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Kümmernis#

Die Legende erzählt von einer Königstocher aus Portugal, die als Christin ihrer Zwangsheirat entgehen wollte. Die schöne Jungfrau betete, es möge ihr ein Bart wachsen, um sie unattraktiv erscheinen zu lassen. Ihr Wunsch wurde zwar erfüllt, jedoch starb sie als Märtyrerin am Kreuz. Der Name der Prinzessin wird mit Kümmernis, Wilgefortis (lat. Virgo fortis - starke Jungfrau) aber u.a. auch Liberata (lat. liberalis - die Freiheit betreffend, edel) oder Comeria, Eutropia angegeben. 

Plastische Darstellungen in Kirchen, vor allem in Tirol, zeigen eine gekrönte, mit edlem Gewand gekleidete, bärtige Gestalt am Kreuz. Da sie auch (goldene) Schuhe trägt, wurde die Legende vom armen Spielmann damit verbunden. Der Kümmernis-Kult breitete sich im 15. Jahrhundert von den Niederlanden aus und war in der Barockzeit außerordentlich populär. Wilgefortis wurde 1583/86 ins Martyrologium Romanum aufgenommen, inzwischen wieder gelöscht. 

Die Legende beruht auf einer Missdeutung der Triumphkreuze vom Typus des Volto Santo in Lucca, Italien. Bis ins 12. Jahrhundert betonten die Kruzifixe die Gottheit Jesu. Er wurde mit offenen Augen, einer Königskrone und in edlen Gewändern dargestellt und steht auf einer Fußstütze, statt am Kreuz zu hängen. Unter dem Einfluss der Passionsfrömmigkeit der Mystiker änderte sich um 1300 die Darstellung vom Bild des Siegers zum Leidenden. "Crucifixi dolorosi" betonten das Menschliche, den erniedrigten, schmerzverzerrten Körper. Zur Zeit großer Pestepidemien konnten sich die Gläubigen mit dem "Schmerzensmann", der fast nackt am Kreuz hing, identifizieren und ihr eigenes Leid in der Perspektive des ewigen Lebens nach dem Tod sehen.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 486 f.
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1933/1987. Bd. 5/Sp. 807 f.
Christus in der bildenden Kunst (Hg. Katharina Winnekes). München 1989. S. 24 f.
Heiligenlexikon