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Aussegnung#

Traditionsgemäß führte der erste Ausgang der Mutter nach einer Geburt - oft unabhängig von der Kindstaufe - in die Kirche. Patin und Hebamme begleiteten sie zum "Vorsegnen" durch den Priester. Häufig wurden Geldspenden erwartet. Es gab ein Festmahl und kleine Geschenke, sowohl der Eltern für Verwandte, als auch dieser für das Kind. 

Dem Brauch liegt die biblische Vorstellung der kultischen Unreinheit nach dem alttestamentarischen Gesetz zu Grunde (Lev. 12,1-8:) 40 Tage nach der Geburt eines Sohnes bzw. 80 Tage nach der Geburt einer Tochter mussten die Eltern ein Schaf bzw. Tauben opfern. Dies sollte die Heiligkeit Israels garantieren, das als altorientalisches Volk nicht streng zwischen Alltagsleben und Religion unterschied. Nur wer die Regeln der Ethik, des Anstands und der Hygiene beachtete, durfte sich Gott nähern. Auch unbeabsichtigt "Unreine" mussten Schuld- und Sündopfer darbringen, bevor sie wieder am Gottesdienst teilnahmen. Wenn auch diese Vorschriften durch das Neue Testament überholt sind, erinnert doch das Fest "Darstellung des Herrn" (Mariae Lichtmess) am 40. Tag nach Weihnachten an den Tempelgang der Gottesmutter. 

Im Rituale Romanum von 1614 ist von einer Reinigung der Frau nichts zu finden, die Mitte der Segnung nach der Geburt bildet die Danksagung, außerdem ist diese nicht vorgeschrieben, sondern freiwillig. Hingegen ist in Ritualen des 18. Jahrhunderts schon von der "Reinigung" die Rede. Im 1979 erschienenen Benediktionale findet man einen Segen für die Mutter, der den Taufritus abschließt und, wie es heißt, den früheren Muttersegen ablöst.

Ledigen Müttern blieb der kirchliche Segen verwehrt. Sie mussten "über den Besen springen". Die Redensart erinnert an eine Ehrenstrafe, bei der die betroffenen Personen (z.B. Diebe) zuerst einen Besen um die Kirche tragen mussten und dann von jedem damit geschlagen werden konnten. 

Im Brauch der evangelische Kirche wurde der erste Kirchgang oft mit der Taufe verbunden und die Gemeinde zur Fürbitte eingeladen. "Aussegnung " wurde dort auch der Segen über den Sarg beim Verlassen des Trauerhauses genannt, im Gegensatz zur "Einsegnung" am Grab.


Quellen: 
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 50
Benediktionale. Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Freiburg/Br. 1989. S. 91
Die Bibel. Einheitsübersetzung. Freiburg/Br. 1980. S. 93
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 1/Sp. 729 f.
Protokolle zur Liturgie (Hg. Rudolf Pacik und Andreas Redtenbacher). Würzburg 2008. Bd. 2/S. 163