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Blumenbräuche#

Kräuterweihe, Wien 2013

Wenn der Sommer seinen Höhepunkt erreicht, im so genannten "Frauendreißiger", zwischen Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt, stehen Pflanzen im Zentrum des Brauchgeschehens. Man sammelt bestimmte Blumen und Kräuter, bindet eine gewisse Anzahl zu Sträußen und lässt sie in der Kirche segnen. In jüngster Zeit findet der Brauch der Kräuterweihe großes Interesse. Er war schon um die erste Jahrtausendwende bekannt.

Kräutersträuße zählen zur Brauchkunst, wie sie der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt, nannte. Darunter verstand er "wesentliche Teile der gesamten Volkskunst, die dem Brauch dienen, aus dem ihm tragenden Glauben hervorgangen sind und mit dem Aufhören der brauchmäßigen Bindung ihren Sinn verlieren." Die kleinen Kunstwerke blieben als Zeichen der Festzeit in Haus und Hof, manchmal auch länger, in der Hoffnung, dass sie Glück bringen und Böses abwehren. Schmidt hat darauf hingewiesen, dass die meisten Schöpfungen der Brauchkunst aus pflanzlichen Stoffen bestanden: Zur Sommer- wie zur Winterszeit stellte man Bäumchen - z.B. Maibaum, Firstbaum, Christbaum auf. Zu Weihnachten holte man sich immergrüne "Boschen" von Nadelbäumen in die Stube, zu Fronleichnam die als Segen bringend geltenden Birkenreiser. Vergoldete Zweige dienten zu Nikolo als Zuckerlrute oder "Rute im Fenster". Am Unschuldigen-Kinder-Tag durften die Kinder, einem mittelalterlichen Schülerbrauch entsprechend, im Sinne der "verkehrten Welt" den Erwachsenen Schläge mit der Rute versetzen. Auch vegetarische Speisen waren mit Festtagen verbunden: der grüne Spinat am Gründonnerstag oder Kürbisse zu Halloween sind bis heute populär.

Da man bei lebenden Blumen vom Vorkommen in der Natur abhängig war, half man sich mit Nachbildungen aus Papier, Federn oder Stoff, Metall und sonst für Christbaumschmuck verarbeitetem Material. Solche Kreationen fanden sich beim Kranz- und Kronenbrauchtum, wie die weißen Kränzchen der Erstkommunikantinnen, Hochzeitskränze oder Totenkronen. Anstecksträußchen trugen Firmlinge, Bräutigame oder Rekruten (Ehrenbuschen als Tauglichkeitssträuße). Im 19. Jahrhundert unterschied man in Wien zwischen den Berufen der Kunstblumenerzeuger und der Blumenbinder, der damaligen Bezeichnung für Floristen. Über den Geschäften konnte man dann oft "Natur- und Kunstblumen" lesen.

"Der" Blumentag im Februar ist der 14., der Valentinstag. Der Schenkbrauch wurde 1947 von "Fleurop" in Frankreich und Belgien eingeführt. In Deutschland setzte er sich, obwohl stark beworben, nur langsam durch. Erst 1973 konnte sich das Fachorgan der Blumenbinder über den Geschäftsverlauf am "Tag der Freundschaft" freuen. Um ihn zu etablieren, werden Jahr für Jahr neue, blumige Ursprungslegenden erfunden. Nach einer war Valentin ein Mönch, der Vorübergehenden Blumen aus dem Klostergarten schenkte und vor der Anerkennung des Christentums Paare nach christlichem Zeremoniell traute. Deshalb zum Tod verurteilt, hinterließ er der Tochter des Kerkermeisters zum Abschied einen Blumengruß mit den Worten "Von deinem Valentin". Das Zweite Vatikanische Konzil sah in Valentin einen unhistorischen Heiligen und strich ihn aus dem römischen Kalender.

