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Helga Maria Wolf

Kirtag#

Wiener Kirtag, 2014, Foto: Doris Wolf
Wiener Kirtag, 2014, Foto: Doris Wolf

"Seine Majestät haben den allerhöchsten Befehl zu geben geruhet, daß die Kirchweihfeste in den gesammten deutschen Erblanden auf den dritten Sonntag im Monat Oktober versetzet werden sollen …" Vor 230 Jahren verfügte Joseph II. den "Kaiserkirtag". Bisher war es Brauch gewesen, die Kirchweihe an ihrem Jahrestag zu feiern. Meist war es zugleich der Gedenktag des Patrons. Das konnte jedes beliebige Datum sein, mit Ausnahme der "geschlossenen Zeiten" vor Ostern und Weihnachten, in denen die Kirche keine Tanzunterhaltungen duldete. Denn es blieb nicht bei religiösen Zeremonien. Musik, Unterhaltung und Marktstandeln mit Süßigkeiten, wie Lebzeltherzen, und Gegenständen des täglichen Bedarfs lockten Besucher von nah und fern zu den Volksfesten deren Termine von Ort zu Ort variierten. Die, in seinen Augen überflüssige, oftmalige Unterbrechung der Arbeit störte den rationalistisch denkenden, reformfreudigen Kaiser. Es sollte nur noch einmal im Jahr gefeiert werden, nachdem die Ernte eingebracht war. Der Herrscher hatte die Rechnung ohne seine Untertanen gemacht. Es heißt, dass sie nun zu mehreren Terminen Kirtag hielten, zum verordneten und zu den althergebrachten.

In Niederösterreich bestand eine spezielle Kirtagskultur, mit der sich der Volkskundler Werner Galler eingehend beschäftigt hat (Kirtag in Niederösterreich. St. Pölten 1984). Im Weinviertel traten die Burschen, der jeweilige Rekrutenjahrgang, als Veranstalter auf, häufig gemeinsam mit dem Wirt des örtlichen Gasthauses. Aus Erfahrung hatte sich ein Zeitplan für die Vorbereitungen entwickelt. Sechs Wochen vor dem Fest begannen sie mit dem Aufnehmen der Musik. Der Tanz, das wichtigste Element des Festes, fand auf einem Brettertanzboden oder im Wirtshausstadel statt. Bevor es üblich wurde, dessen Boden zu asphaltieren, war der "Tenn" aus Spreu und Lehm. Das erforderte, ihn für das Fest zu glätten und festzustampfen. Dies geschah drei bis vier Wochen vor dem Kirtag und nahm die Bewohner so in Anspruch, dass sie nicht einmal den Sonntagsgottesdienst besuchten. Im 19. Jahrhundert klagte ein Pfarrer: "Früh bei Tagesanbruch waren die Bewohner … mit dem Bau der Tanzhütte beschäftigt. … Bauern führten Laden und Latten, Bäume und Gesträuch den ganzen Tag herbei. Die Kleinhäusler planierten den Tanzboden. Die Schulkinder zogen Felberstauden herbei. Alles war so fleißig, dass weder die Erwachsenen noch die Kinder Zeit hatten, der hl. Messe beizuwohnen … Das Schneiden mit der Säge, das Hobeln und Schlagen dauerte bis über die Mitternacht, und noch war die herrliche Tanzhütte nicht fertig." Eine Woche vor dem Kirtag fuhren die "Irken" (Ürte - Zechgesellschaft) im Land um Laa mit einem geschmückten Wagen, auf dem sich ein Bierfass befand, in die Nachbarorte, um die dortigen Burschen mit einem Trunk einzuladen. Am Vormittag des Festes wurde dessen weithin sichtbares Wahrzeichen, der Kirtagbaum, aus dem Wald geholt, bis auf den Wipfel entrindet und aufgestellt. Der Baum markierte nicht nur den Tanzplatz, sondern auch die Festzeit. So lange er stand, sollten Marktfreiheit und Kirtagsfrieden herrschen.

Während sich die Männer der Vorbereitung des öffentlichen Festes widmeten, besorgten die Frauen alles für den familiären Teil. Da die "Freundschaft" - die weitere Verwandtschaft - ins Haus kam, musste dort alles perfekt sein: "In der Küche geht es hoch her. Gänse, Enten, Hühner, Schweinsbraten, Rindfleisch und viel Backwerk sammeln sich in der Speis," erinnerte sich der Weinviertler Lehrer Lois Schiferl. Er erwähnt auch wirtschaftliche Aspekte: Maurer, Tischler, Maler, Schneiderinnen und Bäckerinnen hatten vor dem Kirtag Hochsaison, und dann: "Am Kirtagsamstag abend steht der Ort vor dir: akkurat, blank, herausgeputzt." Werner Galler beschrieb den typischen Ablauf eines Weinviertler Kirtags nach dem Hochamt: "Am Sonntag mittag ziehen die Komitee- oder Irkenburschen zum Bürgermeister und zu anderen Honoratioren und lassen ihnen von der Musik die 'Tafelstückln' aufspielen. Dafür bekommen sie Wein, Geld und oft Essen. … Im Anschluss daran erfolgt der Zug durch den Ort…" Die Dorfbewohner schauten aus den Fenstern, die Burschen tranken ihnen zu. Wenn der Weinvorrat abnahm, kamen die Bauern mit Weinhebern vor das Haus und füllten die mit Bändern geschmückten Flaschen nach. Die Ehrentänze mit den jungen Frauen der einzelnen Höfe wurden an Ort und Stelle absolviert. Mehrere Festtagszeichen waren unübersehbar, außer dem Tanzbaum noch der geschmückte Kirtagskranz aus Eichenlaub und der mit Bändern gezierte Rowisch. Das Kerbholz, das ursprünglich nur zur Verrechnung diente, wurde für die Irkenburschen des nördlichen Weinviertels zum Zeremonienstab. Der Wirt schnitt die Konsumation an Wein und Bier ein und die Dorfjugend setzte ihren Stolz in die Ausgestaltung des Stabes. Die "Irkenmenscher" besorgten lange, bunte Seidenbänder mit Goldborten, die sie mit Maschen daran befestigen.

