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Helga Maria Wolf

Lostage und Wetterregeln#

Ein Kalender verzeichnet, nach Monaten und Tagen geordnet, alle beweglichen und unbeweglichen Feste im Lauf eines Jahres. Bis in die Reformationszeit des 16. Jahrhunderts war es im alltäglichen Gebrauch üblich, statt numerischer Datumsangaben die Heiligenfeste anzugeben. Bezeichnungen wie Leopoldi, Martini oder Stephanitag haben sich in der Umgangssprache erhalten. Sie waren oft mit Wetterregeln verknüpft und mit Symbolen der Heiligen im Bauernkalender abgebildet. Bis heute bekannt ist der „Steirische Mandlkalender“, der erstmals 1708 erschien.

Auch ein anderer populärer Kalender kam damals auf den Markt, der so genannte Hundertjährige. Den Namen erfanden geschäftstüchtige Verleger, die das ein halbes Jahrhundert zuvor ernsthaft verfasste Werk mit fehlerhaften und unvollständigen Texten verbreiteten, sodass man 300 Jahre lang auf Prophezeihungen schwor, die eigentlich nichts anderes waren als Druckfehler. Ursprünglich war der "hundertjährige" ein siebenjähriger Kalender, verfasst vom gelehrten Abt Mauritius Knauer (um 1614-1664) vom Kloster Langheim im Bistum Bamberg. Nach dem 30-jährigen Krieg wollte er dessen Landwirtschaftsbetrieben wieder auf die Sprünge helfen. 1652-1658 stellte er Wetterbeobachtungen an, die bei der Terminwahl für Aussaat und Ernte helfen sollten. Der "beständige Hauskalender" ging von einer Beziehung des Wetters zu den sieben Planeten aus, das sich, so die Annahme, alle sieben Jahre wiederholen sollte. 2012 wäre ein "Merkurjahr": "mehr trocken als feucht, aber auch mehr kalt als warm. Leider ist ein Merkurjahr selten fruchtbar." Lostage oder Bauernregeln enthält dieses Werk keine.

Die - mit Prophezeiungen verbundenen - Lostage verdanken ihre Bezeichnung dem Befragen von Orakeln an brauchtümlich wichtigen Tagen (mhd. losen - hörend achtgeben). Es ging um Rechtsbräuche und Wetterprophezeiungen. Bestimmte Gedenktage markierten Einschnitte im Jahreslauf, wie: „Mariae Verkündigung bläst das Licht aus, Sankt Michael zündet es es wieder an.“ Zwischen 25. März und 29. September arbeitete man bei Tageslicht. Zu Martini (11. November) erhielten die Arbeiter in den Weingärten eine "Lesgans", die Gesellen der Handwerker eine "Lichtgans" als zusätzlichen Lohn. Pankratius, Servatius und Bonifatius gelten als „Eismänner“. Erst danach erscheint die Frostgefahr gebannt.

Etliche Wetterregeln stammen aus der Antike und wurden im Mittelalter für den klösterlichen Gartenbau übernommen. Manche sind meteorologisch belegbar, manche lokal begrenzt und “nicht wenige entstammen mythischer Phantasie, wobei eine urwüchsige bilderreiche Sprache, kräftiger Humor und einfache Stilmittel die Wetterregeln einprägen helfen“, wie das Wörterbuch der Deutschen Volkskunde formuliert. Vielen liegt der alte Julianische Kalender zugrunde. Die Kalenderreform des Papstes Gregor XIII. bestimmte, 1582 zehn Tage auszulassen, sodass auf den 4.Oktober 1582 der 15.Oktober folgte. Diese Änderung blieb bei den Wetterregeln oft unberücksichtigt. Viele finden sich um 1500 in Bauernpraktiken, Einblattdrucken mit Regeln, die Bauern das ganze Jahr beachten sollten. Teilweise waren die Sprüche astrologisch beeinflusst, teils entsprachen sie langjähriger Erfahrung. Von besonderer Bedeutung war die 1508 vermutlich in Augsburg erschienene Bauernpraktik, die dem Landwirt in allen Fragen seines Alltags Rat und Weisung geben wollte, vor allem im Hinblick auf das Wetter. Die wichtigsten Lostage für Saat, Wachstum und Ernte darin sind: Neujahr (1.Jänner), Dreikönigstag (6. Jänner), Lichtmesstag (2. Februar), St. Matthias (24. Februar), St. Markus (25. April), Philipp und Jakob (3. Mai), Johannistag (24. Juni), Jakobi (25. Juli), Matthäi (21. September), Michaeli (29.9.), Martini (11. November), St. Andreas (30. November), Nikolaus (6. Dezember) und die "Zwölften" zwischen Weihnachten und Dreikönig.

Zu den ältesten meteorologischen Volksbüchern zählt das Wetterbüchlein von Leonhard Reynmann, das erstmals 1505 erschien und bis 1538 17 verschiedene Ausgaben erreichte. Es war - sogar in Übersetzungen - bis in das frühe 19. Jahrhundert weit verbreitet. Auch andere Autoren wollten ihren Zeitgenossen Hilfestellungen geben. So hat der Organist des Schottenklosters Johann Rasch 1582 ein „Weinbuch“ veröffentlicht. Seine Sammlung von Bauernregeln, Lostagen und Hauergewonheiten ist für spätere Volkskundler "eine kleine Fundgrube" geworden wie Leopold Schmidt im Standardwerk "Volkskunde von Niederösterreich" feststellt. Gleiches gilt für den Landedelmann und Dichter Wolfgang Helmhard Frh. v. Hohberg (1612-1688), der in den 1680-er Jahren über adeliges Land- und Feldleben ("Georgica Curiosa…") schrieb. Seine Erfahrungen wurden in vielen Kalendern verbreitet und haben generationenlang weitere Druckwerke und die mündliche Überlieferung beeinflusst.

Mehrfach haben sich Meteorologen mit den bäuerlichen Wetterregeln befasst. So meinen Andreas Jäger und Manfred Bauer-Mirecka in ihrem Buch "Das Wetterjahr in Österreich", Bauernregeln könnten statistisch nicht untermauert werden. Wenn sie in zwei von drei Fällen zutreffen, müsse man zufrieden sein. Außerdem sollte man nicht von Lostagen, sondern von Witterungsphasen sprechen, und die gibt es ja wirklich. Die schlichten Verse der Bauernregeln haben immer wieder Parodisten - "Liegt das Huhn flach auf dem Teller, war der Traktor wieder schneller" - und Werbetexter auf den Plan gerufen. So ließ sich 2009 die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt von den Sprüchlein inspirieren: "Ein kleiner Sturz zur falschen Zeit, verursacht großen Schmerz und Leid", "Ist der Boden glatt wie nie, wird er leicht zur Rutschpartie." Die Anstalt führte den Rückgang der Arbeitsunfälle durch Sturz und Fall um 5 % auf diese Kampagne zurück.

Erschienen in der Zeitschrift "Granatapfel", 2011