Das Veilchenfest war ein adeliger Wiener Frühlingsbrauch. Ihn schildert eine Szene der Neidhart-Fresken, der ältesten erhaltenen profanen Wandmalereien Wiens (1, Tuchlauben 19). Der Minnesänger Neidhart von Reuenthal wirkte um 1240 am österreichischen Herzogshof. Seine Schwänke wurden so populär, dass man sie lange Zeit nachahmte und ihn selbst zur bauernfeindlichen Figur hochstilisierte. Die Fresken vom Ende des 14. Jahrhunderts zeigen, wie er das erste Veilchen findet und mit seinem Hut bedeckt. Er will die Herzogin und den Hofstaat zur Fundstelle zu führen, damit die adelige Dame die Blume pflücken kann. Unterdessen hat ein Bauer den bekannten Streich vollzogen, von dem es im kleinen Neidhartspiel heißt: "Neidhart, sollst hier von mir wissen, dass ich das Veilchen hab be…" Die Gesten der Abgebildeten drücken höchstes Entsetzen aus.

Palmweihe, Wien 2013

Nur den obersten Gesellschaftsschichten war die "goldene Rose" vorbehalten, die ihnen der Papst am Mittfastensonntag (Laetare) verehrte. Eine Chronik des Konzils von Konstanz, die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, zeigt den feierlichen Umzug des römisch-deutschen Kaisers Sigismund (1368-1437) mit einem solchen Goldschmiedewerk. Schon im 11. Jahrhundert weihte und verschenkte der Papst derartige Ehrengaben. Die Karwoche beginnt mit dem Palmsonntag, der an den Einzug Jesu in Jerusalem (Mk. 11,1-10) erinnert. Die Blätter der Fiederpalmen (z.B. Dattelpalme) galten in der Antike als Symbol des Lebens, der Hoffnung und des Sieges. Christlich gedeutet, sind sie ein Attribut der Märtyrer. Die kirchliche Palmweihe am "Bluomostertac" ist seit dem 8. Jahrhundert bezeugt. Wo keine Palmen gedeihen, weiht man Zweige anderer Bäume, wie Oliven, bei uns Weidenzweige mit Palmkätzchen. In Häusern, Ställen und Feldern angebracht, sollen die - oft auch verzierten und sehr großen - Palmbuschen oder -stangen Segen bringen und alles Ungute abhalten. Palmstangen haben regional unterschiedliche Formen, in manchen Gemeinden hängen süße Brezel oder Ketten aus ausgeblasenen bunten Eiern daran. Palmkätzchen schluckte man als Arznei gegen Halsschmerzen. Die am Karfreitag in den Kirchen aufgebauten Heiligen Gräber sind traditionell mit Blumen geschmückt. Zusammen mit den Kugeln aus buntem Glas, die den Kerzenschein reflektieren, bilden sie einen Lichtblick im traurigen Geschehen der Tage vor Ostern. Dann ist auch die Natur wieder zum Leben erwacht. Seit einiger Zeit dekoriert man (Forsythien-) Zweige mit ausgeblasenen Eiern und stellt sie als Osterbäume in Wohnungen und Gärten.

Bild 'Lilie'

Der "Marienmonat" Mai zeichnet sich durch die Maiandachten aus, bei denen Statuen und Altäre der Muttergottes reichlich mit Blumen und Kerzen umgeben sind. Klassische Mariensymbole und -attribute sind Rose, Lilie, Päonie, Akelei und Veilchen - aber noch viele andere, wie der Germanist Helmut Birkhan in seinem kürzlich erschienenen Buch "Pflanzen im Mittelalter" aufzählt. Im alten Wien gab es am "Maitag" auch weltliche Blumenbräuche. Der Grundwächter, ein uniformierter magistratischer Diener, war die Kontaktperson zwischen den Bewohnern der Vorstädte und der Obrigkeit. Ihm oblagen Kundmachungen und die Zustellung amtlicher Schriftstücke. Am 1. Mai ging er, ungewohnt freundlich lächelnd, auf Gratulations- und Heischetour. Er überreichte den Honoratioren blühende Veilchenstöcke und den Damen duftende Blumensträuße. Ende des 19. Jahrhunderts erfand die sozial engagierte Fürstin Pauline Metternich (1836-1921) den Blumenkorso im Wiener Prater. 1886 nahmen 2790 Kutschen daran teil, 268.000 Zuschauer kauften Karten, der Reinerlös lag bei 100.000 Gulden. Das Frühlingsfest wurde zu einem Fixpunkt des Wiener Gesellschaftslebens, auch Radfahrer und Autofahrer nahmen mit geschmückten Fahrzeugen teil.

