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Alphabet #

Alphabet
Mustertuch für Kreuzstickerei, 19. Jahrhundert. Foto: H. M. Wolf

Jahrhundertelang haftete dem Alphabet etwas Geheimnisvolles an, denn Schreiben und Lesen war auf eine schmale Oberschicht beschränkt. Wer nicht Angehöriger des Adels oder Klerus war, erwarb die für Leben und Beruf nötigen Kenntnisse meist durch mündliche Überlieferung. Seit dem 5. Jahrhundert bestanden Klosterschulen für angehende Mönche, die ab dem 6. Jahrhundert auch männliche Laien aufnahmen. Frauenorden betrieben im Mittelalter für die Töchter des Adels Erziehungsanstalten, die ein hohes Bildungsniveau erreichten. Martin Luther (1483-1546) forderte 1524 die Einrichtung allgemeiner Schulen für Knaben und Mädchen. Als erstes Territorium der Welt führte die Freie Reichsstadt Straßburg im Elsass 1598 eine gesetzliche Schulpflicht ein. In Österreich verordnete Maria Theresia (1717-1780) 1774 eine sechsjährige Unterrichtspflicht. Erst 1868 wurde die Pflichtschule bis zum 14. Lebensjahr vorgeschrieben. 

Die seit 1418 bezeugte Bezeichnung ABC-Schütze für Schulanfänger soll daher stammen, dass ältere fahrende Schüler die jüngeren für sich stehlen ("schießen") ließen. Um Kindern das Lesen und Schreibenlernen schmackhaft zu machen, gab man ihnen Lebkuchen in Buchstabenform. Gestickte Alphabete standen im 19. Jahrhundert auf dem Lehrplan des Handarbeitsunterrichts. 

Im zauberisch-magischen und Orakelbereich spielten Buchstaben ebenfalls eine Rolle. Das schnelle Aufsagen des Alphabets galt als Mittel gegen Schluckauf. Auslosen von Zetteln mit Anfangsbuchstaben soll schon in der Antike bekannt gewesen sein. Heiratswillige Frauen wollten später auf diese Weise den Namen des Bräutigams erfahren.


Quellen: 
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 16
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 1/Sp. 14 f.
Wikipedia: Schulpflicht (Stand: 23.4.2009)
Wikipedia: Klosterschule (Stand: 23.4.2009)