Dach#

Dach

Die volkskundliche Hausforschung nennt zwei traditionelle Dachtypen: Pfettendach und Sparrendach. Die einfache Art des Pfettendachhauses fand man bei Pfahlbauten am Bodensee aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend, auch in der griechisch-römischen Kultur. Es bestand aus zwei Baumstämmen, die in einer kräftigen Astgabel den Firstbalken (Firstpfette) trugen, von dem das Dach durch beidseitig angelehnte Hölzer (Rafen) zur Erde geführt wurde. Beim Sparrendach bildeten die das Dach tragenden Balken eine feste, durch Kehlbalken verspreizte Verbindung. Diese anspruchsvollere Konstruktion wurde vor allem von den Hamburger Zimmerleuten gebaut. 

Bei der Form des Giebels unterscheidet man zwischen den Grundformen Steilgiebel - bei dem die Vorderwand des Hauses bis zum First reicht - Walmdach (mhd. walbe - Wölbung), das aus vier geneigten Flächen besteht - und der Mischform Halbwalmdach. 

Von der Art des Dachstuhls, dem Klima und den verfügbaren Materialien war die Deckung abhängig. In den Alpenländern schnitt man Schindeln aus Lärchen- oder Fichtenholz und beschwerte sie mit Steinen. Dazu empfahlen sich flachere Dächer. Die Stroh- oder Schilfdeckung verlangte ein steiles Dach, um dem Regen zu widerstehen. Das Giebelkreuz, x-förmig angebrachte Bretter, schützte das weiche Dach gegen Wind und Fäulnis. Die oberen Enden waren oft als stilisierte Pferdeköpfe gestaltet. Deren Symbolik als Schutzzeichen gegen äußere Gefahren wurde für das Markenzeichen einer Bankengruppe übernommen. Dachziegel, in den Städten seit dem 11./12. Jahrhundert bekannt, wurden auf Landhäusern selten und später verwendet. Aus gebranntem Ton hergestellt, gab es sie in verschiedenen Formen: überlappend (Biberschwänze, Ochsenzungen), ineinander greifende Hohlziegel (Mönch und Nonne) und Falzziegel, deren Längsseiten sich überdeckten. Im 14. Jahrhundert kamen glasierte Dachziegel mit Heiligendarstellungen, Inschriften oder Ornamenten auf. Diese erinnern an die Muster von Modeln für Gebäck oder Textildruck. Plastische Aufsätze wie Tiergestalten konnten den Abschluss bilden.

Im Mittelalter war das Abdecken des Daches eine strafrechtliche Maßnahme. Der Verbrecher sollte kein Dach über dem Kopf haben, er war vogelfrei (schutzlos). Auch Steuerschuldnern wurde das Dach abgedeckt. In Deutschland bestand der Rechtsbrauch des Dachabdeckens bis ins 18. Jahrhundert in der Volksjustiz und als Fastnachtsbrauch. Er richtete sich gegen Frauen, denen man vorwarf, ihre Ehemänner zu schlagen. Wenn jemand "keinen Dachziegel mehr" hat, wurde sein Haus gepfändet. Auch das war ein mittelalterlicher Rechtsbrauch. Der Dachziegel in der Hand des Gläubigers galt pars pro toto für die Hypothek auf das Haus. In anderen Redensarten steht Dach für Kopf: "Einen aufs Dach geben" oder "einen Dachschaden haben" (nicht bei Verstand sein). Was "auf den Dächern gepredigt" wird oder "die Spatzen von den Dächern pfeifen" ist allgemein bekannt.


Quellen: 
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 128, 283
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 2/Sp. 115 f.
Haus und Hof in Österreichs Landschaft. Wien 1972
Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg/Br. 1991. Bd. 1/S. 297

Bild: Schindeldach im Freilichtmuseum Großgmain (Salzburg). Foto: Alfred Wolf, 2005