Die typische Blume des 1. Mai ist die rote Nelke des "Tags der Arbeit", der seit 1890 als Weltfeiertag des Proletariats begangen wird. 1919 erhob die österreichische Nationalversammlung den früheren Streiktag zum allgemeinen Ruhe- und Festtag. Weniger bekannt ist, dass bei öffentlichen Feiern des - in Österreich seit 1924 begangenen - Muttertages den Teilnehmerinnen rote Nelken geschenkt wurden, weiße legte man auf die Gräber verstorbener Mütter. Die Einführung erfolgte auf Initiative der Frauenrechtlerin Marianne Hainisch (1839-1936), deren Sohn Michael Hainisch (1858-1940) der erste Bundespräsident der Republik Österreich war. In Amerika feierte man den Ehrentag der Mütter schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch der Slogan "Lasst Blumen sprechen" entstand dort.

Das bewegliche Fest Christi Himmelfahrt am 40. Tag nach Ostern (zwischen 30. April und 3. Juni) findet seine biblische Grundlage in der Apostelgeschichte (Apg 1,9-11): "40 Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen" und dem Bericht der Himmelfahrt. Seit dem 14. Jahrhundert war es Brauch, das Geschehen durch ein Auffahrtspiel mit einer Christusstatue, tanzenden Engeln und Kerzen darzustellen. Während diese durch eine Öffnung im Kirchengewölbe verschwanden, fielen von dort Blumen, Bilder und Himmelsbrote auf die Kirchenbesucher. Diese beobachteten, in welche Richtung der Heiland schaute und erwarteten von dort die Unwetter des kommenden Sommers.

Ähnliche Szenische Darstellungen gab es am 50. Tag nach Ostern. Zu Pfingsten (zwischen 10. Mai und 13. Juni) wurde eine geschnitzte Heiliggeisttaube durch das Kirchengewölbe aufgezogen, von wo sich ein Blütenregen auf die versammelten Gläubigen ergoss. Das "liebliche Fest" gab der Päonie ihren Namen "Pfingstrose". Drei ausgesucht schöne Exemplare krönen die Grünmaske des Pfingstkönigs in Patzmannsdorf (Niederösterreich). In weiten Teilen Europas war es Brauch, einen Burschen zu Beginn der Weidesaison in ein Laubkleid zu hüllen, in dem er durch das Dorf ging, um seinen Lohn zu erheischen. Viele Kinder aus den Bundesländern kamen zu Pfingsten in den Stephansdom, um das Sakrament der Firmung zu empfangen. Traditionell gehörten zu diesem - oft ihrem ersten - Wien-Besuch die Fahrt im blumengeschmückten Fiaker und ein Anstecksträußchen.

Das letzte in der Reihe der beweglichen Feste ist Fronleichnam, 60 Tage nach Ostern, am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag (zwischen 21. Mai und 24. Juni). Obwohl am Gründonnerstag der Einsetzung des Altarsakramentes gedacht wird, feiert die Kirche am ersten "freien" Donnerstag nach der Osterzeit ein eigenes Hochfest des Leibes Christi. Es entstand nach einer Vision (1209) der Augustinernonne Juliane von Lüttich (+1258). Ihr Landsmann Papst Urban IV. (+ 1264) schrieb es in seinem Todesjahr für die ganze Kirche vor. Prozessionen mit dem Allerheiligsten in der Monstranz, die der Priester unter dem alten Machtzeichen des Baldachins (Himmel) trägt, sind 1273 in der deutschen Abtei Benediktbeuren, in Wien seit 1334 überliefert. Die Bezeichnung kommt von mhd. "der vrone licham" (vron - göttlich, licham oder lichnam - Leib). Obwohl das Fest keine biblische Grundlage hat (und deshalb von den Reformatoren bekämpft wurde), galt es dem frommen Volk als höchstes des katholischen Kirchenjahres. Fronleichnam ist das Fest der Blumen, die zur Ehre Gottes abgeschnitten, auf Altären und in Fenstern in Vasen gesteckt, aber auch auf den Prozessionsweg gestreut werden. Dieser ist mit Birkenstämmen markiert. Nach der Feier mit nach Hause genommen, gelten sie als Segen bringend und Unheil abwehrend, wie der Palmbuschen.

