Helga Maria Wolf

Kinderzeit #

Bild 'Kind1'

"Wenn der Erwachsene seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in der man sich des Augenblicks freute und wunschlos der Zukunft entgegenging. Und darum beneidet er die Kinder," schrieb Sigmund Freud (1856-1939).

Der französische Historiker Philippe Ariès (1914-1984) sieht in seinem Hauptwerk "Geschichte der Kindheit" (1960, deutsch 1975) deren "Erfindung" und Wertschätzung ab dem 16. Jahrhundert. Die vorherige emotionale Gleichgültigkeit gegenüber der Kindheit als einer "schnell vorübergehenden Übergangszeit" führt der Mediävist auf die hohe Kindersterblichkeit zurück. Über die Kleidung der Kinder im Mittelalter schrieb er: "Sobald das Kind den Windeln … entwuchs, wurde es wie die anderen Männer und Frauen seines Standes gekleidet." Später trugen Buben und Mädchen Hemdchen, Buben ab dem 8. Lebensjahr Hosen. Anhand von Gemälden konstatierte Ariès nicht nur eine zunehmende Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt, sondern auch eine habituelle Differenzierung zwischen den Ständen und Klassen. Im 17. Jahrhundert wollten sich Adelige, im 18. Jahrhundert Bürger sowohl von den Kindern, als auch vom "gemeinen Volk" abgrenzen.

Die Bildquellen lassen auch Schlüsse auf das Aufwachsen der Landkinder zu. Während die oberen Stände ihren Nachwuchs durch Gängelband und Fallhut schützten, bestand die Kindheit auf dem Lande im fast unbeachteten Mitleben und Hineinwachsen in die Welt der Großen, durch ständiges Dabeisein. Die deutsche Ethnologin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993), meinte, dass man kleine Kinder, die noch nicht in Haus und Hof mithelfen konnten, "wie Sachen ohne eigenes Empfinden versorgte … sie schienen den Eltern nicht so besonders wichtig gewesen zu sein, eine unproduktive Kategorie von Wesen, bis zum siebten Jahr ohne Verstand, Stärke, Geschicklichket und Nutzen. Eine Ausnahme war die Geburt des ersten Sohnes…"

Vertrauen auf Bräuche

Um Mutter und Kind in der gefährlichen Zeit des Übergangs, der Geburt, zu schützen, pflegte man altbewährte Bräuche. Geburtshilfe leistete die Hebamme, die nicht nur Hausmittel kannte (ebenso bei unerwünschten Schwangerschaften), sondern auch als "Trägerin der Volksüberlieferung" galt und "mythische Züge" annehmen konnte, wie das Wörterbuch der Deutschen Volkskunde formuliert. Im Mittelalter mussten Berufsangehörige dem Zauberglauben abschwören. Wöchnerinnen vertrauten einer Reihe von Patroninnen, in erster Linie der Gottesmutter Maria und deren Mutter Anna. Kirchliche Schutzmittel waren Beichte, Kommunion und Wallfahrt, die oft der Vater auszuführen hatte. Er musste das Kind zeremoniell annehmen, etwa vom Fußboden aufheben, auf den es die Hebamme gelegt hatte. In der "Rockenphilosphie" heißt es 1705, einen Sohn solle man mit den Füßen an des Vaters Brust stoßen, eine Tochter der Mutter auf die Brust setzen.

Um das Seelenheil der Neugeborenen zu gewährleisten, mussten sie möglichst bald getauft werden. Oft brachten Eltern tote Babies in einen Wallfahrtsort und legten sie in der Hoffnung auf einen Altar, dass sie ein Lebenszeichen von sich geben ("Kinderzeichen"), um sie rasch taufen zu lassen. Viele Pfarrer empfahlen den Namen des Kalenderheiligen am Geburtstag als Taufname. Es war Brauch, nicht "zurückzutaufen" (Geburtstag nach dem Namenstag), um dem Kind nicht zu schaden. Ein wichtiges Vorbild waren außerdem Herrscherhäuser und Landespatrone (z.B. Leopold). Häufig erhielten Kinder den Vornamen der Eltern, Großeltern oder Paten. Diese sollten sie im (christlichen) Leben begleiten.

Pate oder Patin (Gevatter, Göd oder Godl) zu sein, war Ehre und Verpflichtung, um die die Eltern baten. Die Kirche definierte das Patenamt als geistliche Verwandtschaft, die sogar die Blutsverwandtschaft übertraf. Daher bestand bis ins 20. Jahrhundert ein Eheverbot zwischen Patenkindern und Paten. Während des Jahres gab es feststehende Termine zu Besuchen, bei denen man Brauchgebäcke wie Godenkipferl und Patenbrezel zu Ostern verschenkte. In Oberösterreich erhielten Kinder alljährlich zu Allerheiligen einen Striezel, der mit zunehmendem Alter der Beschenkten immer kürzer wurde. Vor ihrem 14. Geburtstag wurden sie mit einem kleinen Striezel und Geschenk "abgefertigt". Die Göden bekamen als Gegengabe einen Wecken, der beachtliche Größe annehmen konnte.

Der Ernst des Lebens

Bild 'Schultüte1'

Der Schulbesuch, im Mittelalter eine Voraussetzung zum Priesteramt, blieb lange Zeit Knaben und jungen Männern vorbehalten. 1774 führte Kaiserin Maria Theresia die 6-jährige Unterrichtspflicht für Österreich und die Kronländer ein. Bis zum 19. Jahrhundert war Kinderarbeit in Fabriken und in der Landwirtschaft eine Selbstverständlichkeit. 1859 wurde sie in Gewerbebetrieben für Kinder unter 10 Jahren verboten, für ältere auf 10 Stunden am Tag beschränkt. Sie hätten keine Möglichkeit gehabt, die seit 1868 verodnete, bis zum 14. Lebensjahr vorgesehene Pflichtschule zu besuchen. Daher wurde die Einrichtung von Fabriksschulen vorgeschrieben. 1885 durfte man unter 12-Jährige nicht mehr beschäftigen. Kindern aus Bauernfamilien und anderen "unbemittelten Volksklassen" konnten nach sechs Klassen von der Pflichtschule befreit werden, um der Arbeit nachzugehen. Noch in den 1950er Jahren war es in Niederösterreich üblich, dass Söhne von Weinbauern erst einige Wochen nach dem offiziellen Schulbeginn den Unterricht im Gymnasium besuchten, weil sie bei der Lese mithelfen mussten.

Schulanfänger tragen als sichtbares Zeichen ihres neuen Lebensabschnitts "Tüten", halbmeterhohe, bunte Gebinde, die mit Schulsachen und Süßigkeiten gefüllt sind. Sie waren zunächst in den protestantischen Landschaften Thüringens, Sachsens und Schlesiens verbreitet, verschieden groß und mit unterschiedlichem Inhalt. Ein frühes literarisches Zeugnis gibt Erich Kästner (1899-1974) von seinem Schuleintritt in Dresden 1905. In Österreich fand die Schultüte 1938 Eingang, der zweite Schub erfolgte in der Wohlstandswelle der 1960er Jahre. Man kann sie zu den Übergangsbräuchen (Rites de passage) zählen, zu denen auch die Initiationssakramente Erstkommunion, Firmung und Konfirmation gehören.

Fotos: Doris Wolf

Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2012