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Kräuterweihe#

Kräuterbuschen zu Ma. Himmelfahrt, Wien 2000

Die Kräutersegnung zu Mariä Himmelfahrt (15. August) erfreut sich in den letzten Jahrzehnten zunehmender Beliebtheit. Es ist wohl ein getaufter Brauch, der um die Jahrtausendwende in Deutschland entstand - in Abgrenzung zur kosmisch-magischen Frömmigkeit der "Herbarii". Die Kirche verhängte strenge Strafen über sie, die Pflanzen unter Beschwörungsformeln ausgruben und damit zu heilen und zu zaubern verstanden. So heißt es um das Jahr 1010 im Poenetentiale des Burchard von Worms: "Hast du Heilkräuter unter anderen Gebeten gesammelt als dem Absingen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers? Wenn ja, so hast du zehn Tage bei Wasser und Brot zu büßen." Die zu weihenden Kräuter mussten in bestimmter Zahl gesammelt werden, andere Details schätzten die Kirchenoberen nicht. Etwa, dass man die Pflanzen um Mitternacht pflücken, oder den Boden nicht berühren durfte. Ähnliches liest man schon in der "Naturgeschichte", die der römische Gelehrte Plinius im 1. nachchristlichen Jahrhundert verfasste.

Für die Sträußchen, die man am 15. August zur "Kräuterweihe" (richtig: Segnung) in die Kirche bringt, ist in Niederösterreich ist die folgende Zusammenstellung weit verbreitet: 

• Hagebutte (Heckenrose, Rosa canica). Die Rose gilt als "die" Marienpflanze. Hagebutten enthalten Vitamin C, Provitamin A, Vitamin B1, B2, Flavonoide, Fruchtsäuren, Zucker und Gerbstoffe. Hagebuttentee gleicht Vitaminmangel aus und stärkt die natürlichen Abwehrkräfte. 

• Johanniskraut (Hypericum perforatum) war und ist eine der beliebtesten Heilpflanzen. Inhaltsstoffe sind ätherische Öle (Hypericin), Gerbstoffe, Flavonoide. In der Antike versprach man sich davon Linderung bei Ischias und Verbrennungen. Paracelsus lobte das "Blutkraut": "... ist nicht möglich, dass eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird." Weitere traditionelle Verwendungen sind als "Frauenpflanze", gegen Angst und Depression, Leber-, Gallen-, Lungenleiden, Asthma, Magen- und Darmbeschwerden, Prellungen, Muskelschmerzen. Die Pharmakologie hat etliche Anwendungsbereiche bestätigt, besonders den nervenberuhigenden Effekt. 

• Kamille (Matricaria chamomilla): Schon von den alten Ägyptern verehrt, von griechischen, römischen und mittelalterlichen Heilkundigen geschätzt, zählt sie bis heute zu den "Allheilmitteln". Die echte Kamille enthält ätherische Öle (Chamazulen, Bisabolol), Flavonoide, Cumarine. Schon der Name Matricaria weist sie als alte "Frauenpflanze" aus, die im Wochenbett und zur Behandlung von Kleinkindern gebraucht wurde. Moderne Forschungen bestätigen die entzündungshemmende, krampflösende und wundheilungsfördernde Wirkung. 

• Pfefferminze (Mentha piperita) zählt zu den bekanntesten Heil- und Gewürzpflanzen. Sie enthält ätherische Öle (Menthol), Gerbstoffe und Flavonoide. Hippokrates und Paracelsus schätzten ihre Wirkung, mittelalterliche Kräuterbuchautoren erwähnten den krampflösenden Effekt. Pfefferminztee wird bei Magenschmerzen und Verdauungsbeschwerden getrunken, Pfefferminzöl dient zum Inhalieren bei Verkühlungen und zum Einreiben gegen Schmerzen. 

• Rainfarn (Chrysanthemum vulgare) enthält ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe. Die heilige Hildegard empfahl einen Heiltrank oder Kuchen aus Rainfarn gegen Schnupfen. In Öl angesetzt, diente er zur Einreibung gegen Gicht und Rheuma. Im Haus aufgehängt, sollte er Gewitter abhalten. In der heutigen Pflanzenheilkunde findet der Rainfarn keine Verwendung, weil man giftige Inhaltsstoffe (Thujon) festgestellt hat. 

• Schafgarbe (Achillea millefolium) gehört zu den ältesten Heilpflanzen. Sie enthält Bitterstoffe, Gerbstoffe, ätherische Öle und Mineralstoffe. Ihren Namen verdankt sie Achilles. Der Held aus der griechischen Sage soll damit einem verwundeten König geholfen haben. Seine Zeitgenossen nannten die Schafgarbe "Soldatenkraut" weil sie innere und äußere Wunden heilt. Aus dem selben Grund brachte man das "Zimmermannskraut" mit dem heiligen Josef (und seinen späteren Berufsgenossen) in Zusammenhang. Andererseits galt sie als "Frauenpflanze". Wegen ihrer entzündungshemmenden, krampflösenden und stoffwechselanregenden Eigenschaften war die Achillea ein ziemlich universales Mittel. Beim Schlafengehen auf die Augen gelegt, sollte sie schöne Träume bewirken. Hildegard nannte das Kraut "Gesundmacher". Es wird bis heute bei verschiedenen Krankheiten als Unterstützungsmittel verwendet. 

• Wilde Möhre (Daucus carota) Als Wildgemüse soll das Doldengewächs schon in der Urzeit ein wichtiges Nahrungsmittel gewesen sein. In antiken Schriften wird es als Heilmittel und Aphrodisiakum erwähnt. In der modernen Heilkunde spielt die wilde Möhre keine Rolle mehr.

Kräuterweihe in der Pfarre Nussdorf, Wien 19, am 15. August 2014

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Quelle: Beilage zu: Helga Maria Wolf: Das neue BrauchBuch. Wien 2000

Bilder: 
Kräuterbüschel zu Ma. Himmelfahrt, Wien 2000. Foto: Alfred Wolf
Pfarre Nussdorf Foto: Helga Maria Wolf