Allerheiligenfest am 1. November. Im 9. Jahrhundert (835) übertrug Papst Gregor IV. (+ 844) das Fest aller Heiligen offiziell auf den 1. November. Allerheiligen ist kein Trauertag, sondern feiert das neue Leben, in das die Heiligen und Seligen eingegangen sind. Trotzdem hat es als arbeitsfreier Tag Bräuche von Allerseelen (2. November) auf sich gezogen. So schrieb Leopold Schmidt (1912-1981) in seiner "Volkskunde von Niederösterreich": "Das große Doppelfest der Toten, nämlich der toten Heiligen wie der toten Weltkinder, bedeutet den kräftigsten Einschnitt zwischen Herbst und Frühwinter." In seiner Jahrzehnte zuvor erschienenen "Wiener Volkskunde" hatte er festgestellt "... daß in den Dimensionen, welche ein großstädtisches Fest annehmen kann, diese Totenfeier auf den Friedhöfen eine Volksbewegung zur Folge hat, welche geradezu das Bild der Stadt verändert."

Beim Wiener Zentralfriedhof wird der Allerheiligenmarkt abgehalten. Aufgrund der Marktordnung für die Stadt Wien findet er von 25. Oktober bis einschließlich 2. November täglich von 7 bis 18 Uhr statt, wobei der 1. November der Hauptmarkttag ist. An diesem Tag ist die Einfahrt in den Friedhof für Besucher nicht möglich. Als Marktgebiet gelten die Rundplätze vor dem I., II. und III. Tor, sowie IX., XI. Tor und beim Krematorium. Die Straßenbahnlinien 6 und 71, die zum Zentralfriedhof fahren, haben zu Allerheiligen besonders kurze Intervalle (ein bis drei Minuten), auch Straßenbahn- und Buslinien zu anderen Friedhöfen verkehren verstärkt.

Zu den weltlichen Bräuchen zählen die Allerheiligenstriezel als Patengeschenk für Kinder oder Preis eines Würfelspiels (Striezelpaschen) in Niederösterreich. Die Gabe des Gebäcks wird vom Kult der Armen Seelen abgeleitet, statt ihnen tat man an Armen gute Werke. Sieger beim Striezelpaschen, das in vielen Weinviertler Gasthäusern stattfindet, ist der Spieler mit der höchsten Punktezahl. Früher war es in dieser Gegend auch üblich, Geflechte aus Stroh als Spott- und Rügebrauch vor den Häusern unbeliebter Frauen aufzuhängen. Seit 2011 bieten Wiener Supermärkte Allerheiligenstriezel aus einer Großbäckerei an.

Etwa 90 Heilige und Selige waren Österreicher bzw. lebten oder wirkten in Österreich. Allein Papst Johannes Paul II. (1920-2005, Reg. 1978-2005) hat während seines 26-jährigen Pontifikats 482 Menschen heilig gesprochen, das sind mehr Heiligsprechungen als seit der Einführung eines geregelten Verfahrens im Jahr 1588. (302 Heilig- und 1310 Seligsprechungen). Insgesamt verzeichnet die katholische Kirche mehr als 10.000 kanonisierte Personen.

Bei der im Frühjahr 2016 durchgeführten IMAS-Umfrage "Traditionen und Bräuche" (Archiv Nr. 016041) gaben 78% an, den Friedhofsbesuch zu Allerheiligen zu kennen und 53 %, selbst zu begehen. Allerheiligenstriezel kannten 36 % und 14 % pflegten den Brauch.


Quellen:
Helmut P. Fielhauer: Volkskunde als demokratische Kulturgeschichtsschreibung. Wien 1987. S. 32-45
Leopold Schmidt: Wiener Volkskunde. Wien 1940. S. 55
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. 2. Band S. 267
Helga Maria Wolf: Österreichische Feste & Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003. S 165
Alle heiligen Zeiten. Lieder und Texte im Jahreskreis. Atzenbrugg 2010

Bild 'Feste'

Noch mehr zum Thema finden Sie im Buch "Wiens beste Feste" aus dem Sutton Verlag