Das eigentliche Fest begann um 15 oder 16 Uhr mit dem "Gassenstücklblasen" vor dem Gasthaus. Die in Schrattenberg gebräuchliche Bezeichnung "Recktanzen" erinnert an den Reigen, den die Männer auf einem öffentlichen Platz aufführten, wobei sie Kreise, Achter und Spiralfiguren beschrieben. Eine Folge von "Ehrentänzen" wechselte ab: Für das Komitee, für die Fremden, Honoratioren, bestimmte Bewohnergruppen (Bauern, Handwerker, Arbeiter) und nicht zu vergessen, die "Weibertouren", die Damenwahl. Zwischen den Tänzen - wenn die Musikanten ihren Durst stillten - sangen die Burschen auf der Bühne Vierzeiler, wie "Dirndl sei gscheit, nimm da an Buim, der di gfreit, nimm da an Buim mit an Geld, hast a Freid auf da Welt." Wie Galler bemerkte, war die Gstanzl-Tradition im Weinviertel längst abgekommen, ebenso wie das "Einbloaten" (Einholen) der besuchenden Burschenschaften, die auf Laub- und bändergeschmückten Wagen ankamen und am Ortseingang von ihren Kollegen mit Bier begrüßt wurden. "Solche Besuche müssen äußerst eindrucksvoll gewesen sein. Jede Burschenschaft suchte beim Einzug auf den Tanzplatz die andere mit ihren schrillen, ohrenbetäubenden Juchzern zu übertönen. Die Burschen stampften meist in Zweierreihen oder im Halbkreis, an den Schultern gefaßt, auf die in der Mitte der Tanzbühne aufgestellte große Trommel zu und schlugen ihr 'Tanzgeld' oder 'Empfangsgeld' auf die dumpf dröhnende Trommelhaut. Anschließend erhielten die Besucher drei Extratouren. Dieses Besuchszeremoniell wiederholte sich in Laa an der Thaya bis zu elf oder zwölfmal, so daß die einheimischen Burschen den ganzen Nachmittag nicht zum Tanzen kamen." Das Fest dauerte bis nach Mitternacht, dann ließen sich die Honorationen "hoamblasen" oder heimgeigen. Der Kirtagmontag begann mit dem "Burschenamt", einem Hochamt. Vor der Liturgiereform war es mancherorts Brauch, dass die jungen Männer während des Gottesdienstes eine Weinflasche leerten, während der Pfarrer dem Altar zugewandt zelebrierte. Nach der Messe folgten das Gedenken an verstorbene Mitglieder und ein Frühschoppen. Am Nachmittag tanzten die einheimischen Burschen mit ihren Mädchen.

Der Volkskundler beobachtete schon im Vergleich der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts Brauch-Transformationen. So war die Feier am Kirtagmontag wegen auswärtiger Berufstätigkeit oft nicht mehr möglich, "dennoch wurde alte Kirtagstradition sehr behutsam und gelungen der heutigen Arbeitswelt angepaßt." Statt Burschenschaften traten Vereine, wie die Feuerwehr oder Jugendorganisationen als Veranstalter auf. Dreißig Jahre später hat sich viel geändert, der "Weinviertler Kirtag" ist Teil der (EU- geförderten) Eventkultur geworden. Erstmals zur Landesausstellung 2013 fand er in der "Poysdorfer Gstetten" statt. 13 Gemeinden der LEADER-Region "Weinviertler Dreiländereck" wollen "das Kirtagsbrauchtum wieder aufleben lassen. So stehen Kirtagstanz, Schiffschaukel oder Kirtagskegeln am Programm - einfach Dinge, die typisch für einen Weinviertler Kirtag stehen." Das Konzept dürfte Erfolg gehabt haben, denn 2015 fand der dritte Weinviertler Kirtag unter dem Motto "Wein trifft Marille", samt Auftritt von Marillenkönig und Veltlinerlandkönigin, statt. Nach Festmesse und Frühschoppen gab es Attraktionen wie Bieranstich und Marillen-Kochshow, Musik und Tanz, Trachtenmodenschau, Tombolaverlosung, Volkstanzauftritt und „Kirtag eingraben“. Weiters sah ein buntes Unterhaltungsprogramm Kegeln, Aktivitäten für Familien, Traktorrundfahrten und Marillenknödel-Wettessen vor - wie man überhaupt besonderen Wert auf kulinarische Köstlichkeiten legte.

Erschienen in "Schaufenster Kulturregion" September 2015