unbekannter Gast

Helga Maria Wolf:

Freizeit#

Stadtpfarrkirche Baden mit Turmuhr, 2016, Foto: Doris Wolf
Stadtpfarrkirche Baden mit Turmuhr, 2016, Foto: Doris Wolf

"Freizeit" ist ein junger Begriff. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg auf, bis dahin sprach man von Arbeits- und Ruhezeiten. Im vorindustriellen Zeitalter bildeten Arbeit und Freizeit eine Einheit, räumlich waren Arbeits- und Wohnräume kaum getrennt. Auf dem Land hing der Rhythmus vom Wetter und unaufschiebbaren Arbeiten ab. Bauern richteten sich nach dem Pensum, das in angemessenem Tempo zu erledigen war. Sie nannten es treffend "Tagwerk". Ein Joch bezeichnete die Fläche, die ein Ochsengespann an einem Tag bewältigen konnte. Im Sommer, wenn die Tage lang und die Ernte einzubringen war, um das Überleben für das nächste Jahr zu sichern, dauerte es 15, 16 Stunden bis zum Feierabend. Dafür werkte man im Winter kürzer. Zugleich mit den Hühnern aufzustehen und schlafen zu gehen, ist sprichwörtlich.

Neben dem Naturjahr bestimmte die Kirche die Zeitstruktur. Im Mittelalter gab es im deutschen Sprachraum rund 100 Arbeitsruhetage, neben dem Sonntag bestanden viele "Bauernfeiertage". Die Heiligengedenktage hatten als Lostage mit der Arbeit zu tun, wenn es beispielsweise hieß: "Michaeli ist der Erdapfel fertig und zu Allerseelen das Kraut". Am 29. September war der richtige Zeitpunkt für die Kartoffelernte, Anfang November brachte man das Kraut ein. Derzeit hat Österreich 13 gesetzliche Feiertage, etwas mehr als der europäische Durchschnitt. "Zeitwohlstand" gilt heute als Basis der Lebensqualität.

Obwohl die Landwirte das Wort "Arbeitszeit" nicht kannten, war diese genau strukturiert. Das "Wochenende", ebenfalls nicht so genannt, begann mit "Ritualen" am Samstag. Man putzte das Haus, badete und buk den Sonntagskuchen. Den Höhepunkt des Sonntags bildete der Gottesdienst. Wenn die Predigt länger dauerte, war es den Frauen willkommen, so konnten sie wenigstens sitzen und ausruhen. Die Männer standen hinten in der Kirche, sprungbereit zum Gasthausbesuch. Rund um die Sonntagsmesse war Zeit für Kommunikation, Einkauf und "Modenschau". "Mit dem Sonntagskleid kam die Sonntagsstimmung", schreibt die Historikerin Inge Friedl. Sie ermutigt, manches, was der modernen Lebensweise widerspricht, neu zu entdecken. Doch bleibt ein großes Fragezeichen: "Würde uns ein neuer Lebensstil mit altem Wissen helfen, dem Hamsterrad von Überforderung und Zeitdruck zu entkommen?" Zumindest könnte man manche Prinzipien ausprobieren. "Eines nach dem anderen, das war der Grundsatz der alten Arbeitsweise … es kam nicht darauf an, die Arbeit so schnell wie möglich zu machen, sondern so gut wie möglich." Kaum vorstellbar, dass die Tageseinteilung auf dem Land nur vom Sonnenstand, den Feiertagen und der Kirchturmuhr strukturiert wurde. Die Glocken läuteten um 18 oder 19 Uhr, Samstag um 15 oder 16 Uhr den Feierabend ein. Doch "Man konnte sich nicht aussuchen, ob man Feierabend machte oder nicht. Man musste, ob man wollte oder nicht." Dafür sorgten die ungeschriebenen Gesetze der Arbeitsverbote. Das bekannteste ist der Aberglaube, in den Rauhnächten keine Wäsche aufzuhängen, dies würde Unglück bringen.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es Kirchturmuhren, die nur einen Stundenzeiger hatten. In manchen Alpentälern genügte ein Blick auf den Sonnenstand über einem Berg ("Zwölferhorn") zur Orientierung. Wenn ein Bauer eine Taschenuhr besaß, war sie mehr Statussymbol als Gebrauchsgegenstand. Er trug sie nur am Sonntag. Ganz anders in der Stadt, zu den charakteristischen Merkmalen Uhren schon im 16. Jahrhundert zählten: "Portae, pulsus, pueri" (Tore, Schlaguhren, Schüler) unterschieden sie vom Dorf. 1510 konstruierte der Schlossermeister Peter Henlein (1479-1542) das "Nürnberger Ei" als Taschenuhr. Danach ermöglichte die handwerkliche Serienfertigung den Privatbesitz von Wand-, Tisch- und Taschenuhren. Seit der Zeit Maria Theresias entwickelte sich Karlstein an der Thaya (Niederösterreich) sich zu einem Produktionszentrum. Wanderhändler brachten die Karlsteiner Uhren aus dem Waldviertel in alle Teile der Monarchie.

Unangenehm wurde das Leben im Fabrikszeitalter, als Uhren gemeinsam mit Maschinen die Herrschaft über den Arbeitsalltag übernahmen. Bis zu 85 Wochenstunden waren nun an der Tagesordnung. Auch für Kinder und Jugendliche gab es kaum Pausen, essen musste man nebenbei. 1919 wurden die 48-Stunden-Woche und der 8-Stunden-Tag gesetzlich verankert. 1959 folgte die 45-Stunden-Woche, 1969 die 40-Stunden-Woche. 2008 beschloss die EU einen "Arbeitszeit-Kompromiss", der die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 65 Stunden zulässt. Statistisch ist die Arbeitszeit (inklusive Teilzeit) seit 2005 gesunken, von damals 33,1 Stunden bis auf 31 Stunden im Jahr 2014. Der Sonntag als Ruhetag, an dem man zu sich kommen oder die Freizeit gemeinsam genießen kann, ist in der Nonstop-Gesellschaft gefährdet. Bei einer Umfrage sprachen sich 2015 fast 96 % der Wiener Handelsangestellten gegen die Sonntagsöffnung aus. Eine Tageszeitung titelte treffend: "Handel will - Gewerkschaft bremst". (Kurier, 19.8.2015)

Erschienen in "Granatapfel"