Kreuz#

Kreuz

Kreuze in verschiedenen Formen zählen zu den am weitesten verbreiteten und ältesten Symbolen. Man brachte sie mit den vier Himmelsrichtungen, Durchdringung von Gegensätzen (Himmel - Erde oder Zeit - Raum) in Beziehung. Die Form gibt den Grundriss von Städten und (sakralen) Gebäuden. 

Im Christentum erhielt das Kreuz durch den Tod Christi besondere Bedeutung als Sinnbild des Leidens und der Auferstehung. Die christliche Kunst verwendete das Symbol anfangs nur zögernd, da der Kreuzestod in der Antike als anstößig galt. Inzwischen meinen Theologen wie Univ. Prof. Dr. Rudolf Pacik (Salzburg): "Überhaupt empfiehlt es sich, die bei uns übliche Kreuz-Inflation einzudämmen. Nicht jeder Beleuchtungskörper, nicht jede Bodenplatte muss mit einem Kreuz versehen sein. Auch ohne solche Zeichen ist klar, dass die Gegenstände dem sakralen Gebrauch dienen." Als Gebärde bezeichnet das Kreuz Segen, das Kreuzzeichen ist eine Gebetsgeste. In vielen Schulen und Kindergärten hängen Kruzifixe (Kreuz mit Corpus). Nichtchristliche Eltern verwahrten sich dagegen, im März 2011 entschied der Europäische Gerichtshof, dass es sich dabei nicht um eine diskriminierende Ungleichbehandlung handle. Es liegt im Ermessensspielraum der 47 Mitgliedsstaaten des Europarates, wie sie die Präsenz religiöser Zeichen in staatlichen Schulen entscheiden. Experten aus Rom argumentierten, das Kruzifix symbolisiere über die religiöse Bedeutung hinaus die Werte und Prinzipien, die die westliche Demokratie und Zivilisation begründeten.

Unter den zahlreichen Formen verzeichnet Herders Symbol-Lexikon u.a. Griechisches Kreuz (vier gleich lange Arme), Lateinisches Kreuz (kürzerer Querbalken nach oben verschoben), Petruskreuz (kürzerer Querbalken nach unten verschoben), Antoniuskreuz (T-förmig), Gabelkreuz (Y-förmig), Andreaskreuz (X-förmig), Jerusalemer Kreuz (ein großes mit vier kleinen griechischen Kreuzen als Zeichen der fünf Wundmale), Doppelkreuz (Kardinalkreuz mit zwei Querbalken), Papstkreuz (drei Querbalken), Byzantinisches Kreuz (der unterste Balken ist schräg, zur Erinnerung an das Fußbrett am Kruzifix), Henkelkreuz (von den Christen übernommenes ägyptisches Zeichen für "Leben"). 

Das Fest "Kreuzerhöhung" am 14. September wird seit dem 4. Jh. begangen. An diesem Tag soll Kaiserin Helena anno 320 das Kreuz des Herrn aufgefunden haben. 15 Jahre später wurde die Auferstehungs- und Martyriumskirche auf dem Golgotha in Jerusalem eingeweiht und die Reliquie am Jahrestag den Gläubigen feierlich gezeigt. Diese Zeremonie wurde auch in Kirchen in Jeruslam, Konstantinopel und Rom üblich, die Kreuzreliquien besaßen. Man nannte sie "exaltatio" (Erhöhung des Kreuzes).

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens spricht von fließenden Grenzen zwischen kultisch-liturgischem, symbolisch-spirituellem und magisch-realistischem Gebrauch. Seiner Bedeutung entsprechend findet sich das Kreuz in zahlreichen Ableitungen und Zusammensetzungen: Kreuzblume nannte man die blau blühende Polygala vulgaris, von der man annahm, dass die Kühe nach ihrem Genuss mehr Milch geben würden. Außerdem befand sie sich als Apotropäikum in den Christi-Himmelfahrts-Kränzen. Kreuzbrot (rundes Brot mit Viertelteilung) wurde mancherorts zu Ostern gebacken. Auch von ihm versprach man sich heilende und Unheil abwehrende Wirkung. Kreuzdorn (Rhamnus catharica) hat seinen Namen von den kreuzweise stehenden Dornen. Man brachte ihn mit der Dornenkrone in Verbindung und wollte damit Hexen vertreiben. Die Beeren dienten als Abführmittel und zur Herstellung grüner Malerfarbe. Der Kreuzhirsch tritt in Legenden der Heiligen Eustachius und Hubertus auf. Kreuzkraut (Greiskraut, Senecio vulgaris) ist ein Korbblütler, dessen Genuss schwere Vergiftungen hervorruft. Trotzdem wurde es in der Volksmedizin (unter Anruf heiliger Namen) verwendet. Der Kreuzschnabel(Loxia curvirostra) hat einen besonders geformten Schnabel, um an die Samen der Nadelbäume zu gelangen. Legendär zog er die Kreuzesnägel heraus, wobei sich der Schnabel verformte und der Vogel auf der Brust einen roten Fleck bekam. Man hielt ihn als Stubenvogel, da er gegen Krankheit und Blitze helfen sollte. Kreuzstein nannte man den grau-schwarzen Chiastolith, der durch sich kreuzende Kristalle auffällt und Kohlenstoffeinschlüsse enthält. Er diente als Schmuckstein und zu magischen Anwendungen. Kreuzweg bezeichnet nicht nur die Passionsdarstellungen in den Kirchen und die Andachten, die in der Fastenzeit dort gehalten werden, sondern auch Weggabelungen. Diese galten als Geistersitz gefährlich, waren aber auch beliebte Zauber- und Orakelstätten.


Quellen:
Udo Becker: Herder Lexikon der Symbole. Freiburg/Br. 1992. S. 154 f.
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 475
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1933/1987. Bd. 5/Sp. 478 f.
Protokolle zur Liturgie (Hg. Rudolf Pacik, Andreas Redtenbacher). Würzburg 2007. S. 18
Wiener Zeitung 19./20. 3. 2011
Kreuze in Schulen
Kreuze in Kindergärten

Bild: Meditationsgarten in Thaya (Niederösterreich). 1990 wurden bei der Pfarrkirche nahezu 100 Gusseisenkreuze aus dem 19. Jahrhundert neu angeordnet. Statt Namen der Verstorbenen tragen sie Gebetstexte. Foto: Alfred Wolf