Fabrik#

Siglsche Maschinenfabrik, Wien 9, Foto um 1870. Gemeinfrei
Siglsche Maschinenfabrik, Wien 9, Foto um 1870. Gemeinfrei

Eine Fabrik (lat. fabricare - anfertigen) ist eine Produktionsstätte im industriellen Maßstab, die eine größere Anzahl unterschiedlicher Arbeitsvorgänge vereinigt und wesentlich mit Hilfe von Maschinen arbeitet. Anders als bei der Manufaktur, deren maschinelle Ausrüstung meist geringfügig ist, gibt es bei der Fabrik keine Heimarbeiter. Da Maschinen hohe Investitionen erforderten, konnten handwerkliche Kleinunternehmer das Kapital nicht aufbringen. Es war ihnen auch nicht möglich, mit den billigen Preisen der industriell hergestellten Massenprodukte zu konkurrieren. Viele Handwerker verarmten.

Ein Symbol der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts war die Dampfmaschine. Hohe Schornsteine prägten das Bild der Fabriksbauten. Dampfmaschinen wurden stationär in der Produktion eingesetzt, sie betrieben Maschinen, mechanische Webstühle usw. In England begann der Übergang zur Fabriksindustrie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, in Deutschland und Österreich erst im Lauf des 19. Jahrhunderts. Um 1840 standen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 200 Dampfmaschinen im Einsatz, rund die Hälfte in der Textilindustrie. Durch seine Leitfunktion in der Baumwollverarbeitung wurde das Wiener Becken, wo sich die größten Betriebe ansiedelten, zu einer der führenden Industriezonen der Monarchie.

Die maschinelle Papiererzeugung erfolgte zuerst in Franzensthal bei Ebergassing. 1793 gründete ein Adeliger bei Enzersdorf an der Fischa die Kleinneusiedler Papierfabrik. Im 19. Jahrhundert erweitert, zählte sie 1839 zu den größten des Kontinents und ermöglichte die sechsfache Ausfuhr, im Vergleich zum Import.

Die Metallindustrie fasste vor allem im Südwestteil des Viertels unter dem Wienerwald Fuß. Die Wiener Neustädter Lokomotivfabrik war die größte Maschinenfabrik der Monarchie (1873: 2800 Beschäftigte). Das Eisenbahnzeitalter begann 1837. Die Eisenbahn als leistungsfähiges Transportmittel ermöglichte den Siegeszug von Kohle und Eisen.

Die erste Gründungswelle der Schwerindustrie setzte um 1840 ein. 1843 gründeten Alexander Schoeller und Alfred Krupp die Berndorfer Metallwarenfabrik, die sich zur größten ihrer Zeit entwickelte. In den 1870er Jahren hatte sie 1000 Mitarbeiter und arbeitete als erste Fabrik mit elektrischer Energie. Auf ihrem Areal befanden sich nicht nur die Produktionsstätten, sondern auch Arbeitersiedlungen, Kirche, kulturelle und soziale Einrichtungen. Berühmt sind die historistischen Schulklassen, in denen Arbeiterkindern von klein auf Stilempfinden nahegebracht wurde, das sie später bei der Herstellung von Besteck und Ziergegenständen brauchen konnten. Heute ist die Berndorf AG eine Holding mit den Schwerpunkten Werkzeugbau, Prozess- und Oberflächentechnik, Wärmebehandlung, Bäderbau und Verfahrenstechnik. 2011 war mit 530 Mio. Euro das umsatzstärkste Jahr der Firmengeschichte. Die Tochter- und Beteiligungsgesellschaften der Berndorf Gruppe beschäftigen rund 2.500 Mitarbeiter in weltweit mehr als 20 Ländern.

