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Helga Maria Wolf

Almwirtschaft#

In Österreich gibt es mehr als 9.000 Almen mit einer Futterfläche von 481.000 Hektar, die meisten davon - ca. 2.200 - in Tirol. Die Almwirtschaft, die Viehweiden über der Baumgrenze nützt, zählt zu den ältesten Landwirtschaftsformen Europas.

So konnte der Verein für alpine Forschung (ANISA) auf dem Dachsteingebirge Reste von fast 30 Almwirtschaften aus der Bronzezeit (1700 bis 900 v. Chr.) nachweisen. Sie dienten der Versorgung der beim Hallstätter Salzbergbau Beschäftigten. Ebenfalls auf dem Dachstein fanden Archäologen Reste einer römerzeitlichen Almhütte aus dem 1. bis 4. nachchristlichen Jahrhundert und mehrere Weideglocken. Funde aus dem 7. und 8. Jahrhundert verweisen auf die mittelalterliche Almwirtschaft, die dann im 14. und 15. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte.

Im 19. Jahrhunderts schien die Bergbauernwirtschaft bedroht. 1887 verordnete eine staatliche Kommission: "Die Almweide ist ein wichtiges Fundament des Nationalvermögens und Volkswohlstandes. Es sind daher unverzüglich Bestimmungen über Schutz, Pflege und Förderung der Almwirtschaft zu erlassen."

Schon ein Jahrhundert zuvor hatten die Städter die Almen entdeckt. In der freien Natur sahen sie eine romantische Gegenwelt zu Technik und Moderne. Dies zeigt am besten die literarische Erfolgsgeschichte von "Heidi". Der 1880 erschienene Roman erreichte Millionenauflagen, wurde in 50 Sprachen übersetzt, verfilmt und im Heididorf in der Schweiz vermarktet. "Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben ist erstaunlich alt und wallt im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auf, sobald die Welt den Menschen zu kompliziert erscheint," liest man im Katalog der Austellung "Auf der Alm…" (2004). Ein Jahrzehnt später schrieb die Historikerin Inge Friedl ein Buch über das Almleben. Sie hat Sennerinnen und Halter in Salzburg, der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich interviewt und sie um alte Fotos gebeten. So entstand das Bild einer mühsamen und entbehrungsreichen ländlichen Wirtschaftsweise, die ihre eigene Kultur entwickelt hat.

Menschen und Tiere konnten es kaum erwarten, bis es im Frühjahr Zeit zum Übersiedeln war. Zuvor, meist Ende Mai, stellten die Männer gemeinsam hölzerne Almzäune auf, um das Abstürzen des Viehs zu verhindern. Das einst landschaftsprägende Element sieht man heute nur noch in Freilichtmuseen. Die Almsaison dauerte ungefähr vier Monate. Während dessen war die Sennerin, der sozialen Kontrolle im Dorf oder auf dem Hof entzogen, ihr eigener Herr. Zu den Tieren brauchte die Sennerin eine besondere Beziehung. Sie sprach mit ihnen, gab ihnen Namen und kannte jedes Rind - was bei einer großen Herde ohne Ohrenmarken nicht leicht war. Sie hielt auch Ziegen und Schweine auf der Alm. In der Hütte, einem Blockhaus, gab es einen Arbeitsraum mit offenem Feuer zum Kochen und Käse machen. Dazu eine Schlafkammer und eine Stube, auf deren Aussehen die Bewohnerin besonderen Wert legte. Der Arbeitstag begann um zwei Uhr früh mit dem Melken, dann kam das Butterrühren. Der Stolz der Sennerin war "der schöne Butter", am besten vom Futter gelb gefärbt und dann geformt und verziert. Die bis zu 8 Kilogramm schweren Butterstriezel wurden in Blätter eingewickelt und von Helfern mit Kraxen oder Buckelkörben ins Tal gebracht. Käsen und Geschirr waschen waren die nächsten Tätigkeiten. Die Milchgefäße und der kupferne Käsekessel wurden auf Hochglanz geputzt und an der Außenwand zum Trocknen aufgehängt. Nach dem einfachen Mittagessen bekamen die Schweine Futter. Von drei bis fünf Uhr Nachmittag war wieder Zeit zum Melken.

Das Almleben war keineswegs idyllisch. Auch für Unglücksfälle, wie Unwetter und Schneefall im Sommer, musste man gewappnet sein. Zum Schlimmsten, was passieren konnte, zählte es, wenn ein Tier abstürzte. Dies zu verhindern, war Aufgabe des Halters, der oft noch ein Kind war. Der Hüterbub, der mit seinem Hund und einem Bergstock unterwegs auf den Weiden war, musste im Kuhstall schlafen. Die Almromantik, speziell des 19. Jahrhunderts, umgab das Leben in der Einschicht mit allerlei Mythen. Dazu zählte das Edelweiß, das der kühne junge Mann als Liebesbeweis aus der Felswand holte. Der aufkommende Tourismus tat ein Übriges, so dass die Pflanze - als erste weltweit - seit 1886 unter Naturschutz steht. Die frühen Touristen erhielten als Gäste Butterbrote und Milch ohne Verrechnung, nur der Schnaps stellte einen kleinen Verdienst für die Sennerin dar. Der Juchzer diente der Verständigung zwischen den Almhütten. Blieb die Antwort aus, war Grund zur Sorge gegeben. 1924 erstach ein zurückgewiesener Verehrer eine erst fünfzehnjährige Halterin auf einer Alm in den oberösterreichischen Voralpen. Die Reiflingbauernalm wird seither nicht mehr bewirtschaftet, ein Kreuz erinnert an den Mord.

Ende September war es Zeit zum Almabtrieb. Wenn auf der Alm und im Hof alles in Ordnung war, bastelte die Sennerin aus Reisig, Blumen und buntem Krepppapier Hals-, Hörner- und Kopfschmuck für die Tiere. Besonders der Stier wurde festlich herausgeputzt und der Schmuck im Stall befestigt. Die Kühe mit speziellen Glocken, die Sennerin im Festtagskleid, der Treiber mit den anderen Tieren zogen ins Tal. Inzwischen ist die "Heimfahrt" vielerorts zum bunten Spektakel geworden. Die Tirol Werbung empfiehlt den Touristen 40 größere und zahlreiche kleinere Almabtriebe.

Die Funktionen der Alm gehen weit über die Landwirtschaft hinaus, nicht nur weil das Abweiden auch eine landschaftspflegerische Maßnahme darstellt. Die weitläufigen Almflächen bieten den Besuchern einen geschätzten Erholungsraum, Almwege werden von Wanderern und Mountainbikern genutzt und die bewirtschafteten Almhütten stellen attraktive Wanderziele dar. Nach dem Urlaub kann man das Almerlebnis kulinarisch nachklingen lassen: Unter den acht geschützten Ursprungsbezeichnungen, die in Österreich das EU-Siegel "gU" tragen dürfen, ist die überwiegende Zahl Käse aus den Alpen, wie Gailtaler Almkäse, Tiroler Bergkäse oder Vorarlberger Alpkäse.

Erschienen in der Zeitschrift "Granatapfel", 2014