Nach Johannes dem Täufer, dessen Geburtstag am 24. Juni im Kalender steht, und zu dem man segenbringende "Sonnwendbuschen" bindet, heißt eine ganze Reihe von Pflanzen: Johanneshand ist die frische Wurzelknolle des einheimischen Knabenkrautes. Das Echte Johanneskraut wird seit alter Zeit als Heilpflanze geschätzt. Weitere nach dem Täufer benannte Pflanzen sind die rote Johannesbeere ("Ribisel") und der Johannesbrotbaum. Am 22. Mai, dem Gedenktag der heiligen Rita von Cascia (1370-1447) werden in den Augustinerkirchen Rita-Rosen geweiht und verteilt, von denen man sich heilsame Wirkungen verspricht. Den Höhepunkt des Sommers bildet das Hochfest Mariä Himmelfahrt am 15. August, mit der Kräuterweihe. Sie kann als klassisches Beispiel für einen "getauften Brauch" gelten, mit dem die Kirche vorchristliche Vorstellungen zu ersetzen suchte. So heißt es um das Jahr 1010 im Poenetentiale des Burchard von Worms: "Hast du Heilkräuter unter anderen Gebeten gesammelt als dem Absingen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers? Wenn ja, so hast du zehn Tage bei Wasser und Brot zu büßen." Die zu weihenden Kräuter mussten in bestimmter Zahl gesammelt werden, andere Details schätzten die Kirchenoberen nicht. Etwa, dass man die Pflanzen um Mitternacht pflücken, oder den Boden nicht berühren durfte. Ähnliches liest man schon in der "Naturgeschichte", die der römische Gelehrte Plinius im 1. nachchristlichen Jahrhundert verfasste.

Die Herbstfeste kommen ohne Blumen aus, vielleicht weil schon weniger blühen. Zum Almabtrieb erhält die Leitkuh einen Kopfputz aus bunten (Kunst-)blumen, auch die anderen werden "aufgekränzt". Wenn alle gesund die Saison beenden, gilt der Umzug als "Erntedankfest der Almbauern". Die in Stadt und Land seit den 1930er Jahren zelebrierten Erntedankfeste haben noch immer das Symbol von damals: eine große Henkelkrone, deren Bügel mit den verschiedenen Getreidesorten umwunden sind.

Zu Allerheiligen und Allerseelen schmückt man die Gräber mit Kränzen, Bouquets und Blumen, bevorzugt Chrysanthemen. In Wien ist dieser Brauch vor allem seit der Anlage des 1874 eröffneten Zentralfriedhofs üblich. In einem um die Jahrhundertwende erschienenen Werk heißt es: "Noch vor etwa einem Menschenalter hielten sehr viele Wiener wenig auf die Gräberausschmückung."

Als Ausgleich zur winterlichen Finsternis erfand man im 19. Jahrhundert in Deutschland Adventkranz und Christbaum. Mistel und Ilex als Dekoration kamen aus England. Wahrscheinlich älteren Datums sind die Orakelbräuche mit Barbarazweigen und Luzienweizen. Nach einer Legende wurde die frühchristliche Märtyrerin Barbara eingekerkert. Auf dem Weg dorthin verfing sich ein Kirschzweig in ihrem Kleid. Sie wässerte ihn im Gefängnis ein und am Tag ihrer Hinrichtung, dem 4. Dezember, sprangen die Knospen auf. Barbarazweige sollten Glück bringen, wenn man sie an diesem Tag schneidet, gut pflegt und sie zu Weihnachten blühen. Mancherorts versah man sie mit Zetteln mit Namen oder Ziffern. So meinte man, das Schicksal einzelner Personen zu ergründen. Blüte bedeutete Heirat, die Zahl auf dem erblühten Zweig setzte man im Lotto - und hoffte auf Gewinn. Ein landwirtschaftliches Omen war der Luzienweizen. Er wurde am Tag dieser Heiligen, am 13. Dezember, in einen Teller gesät. Bis Weihnachten wuchs er spannenhoch. Aus der Höhe und dem Schein der in die Mitte gestellten Kerze spekulierte man auf den Ertrag der Feldfrüchte im kommenden Jahr.

Zu Silvester sollen vierblättriger Klee und Fliegenpilze Glück verheißen, zu dem nach landläufiger Meinung Gesundheit, Geld und Liebe gehören.

hmw