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"Brauchtum"#

Blochziehen. Aus: Kronprinzenwerk, 1891
Blochziehen. Aus: Kronprinzenwerk, 1891

In der Alltagssprache bezeichnet der Begriff Brauchtum die bewusste Pflege von Bräuchen und Traditionen. Wissenschaftsgeschichtlich steht er im Kontext der Mythologisierungen, Reliktforschungen und Ursprungstheorien des 19. Jahrhunderts. Die frühe Volkskunde suchte nach dem Urzustand der eigenen nationalen Gesellschaft. In der Zeit der Entstehung der Nationalstaaten war dieses Bestreben ideologisch motiviert und sollte die Identität des Staates begründen helfen. Anderseits suchte man einen Gegenpol zur technischen und industriellen Revolution und meinte, ihn in einer idealen "primitiven" Gesellschaft zu finden.

"Der Historismus des 19. Jahrhunderts, die Hinwendung zur 'altdeutschen' Tradition brachte in Verbindung mit einem politisierten Volkstumsgedanken eine Reihe 'historischer' Feste hervor, die nicht nur 'Frohsinn und Vaterlandsliebe' fördern sollten, sondern gerade in den Städten zahlreiche historisierende Elemente einbezogen, angefangen von der altdeutschen Tracht der Festzugsteilnehmer bis zu historischen Spielen," schreibt Leander Petzoldt. Die aus ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund erklärbaren Vorstellungen fanden nicht nur im 19. Jahrhundert begeisterte Anhänger, sie wurden auch von den NS-Ideologen vereinnahmt. Während sich die wissenschaftliche Volkskunde seit Jahrzehnten vehement davon distanziert und solide historische Forschung betreibt, sind die Vorstellungen vom "uralten Brauchtum" immer noch populär. Sie finden sich in Massenmedien, wie im Internet, und sogar bei jungen Brauchträgern.

Utz Jeggle spricht von Brauchtum, wo es nach "Volkskultur aus zweiter Hand" aussieht: "Brauchtum ist der sentimentalische Zustand des Brauchs." Der Begriff signalisiere die Ausgrenzung bestimmter tradierter Handlungsweisen aus dem Fluss des Alltags und ihre Zuweisung zu einem spektakulären Bereich, dem ein traditionelles Gehabe eigentümlich sei - wie Landbräuche, die man auf Heimatabenden vor Publikum aufführt. Statt von "Brauchtum" oder gar "Volksbrauchtum" empfiehlt es sich, von "Bräuchen" zu sprechen. Als ähnliche Begriffe bieten sich Fest, Ritual oder Event an.