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Kunstbilletts#

Glückwunschbillett, 19. Jh. Gemeinfrei
Glückwunschbillett, 19. Jh. Gemeinfrei
Graphisch gestaltete Bildchen und kalligraphische Blätter waren um 1800 beliebte Gaben in den Kreisen der Wiener Bürger. Man schenkte sie zur Erinnerung an Familienfeste wie Taufe, Hochzeit und Begräbnis. Eine "typisch biedermeierliche" Spielart waren die Glückwunsch- und Neujahrskarten, die in Wien von etwa 40 Verlagen hergestellt wurden, wobei sich besonders der Kunsthändler Johann Hieronymus Löschenkohl (1753-1807) einen Namen machte. Er annoncierte 1786 in der "Wiener Zeitung": "zierliche, feine, auf alle Umstände passende poetische Neujahrswünsche … theils auf Seide, theils auf Papier gedruckt". 

Die "Wiener Kunstbilletts" aus dem Biedermeier waren etwa 7 x 9 cm groß, mit zartem Zierat und einem gedruckten Vers in goldlackiertem (oder echtem Metall-)Rahmen kunstvoll gestaltet. Materialien wie Kork, Glas, Spiegel, Perlmutt und Elfenbein fanden Verwendung. Stilleben, Ornamente, Blumensträußchen, Kränze, Vasen, Figuren, Landschaften und Genreszenen bildeten die Dekorationen. Als Spezialität galten bewegliche Zugkarten. Die Ethnologin Reingard Witzmann fand Vorgänger im Kleinen Andachtsbild und Klosterarbeiten. Nach der Aufklärung wurden die Bürger religionskritisch: "Das Christkind machte eine Metamorphose zum Amor durch … das Heiligenbild wurde abgelöst von einer 'weltlichen Bilderflut', einer Kunst ohne Religion. In der neuen, säkularisierten Welt war einzig die 'Liebe' der Menschen untereinander als das 'Heilige' verblieben." 

Zahlreiche Symbole änderten ihre Bedeutung, wie die Rose, die früher Maria vorbehalten war. Die Freimaurer übernahmen des Auge im Dreieck vom "Auge Gottes". Unter Freunden war es eine besondere Auszeichnung, eine "Augenkarte" zu erhalten. Verschlungene Hände dokumentierten Gleichberechtigung und Brüderlichkeit. Die Zahl Drei wurde zum Abbild des irdischen Glücks und Kürzel für "Treue". Nach dem Wiener Kongress (1814/15) rückten die Gefühle in den Hintergrund und die Symbole wurden realistischer: Ein Bienenkorb stand für "Fleiß bringt Reichtum", Rosen für "Gewinn für Mühe". Der neu aufkommende Kartentyp wurde durch Johann Endletsberger (J.E.) zur Perfektion gebracht.


Quellen:
Reingard Witzmann. Freundschafts- und Glückwunschkarten aus dem Wiener Biedermeier. Dortmund 1979
Wiener Kunstbilletts. In: SammlerJournal. Schwäbisch Hall 1984. S. 120 f.