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Hausierer#

Hausierer

Der Hausierhandel war in Österreich seit 1544 verboten. Erst 1785 erlaubten Hofdekrete das Hausieren auf dem Lande, in Städten und Märkten aber nur zur Jahrmarktszeit. Nach 1787 waren die Verbote aufgehoben, soweit Händler und Waren aus dem Inland kamen. Der Wanderhandel fügte sich gut in die wirtschaftlichen Ideale des Merkantilismus: Die einheimische Industrie wurde forciert, der Import durch Schutzzölle reduziert und die Errichtung von Manufakturen gefördert. Das Verlagssystem kam dem ebenfalls entgegen. In den privaten oder staatlichen Manufakturen waren als „verlegte“ Heimarbeiter Tausende Arbeitskräfte, meist Inwohner oder Kleinhäusler, beschäftigt. 

Wanderhändler hatten viele Gegner und Neider: Zünfte, ansässige Händler und Obrigkeiten - nicht zuletzt, weil sie sich der Steuerpflicht leichter entziehen konnten als sesshafte Bürger. Allgemein galten die vagierenden Händler als „Landplage“. Über Generationen hinweg lassen sich die Beschwerden in drei Gruppen zusammenfassen: schlechte Qualität bzw. zu hohe Preise, Belästigung der Bevölkerung durch aufdringliches Benehmen und Schädigung der ansässigen Gewerbetreibenden. 

Um 1900 war im deutschsprachigen Raum der Wanderhandel der wichtigste Erwerbszweig. Zahlreiche Berufsgruppen waren daran beteiligt: Handwerker, die Leistungen anboten (z.B. Scherenschleifer, Kesselflicker), Hausindustrielle, die eigene Erzeugnisse vertrieben (Selbsthausierer), Händler mit Produkten der Forst- und Landwirtschaft, Händler, die von Fabrikanten oder Kaufleuten bezogene Ware verkauften (Fremdhausierer), Handlungsreisende, Inhaber von Wanderlagern, Schauspieler, Artisten usw. Der typische Hausierer war der Händler auf eigene Rechnung. Dieser kaufte von Fabriken oder Handwerkern Ware, um sie kleinweise zu vertreiben. Kaufleute bedienten sich gerne der Hausierer, um ihre Ladenhüter anzubringen. Hingegen arbeiteten Lohnhausierer - als eine Art Gesellen - für große Geschäftshäuser. Manche Wanderhändler erhielten nur Provisionen, daneben gab es Kommissionshausierer mit Gewinnanteil. 

Der Verein für Socialpolitik unterschied Hausierer mit festem Ausgangspunkt, die täglich oder wöchentlich zu ihrem Domizil heimkehrten, und „wirklich wandernde Hausierer“ aus den begünstigten Gebieten, die monate- oder jahrelang ausblieben. „Sie ziehen oft in Scharen nach demselben Orte und vereinigen sich dort“, wie die Gottscheer in Wien, die genossenschaftlich hausten, ungarische Slowaken, die mit Lehrlingen unterwegs waren oder Bewohner von Istrien und Dalmatien. Die wichtigsten Artikel waren in Wien um 1900 Textil-, Kurz-, Galanterie-, Blech- und Eisenwaren, Kleidung, Schreibwaren, Spielzeug und Südfrüchte. Von den 1890 in der österreichisch-ungarischen Monarchie ausgestellten 18.233 Hausierbewilligungen entfiel der weitaus überwiegende Teil auf industrielle und gewerbliche Erzeugnisse, wobei Textilien rund ein Drittel ausmachten. 

Die durchschnittliche Gewinnspanne eines Hausierers lag bei 30 bis 35 %, der Ertrag bei 50 Gulden brutto monatlich. Für den Platz in einem Massenquartier in einem der Vororte waren 20 bis 30 Kreuzer täglich abzuziehen. Wie die slowakischen Rastelbinder hausten Gottscheer Maronibrater und Hausierer in Gruppen von 8 bis 12 Personen.


Quellen: 
Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992-1997. Bd. 4/S. 245
Martina Demetz: Hausierhandel… im Grödnertal. Innsbruck 1987. S. 53
Wilfried Reininghaus: Wanderhandel in Europa. Dortmund 1993. S. 39 f.
Roman Sandgruber: Die Anfänge der Konsumgesellschaft. Wien 1982. S. 295
Verein für Socialpolitik: Hausiergewerbe in Österreich. Leipzig 1899. Einleitung, S. 29 f.
Helga Maria Wolf: Die Märkte Alt-Wiens. Wien 2006. S. 34 f.

Bild: Hausierer in Wien. Foto: Otto Schmidt, um 1880