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Kalkbrenner#

Kalkbrennen war ein bedeutender Nebenerwerb der Waldbauern am Ostrand der Alpen. Es ermöglichte ihnen, die reichen Kalkvorkommen und unverkäufliches Holz nutzbringend zu verwenden, wobei die Grundherrschaft für jeden Brand eine Abgabe erhielt. 

Das Brennen geschah in zylinderförmigen Öfen von ca. 4 Meter Durchmesser und 6 Meter Höhe. Sie waren aus Kalksteinen und Ziegeln gemauert und innen mit Sandmergelschiefer oder Lehm verschmiert. Der rohe Kalk wurde an den Wänden aufgeschichtet, der Ofen kuppelförmig geschlossen und in der Mitte ein Feuer entfacht. Dieses brannte, bis die Kalksteine eine schwarzbraune Farbe angenommen hatten. Das dauerte meist drei Tage und vier Nächte. Dabei entwich fast die Hälfte des Gewichts an Kohlendioxyd (CO2). Der reine, weiße "Branntkalk" war nicht lange haltbar, weil er Feuchtigkeit aus der Luft annahm. Man lagerte ihn daher in Gruben und führte Wasser zu. Bei diesem Vorgang, dem "Löschen" oder "Kochen", kam es zu großer Hitzeentwicklung. Danach konnte man den gelöschten Kalk, eine ätzende Flüssigkeit, aufbewahren. Auf den Bauernhöfen wurde die Kalkgrube meist im Frühjahr gefüllt, um bei Bedarf Bau- und Düngekalk zur Hand zu haben. 

In der Gegend von Perchtoldsdorf (Niederösterreich) sind Kalkbrenner seit 1307 nachweisbar. Das Gewerbe nahm großen Aufschwung durch den Zuzug italienischer Arbeiter, die sich im 16. Jahrhundert im südlichen Wienerwald ansiedelten. Die Bautätigkeit des Hofes, Adels und Bürgertums erforderte größere Mengen an frischem Kalk. Als es zu Holzmangel kam, durften die Kalkbrenner nur noch den kaiserlichen Hof beliefern. Private, die überzähliges Material erwerben wollten, mussten darum ansuchen. Die italienischen "kaiserlichen Kalkbrenner" kamen in Konflikt mit der Forstverwaltung, und sie beschwerten sich über die Konkurrenz der Bauern. Wenn die Fuhrwerke der kaiserlichen Kalkbrenner nicht ausreichten, mussten die Untertanen Robotdienste leisten. 

Im 17. Jahrhundert wurde der Kalkzehent eingeführt. Um auf dem Markt frei verkaufen zu dürfen, mussten die Kalkbrenner dem Hof 10 % zu einem schlechten Preis oder 5 % umsonst liefern. Zur Lagerung gab es in Wien zwei kaiserliche Kalkstadel am Wienfluss. Der Kalkmarkt befand sich beim Kärntner Tor. Den Transport besorgten meist Taglöhner mit eigenem Fuhrwerk. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts betrieb man zwischen Kalksburg und Wr. Neustadt in vielen Orten Kalbrennerei bzw. -handel. Allein in Gaaden, damals der Stiftsherrschaft Heiligenkreuz zugehörig, bestanden 50 Steinbrüche und 55 Öfen. Für Biedermeiermaler wie Ferdinand Georg Waldmüller waren sie romantische Motive. Etliche dieser Öfen sind noch zu sehen, z.B. in Sattelbach bei Heiligenkreuz. Ab der Jahrhundertmitte kam zur traditionellen Form der Kalkgewinnung die industrielle Produktion, die nicht mehr mit Holz, sondern mit Steinkohle vor sich ging.


Quelle: Hiltraud Ast: Die Kalkbrenner am Ostrand der Alpen. Augsburg 1977