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Gemeindebau#

Gemeindebau
Karl-Marx-Hof

1977 gelang den Austropoppern Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz mit "Du bist die Blume aus dem Gemeindebau" ein Hit - und zugleich eine ironische Beschreibung der Subkultur der "grünen Witwen" in Stadtrandsiedlungen wie in Stadlau (Wien 22). 

in 2015 leben 530.000 Wienerinnen und Wiener in 220.000 Gemeindewohnnungen. Das kommunale Wohnbauprogramm begann nach dem Ersten Weltkrieg auf der Grundlage der 1922 eingeführten Wohnbausteuer. Mit subventionierten städtischen Wohnhäusern sollte die damals herrschende Wohnungsnot bekämpft und der ärmeren Bevölkerung ein Mindeststandard an Größe und Ausstattung geboten werden. Da bedürftige und kinderreiche Familien bei der Vergabe bevorzugt waren, ergab sich eine Konzentration auf bestimmte Sozialschichten. Die bis 1927 errichteten Kleinstwohnungen bestanden aus Vorraum, WC, Küche, Zimmer und evtl. Balkon. 75 % waren 38 m² groß, der Rest 45 - 48 m². Die Ausstattung umfasste Gasherd und Ofenheizung, es war kein Badezimmer vorgesehen. Die Gemeindebauten waren fünf bis acht Stockwerke hoch. Von außen wirken sie festungsartig und abweisend. Monumentale, oft mit Eisengittern gestaltete Tore, schließen sie ab. Kernstück ist der Hof mit sozialem Grün, der die einzelnen "Stiegen" erschließt. Im Sinn des Roten Wien legte man Wert auf "Kunst am Bau", die sich u.a. in Brunnen, Figurenschmuck oder expressionistischen Details zeigt. Charakteristisch waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Wäschereien, Badeanlagen, Kindergärten, Hobbyräume, Bibliotheken, Zahnklinik, Mutterberatungsstelle, Parteilokale etc. Bis 1934 waren 63.000 Gemeindewohnungen fertig. 

In der 2. Republik wurde die Bautätigkeit wieder aufgenommen. Das Matzleinsdorfer Hochhaus (Wien 5, Matzleinsdorfer Platz) war das erste Gemeindehochhaus Wiens. 1956 wurde die 50.000. Wohnung nach Kriegsende übergeben. Ab den 1960er- Jahren kamen Fertigteil- und Montagebauten zur Anwendung, vorwiegend entstanden Großanlagen am Stadtrand. Die jährliche Bauleistung lag bei 9.000 Wohnungen. Nachdem der dringendste Bedarf gedeckt war, setzte die Gemeinde Wien seit den 1970er- Jahren mehr auf Qualität als auf Quantität. In den 1980er- Jahren stand ein umfangreiches Renovierungsprogramm der unter Denkmalschutz stehenden Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit an. Zunehmend wurde auch die thermische Sanierung ein Thema für die Gemeinde Wien. Ab 2004 verlagerte sie den geförderten Wohnbau vom Gemeindebau zu gemeinnützigen (teilweise auch gewerblichen) Wohnbauträgern. Seit 2009 ist soziale Nachhaltigkeit ein Kriterium bei allen Bauträgerwettbewerben. Solche fanden 2009/2010 u.a. im Sonnwendviertel (Hauptbahnhof - 5000 Wohnungen, davon 1140 geförderte, für 13.000 Menschen), Nordbahnhof (Bike-City, Interkulturelles Wohnen, Wohnen am Park) und in der Seestadt Aspern statt. Dabei handelt es sich um das größte Stadtentwicklungsprojekt Europas. Auf 2,4 m² Grundfläche (das Entspricht der Ausdehnung des 7. und 8. Bezirks) werden in der Seestadt Aspern an der östlichen Stadtgrenze(Wien 22) bis 2029 rund 10.500 Wohnungen für 20.000 Menschen errichtet. Der erste Bauabschnitt (bis Mitte 2015) umfasst 2500 Wohnungen für 6000 Personen.

Im Wahljahr 2015 beschloss die Stadtgemeinde, die Tradition der Gemeindebauten wieder aufzunehmen. In der Fortunastraße 1 in Oberlaa (Wien 10)sind 120 Einheiten geplant. In den kommenden fünf Jahren sollen mindestens 2.000 neue Gemeindewohnungen gefördert werden, 25 Millionen Euro sind dafür vorgesehen.


Quellen:
Wiener wohnen
ZuHause.Juli/August 2012

Bilder: Eines ihrer ersten "Volkswohnhäuser" erbaute die Gemeinde Wien 1923 in Währing, Lacknergasse 96/Staudgasse 80a. Bezirksmuseum Währing
Karl-Marx-Hof, Wien 19, Foto: Doris Wolf, 2013