Hunger (historisch)#

Historiker haben herausgefunden, dass im Verlauf des Mittelalters 90 % der Bevölkerung zumindest einige Zeit ihres Lebens Hunger leiden mussten. Nur einer von zehn Menschen hatte das Privileg, satt zu werden, und das waren meist Städter. Wer durch Gewerbe oder Handel Geld verdiente und auf dem Markt kaufen konnte, genoss eine gewisse Versorgungssicherheit. Dies trug entscheidend zum Aufschwung der Städte im Hochmittelalter bei.

Die Gesellschaft teilte sich in vier Schichten - Bauern, Bürger, Adel und Klerus. "Die Art der Ernährung hängt nicht mehr davon ab, was und wie viel überhaupt produziert wird, sondern davon, was es auf dem Markt gibt und ob man es sich leisten kann. Oder leisten darf (...). Der Bauer als Produzent der Nahrungsmittel ist dabei der Verlierer. (...) Der Städter und der Adel sind dagegen die Aufsteiger. Sie verfügen über das Kapital, um die Produkte der Bauern aufzukaufen (...) und im Falle einer Hungersnot über den Markt zu kaufen. Das gilt auch für den Klerus" , schrieb der Historiker Reinhard Pohanka. Bis ins 15. Jahrhundert konnten die Bauern der nächsten Umgebung die Wienerinnen und Wiener mit Vieh, Geflügel und Fisch versorgen. Getreide kam aus dem Marchfeld, Mähren und Ungarn.

1462 belagerten die Wiener mit dem Bürgermeister Wolfgang Holzer die kaiserliche Burg, in der sich Kaiser Friedrich III. (1415-1493) mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn - dem späteren Kaiser Maximilian I. (1459-1519) - befanden. Diener brachten dem Kind unter Lebensgefahr Nahrung. In der Burg gab es nur Erbsen und Graupen, Fleisch von Katzen und Hunden. Der Zustand dauerte fast zwei Monate, der deutsche Dichter Michael Beheim, der sich in der Burg befand, schilderte ihn im "Buch von den Wienern". Es enthält auch die spöttische Geschichte über den Herrn von Scheuchenstein, der sich sein Essen vom Mund absparte, um es auf dem Markt zu veräußern - zugleich ein Speisezettel der nicht standesgemäßen Lebensmittel: Kraut, Haferbrei, kein Fleisch, wenig Fett, Apfelmost.

Bei den Speisen gab es noch lange Zeit große soziale Unterschiede. Die Jagd war den Adeligen vorbehalten, das provozierte die Wilderer. Auch Fischereirechte standen dem Adel oder dem Klerus als Privileg zu. Die Bauern hatten nicht unbeschränkt Fleisch zur Verfügung. Das Schlachten eines Schweines oder der Gänse (Martini) vor dem Winter waren besondere Ereignisse im Jahreslauf. Für die bäuerliche und unterbäuerliche Bevölkerung waren Kraut und Rüben, Suppe und Sterz die üblichen Speisen. Das ländliche Scherzlied "Was is' heut für Tag?" spiegelt den gängigen Speisezettel wieder: Montag - Knödeltag, Dienstag - Nudeltag, Mittwoch - Strudeltag, Donnerstag - Fleischtag, Freitag - Fasttag (Samstag - Zahltag, Sonntag - Lumpentag). Im Refrain heißt es aber: "Wenn alle Montag Knödeltag, Dienstag Nudeltag … wäre, wären wir lustige Leut" . So selbstverständlich waren wohl auch die alltäglich scheinenden Speisen nicht.

Weiters spielten die katholischen Fastengebote eine große Rolle. Das Jahr des mittelalterlichen Menschen hatte etwa 100 Sonn- und Feiertage, jedoch 160 Fast- und Abstinenztage. Freitag und Samstag waren Fasttage, als Vorbereitung auf den Sonntag. Dazu kamen die kirchlich gebotenen mehrwöchigen Fastenzeiten vor Ostern und Weihnachten und rund 20 freiwillige Fasttage. Vor allem aß man dann Fisch, die Klöster hatten eigene Fischteiche.


Quelle: Pohanka, Reinhard: Um die Wurst. Wien 2005