Engel #

Bild 'Engel'

Theologisch gesehen sind Engel „von Gott geschaffene personale Wesen, die im Unterschied zum Menschen nicht an den Leib gebunden sind. Sie schauen stets das Angesicht des Vaters im Himmel und rufen vor aller anderen Schöpfung das Lob Gottes aus.“ Obwohl körperlos, zählen sie zu den Lieblingsmotiven der Kunst. Altchristliche Mosaiken zeigen ausdrucksstarke, archaische Figuren. Die Engel in San Vitale in Ravenna haben große Flügel, tragen lange, weiße Gewänder und Sandalen. Seltsamerweise verwandelten sich die ursprünglich männlichen Gestalten in der Westkirche in weibliche Wesen und Kinder. Kinderengel wurden in Renaissance und Barock zu molligen Putten. „Volkskunst“ und Devotional-Industrie haben sie in populärer Weise gestaltet.

  Die Autoren des Alten und Neuen Testaments sind von der übernatürlichen Wirklichkeit der Engel überzeugt. Engel treten in der Bibel als Repräsentanten der göttlichen Macht auf und fungieren als Mitglieder des göttlichen Hofstaats. Sie erscheinen als geheimnisvolle, von Lichtglanz umgebene Wesen, welche die menschliche Vorstellungskraft übersteigen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies verwehren Cherubim Adam und Eva die Rückkehr. Abraham, Moses und andere empfinden die Begegnungen mit einem Engel bedrohlich. Jakob kämpft mit ihm. Engel richten Daniel auf, stärken Jesaja, trösten Hagar und retten die Jünglinge aus dem Feuerofen. Dem Propheten Jesaja begegnen in seiner Vision sechsflügelige Seraphim. Raphael, der Reisebegleiter des jungen Tobias, wurde zum Urbild der Schutzengel. Mehr als ein dutzend Mal werden Engel im Alten Testament erwähnt, im Neuen Testamtent viermal so oft. Gabriel verkündigt der jungen Maria, dass sie die Mutter Gottes werden sollte. Das Weihnachtsgeschehen ist von Engeln begleitet. Ihr Glanz umleuchtet die Hirten. Ein Engel ermahnt Josef im Traum, mit dem Kind nach Ägypten zu fliehen. 

In der Bibel findet man keine Engellehre. Diese zu erfinden, blieb den Kirchenlehrern vorbehalten. An der Wende zum 6. Jahrhundert lebte ein Mystiker, der sich Dionysios Areopagita nannte. Seine „Hierarchie der Engel“ beeinflusste das Denken der mittelalterlichen Theologen und die Ikonenkunst: Die erste Hierarchie - Seraphim, Cherubim und Throne - steht unmittelbar vor Gottes Thron. Die zweite - Herrschaften, Tugenden und Mächte  - wird „Regierung“ genannt und menschenartig dargestellt. Die dritte - Fürstentümer, Erzengel und Engel - stellt die Verbindung zur Welt der Menschen her. Seraphim haben sechs Flügel, die oft Augen tragen. Die Farbe der Seraphim ist rot. Cherubim, blau gemalt, zeigen sich als Kopf mit vier Flügeln. Throne erscheinen als feurige Räder, rundum mit Flügeln ausgestattet. Flügel sind das Symbol der Schwerelosigkeit und Zeichen für ein Wesen aus der überirdischen Welt. Sie ermöglichen den schnellen Boten, die Verbindung zwischen Gott und Mensch herzustellen. Die zweite Hierarchie ist, wie ein Diakon, mit einem bodenlangen, gegürteten Untergewand bekleidet. Ihre Vertreter tragen ein goldenes Band, Siegel, Zepter und Krone. Die dritte Hierarchie trägt die Gewänder des oströmischen Kaiserhofes. Botenengel, wie Gabriel und Michael, haben als hohe himmlische Beamte einen Botenstab, die Weltkugel, und als Rangabzeichen bunte Streifen am Gewand. 

Heiligenviten überliefern Visionen mit Engeln: Hildegard von Bingen (1098-1179), Franz von Assisi (1181-1226), Elisabeth von Thüringen (1207-1231), Theresa von Avila (1515-1582) berichteten von ihren Begegnungen. Besonders populär war und ist der Schutzengel, Generationen von Kindern kannten Gebete und Darstellungen dieser Art. In der gegenwärtigen Religiosität spielen Engel eine große Rolle.


Quellen:
Rupert Berger. Neues Pastoralliturgisches Handlexikon. Freiburg/Br. 1999. S. 118 f.
Helmut Fischer: Die Ikone. Freiburg/Br. 1995
Werner Reiss: Engel. In: GB 434, St. Johannes Nepomuk-Gemeinde, Wien 2008
Helga Maria Wolf: Weihnachten. Kultur & Geschichte. Wien 2005. S. 137 f.

Bild: Gebet zum hl.Schutzengel, Einblattdruck, 19. Jh. Gemeinfrei