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Berufsbräuche#

Schiffsknechte

1859 wurde der Zunftzwang aufgehoben, dennoch erhielten sich Berufsbräuche verschiedener Gewerbe. Das Freisprechen der Lehrlinge, die in den Kreis der Gesellen aufgenomen wurden, war ein wichtiges, meist ziemlich grobes Initiationsritual. Die Betroffenen wurden im wahrsten Sinn des Wortes "über den Tisch gezogen" und traktiert. Die Tischler nannten das Hobeln, die Binder Schleifen, die Weißgerber Taufen. 

Bei den Buchdruckern musste der "Cornute" einen Hut mit Hörnern tragen. Diesen wurde er erst los, nachdem er nach überstandenem "Depositionsspiel" geschworen hatte, niemandem die schlechte Behandlung zu vergelten. Danach wurde er mit Rosmarin bekränzt und vom Lehrherrn feierlich freigesprochen. 1771 ließ Kaiserin Maria Theresia die "albernen Gebräuche" abschaffen. Doch die Buchdrucker erfanden einen neuen, das Gautschen. Der Begriff bezeichnete das Entwässern bei der Papiererzeugung, in diesem Fall die "Taufe" des Ausgelernten. Der Spruch dazu lautete: "Packt an, Gesellen, lasst seynen Corpus Posteriorum fallen / auf diessen nassen Schwamm, bis trieffen beyde Ballen / der durst'gen Seele gebt ein Sturtzbad obendrauff / das ist dem Jünger Gutenbergs seyn'n beste Tauff' " . Nach der Übergabe des Gautschbriefes und einem Festmahl zählte der junge Drucker zu den Gesellen. Um weitere Erfahrungen zu sammeln, begaben sich viele "auf die Walz". Die Wanderschaft hatte auch einen sozialen Grund. Der junge Geselle überließ den älteren bzw. einem neuen Lehrling den Arbeitsplatz. Zuvor musste er alle Schulden bezahlen und durfte den ehrenhaften Ruf der Offizin, von der er ein Zeugnis erhielt, nicht schädigen. War er mit dem neuen Meister handelseins, wurde das Inspringgeld erlegt und der Einstand entsprechend gefeiert. 

Ein Bäckeraufzug (Umzug) fand in mehreren europäischen Städten statt, in Wien zumindest seit dem 16. Jahrhundert am Osterdienstag. Der Umzug begann zu Mittag beim beflaggten Innungshaus. Einer Abteilung Kavallerie des Niederösterreichischen Generalkommandos folgten die Gesellen. Ihre Tracht bestand aus blauen Fracks, weißen Hosen und Strümpfen, Schnallenschuhen, dreieckigen Hüten und Degen. Ein Geselle trug den großen, ein zweiter den kleinen silbernen Innungsbecher. Drei Männer mit goldenen Schärpen und goldbordierten Federhüten wechselten sich beim Tragen der Fahne ab. Eine weitere Gruppe von Gesellen und Kavallerie beschlossen den Zug. Er bewegte sich zu allen Backhäusern der Stadt. Dort spielte die Musik, die Teilnehmer kredenzten dem Meister und der Meisterin Wein aus den Silbergefäßen. Beim Kommen und Gehen wurde die Fahne geschwungen. In der Hofburg machten die Becherträger dem Kaiser und der Kaiserin ihre Aufwartung. Die letzte Station war die Wohnung des Bürgermeisters, wo der Altgeselle einen Spruch aufsagte, der auf das kaiserliche Privileg des Umzugs Bezug nahm. Er wurde bis 1809 durchgeführt.

Die Salzburger Metzgergesellen werden am Faschingsonntag im Hof zu St. Peter durch den Sprung in das warme Wasser eines Holzbottichs von den „Sünden“ während der Lehrzeit „rein gewaschen“ und können beim anschließenden Fahnenschwingen ihre Kraft unter Beweis stellen. Dieser Brauch aus dem Jahr 1512 wurde 1981 wieder eingeführt. Stieß die Revitalisierung anfangs auf wenig Interesse, so hat sich dies in einer Generation geändert. Jährlich gibt es im Land Salzburg 12 bis 15 Lehrlinge, denen es "Spaß macht", den Sprung in den Bottich durchzuführen. 2015 wurde eine neue, 40 kg schwere Innungsfahne aus Seide angeschafft, nachdem die frühere beim Fahnenschwingen ernsthaft Schaden genommen hatte.

Die Fleischhauer in Wien feiern alljährlich einen Gottesdienst im Stephansdom, der auf ein Gelöbnis im Pestjahr 1703 zurückgeht. Die traditionelle Schneiderwallfahrt führt nach Maria Enzersdorf. Die Marktfieranten wallfahrten nach St. Corona am Wechsel (Niederösterreich). 

Zu den Alt-Wiener Berufsbräuchen zählte die "Landfahrt der Schiffsknechte". Diese hatten in der Barockzeit das Privileg, falls die Donau zugefroren war, im Fasching mit ihrem auf Kufen gestellten, von Hohenauer-Pferden gezogenen Kelheimer-Schiff durch die Stadt zu fahren. Der Weg des mit Fahnen geschmückten Fahrzeugs führte von der Rossau (Wien 9), über das Glacis und die Innenstadt in die Leopoldstadt (Wien 2). Spielleute waren an Bord, es wurde gekocht und Knödel an die Zuschauer ausgeworfen.


Quellen: 
Gerhard Robert Coeckhelberge zu Dützele ("Realis") Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien. Wien 1846. I/123 f.
Alfred Wolf: Sitten und Bräuche der Buchdrucker. In: Gott grüß die Kunst. Wien 1947.
Alfred Wolf: Alsergrund-Chronik. Wien 1981, S. 89
Helga Maria Wolf: Das neue BrauchBuch. Wien 2000. S. 212 f.
Metzgersprung

Bild: Die Landfahrt der Schiffsknechte, Wien 1767. Aus: Alfred Wolf: Alsergrund-Chronik