Mit fortschreitender Industrialisierung entwickelten sich im Süden Wiens "Single factory towns", Ansiedlungen in denen ein einziges Unternehmen den gesamten Lebensvollzug der Bewohner strukturierte. "Die Fabrik und die Werkssiedlung bildeten ein geschlossenes Ensemble, das Arbeit (12 Stunden am Tag), Wohnen, Essen in der Kantine, eventuell sogar eine Betriebskrankenkasse bot…. Eine Arbeiterwohnung bestand aus Zimmer und Küche. Erst 1892 wurde die Mindestwohnfläche pro Familie festgelegt, nämlich 28-35 m². Maximalbelag 7 Personen. … In vielen Werkssiedlungen auf dem Land hatten die Arbeiter ein Stück Hausgarten zur Eigenversorgung. Die Idee, Lebensmittel gemeinsam billiger einzukaufen, führte zum Entstehen der Konsumvereine" (1856 erster Arbeiterkonsumverein Österreichs in Teesdorf)

1801 entstand in Pottendorf, Niederösterreich, die erste große Maschinenspinnerei des Kontinents. 1828 bestanden in Niederösterreich 31, 1848 schon 50 Baumwollfabriken, die meisten im Industrieviertel südlich von Wien. Die 1826 gegründete Flachsspinnerei in Gramatneusiedl, wo die Arbeiterwohnhäuser renoviert wurden, ist durch die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen lang andauernder Arbeitslosigkeit " (1933) von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel bekannt. Dieser Klassiker der empirischen Soziologie zeigte die sozial-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht - wie vielfach angenommen - zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.

Schon 1989 hieß es in einem Führer durch die Industriekultur im Wiener Becken, der alte Industrieraum sei von tiefgreifenden Umstrukturierungen betroffen, die Single-factory-towns mit ihrer Ausrichtung und Konzentration auf nur einen Hauptbetrieb existenziell bedroht. "Die alten Ensembles lösen sich allmählich auf. Bislang werden Fabriken, Arbeiterwohnanlagen und andere Zeugen der Industriegeschichte nicht als erhaltenswerte Kulturgüter betrachtet, sondern stehen als Teil einer zu verdrängenden Geschichte, als Räume der Ausgrenzung, die dem Selbstbild nicht länger entsprechen." Vereinzelt wurden von den Gemeinden Sanierungsmaßnahmen durchgeführt wie in der Nadelburg oder Gramatneusiedl- Marienthal.

2003 haben sich 17 Museen mit der Thematik Industrie, Technik, Arbeit und Alltag zum Verein Abenteuer Industrie zusammengeschlossen. So ist z.B. die Walzengravuranstalt in Guntramsdorf mit ihrer seit 1911 unveränderten, funktionsfähigen Einrichtung zum Museum geworden. Trotzdem trifft die Befürchtung des Jahres 1989 zu. In Pottendorf werden die Industrieanlagen abgerissen und eine Anlage von vier Wohnhäusern mit 38 geförderten Wohnungen und Grünanlagen errichtet. Das Hauptgebäude der Fabrik wird entkernt und für Gemeindeeinrichtungen und Wohnungen umgenutzt.

Bis zum 19. Jahrhundert war Kinderarbeit in Fabriken eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie in der Landwirtschaft. 1859 wurde sie in Gewerbebetrieben für Kinder unter 10 Jahren verboten, für ältere eine tägliche Arbeitszeit von 10 Stunden bestimmt. Sie hätten keine Möglichkeit gehabt, die seit 1868 verodnete, bis zum 14 Lebensjahr vorgesehene Pflichtschule zu besuchen. Daher wurde die Einrichtung von Fabriksschulen vorgeschrieben, wo die werktätigen Kinder wöchentlich mindestens 12 Stunden zu unterrichten waren. 1885 wurde ein Beschäftigungsverbot für Kinder unter 12 Jahren verfügt. Das Gesetz war schon zuvor, 1883, insoferne der Realität angepasst worden, als die (bis in die Zwischenkriegszeit gegebene) Möglichkeit eingeräumt wurde, Kindern aus Bauernfamilien und aus anderen 'unbemittelten Volksklassen' nach Absolvierung von sechs Klassen Pflichtschule weitgehenden Dispens vom Pflichtschulbesuch zu gewähren. In der Folge wurden die nicht mehr benötigten Fabriksschulen abgeschafft.