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Helga Maria Wolf

Maria und die „Volksfrömmigkeit“#

Maria Taferl, Kleines Andachtsbild, 19. Jh. Gemeinfrei
Maria Taferl, Kleines Andachtsbild, 19. Jh. Gemeinfrei

Die so genannte Volksfrömmigkeit kam nicht vom gläubigen Volk allein. Sie wurde von kirchlichen Obrigkeiten vorgegeben und entwickelte häufig eine Eigendynamik, mit der die Initiatoren nicht mehr einverstanden waren. Ein typisches Beispiel ist die Marienverehrung, die oft mit Wallfahrten verbunden ist - beginnend bei der Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen (um 747-814). Anno 800 überbrachte der Patriarch von Jerusalem dem Kaiser Reliquien vom „Ort der Auferstehung“. Die erste „Aachenfahrt“ fand nach der Fertigstellung des Marienschreins 1239 statt, seit 1349 erfolgt die Heiligtumsfahrt im Siebenjahresrhythmus. Man zeigt den Pilgern wertvolle Textilien, wie "das Kleid Mariens" und "die Windeln Jesu". Zahlreiche Wallfahrer erbaten sich im Zeichen der Reliquien Schutz, Hilfe und Fürbitte in ihren Anliegen. Herrschaftlich geförderte Marienverehrung, Prozessionen zu den Festen und der Reliquienkult führten im Lauf der Jahrhunderte zu Übertreibungen. Über die Volksfrömmigkeit im ausgehenden Mittelalter, am Vorabend der Reformation schrieb der deutsche Historiker Klaus Guth: „In seiner Sehnsucht nach Heil und seinem rechnenden Kalkül nach Heilsgewissheit setzte man auf die scheinbare Kraft der Zahl religiöser Handlungen…eine vielfach krankhafte Sucht nach Wunder und Wallfahrt … musste von der offiziellen Kirche immer wieder korrigiert werden.“

Die "Volksfrömmigkeit" transzendierte Alltagserfahrungen: "Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst“, war eine weit verbreitete Weisheit. Zum König drang der Untertan nicht vor, noch weniger zu Gott. In dieser Vorstellungswelt brauchte man Fürsprecher, Nothelfer, und als mächtigste die Himmelskönigin, Maria. Ihre Mittlerrolle zwischen Gott und den Gläubigen zeigen schon byzantinische Mosaiken des 9. Jahrhunderts. Noch viel später, in der Barockzeit, entsprach Maria als Fürstin und Herrin der Vorstellung von absolutistisch geordneter Herrschaft und Macht.

Im 13. bis 16. Jahrhundert war die Darstellung als Schutzmantelmadonna (Mater omnium) bekannt. Die große, stehende Figur, die das Jesuskind hält oder die Arme ausbreitet, birgt viele kleine Figuren unter ihrem geöffneten Mantel. Als im späten Mittelalter die Pest grassierte, erklärte man diese als Strafe, mit der ein zürnender Gott (Vater oder Sohn) in Form von Blitzen die Menschheit heimsuchte. Sie prallen am Schutzmantel der Madonna ab, die um Erbarmen für die sündige Menschheit fleht. Jüngeren Datums ist eines der bekanntesten Marienlieder, "Maria breit den Mantel aus". Es erschien 1640 mit 29 Strophen in Innsbruck. Die Geste des Mantelschutzes stammt aus dem juristisch-weltlichen Bereich: Kinder wurden legitimiert und adoptiert, indem sie die Vater unter seinen Mantel nahm. Hochgestellte Frauen konnten Verfolgten unter ihrem Mantel Schutz gewähren und für sie um Gnade bitten. Ordenspriester wie Zisterzienser, Franziskaner oder Dominikaner predigten über Visionen, in denen die Gottesmutter auf diese Weise verstorbene Mitglieder beschützt. Die Ordenspropaganda deckte sich mit der Alltagserfahrung des frommen Volkes: Der Vater straft, die (Himmel-) Mutter hilft.

Auf dem Konzil von Ephesos (431) erhielt die hl. Maria den Titel "Gottesgebärerin". Als der deutsche Kunsthistoriker Karl Kolb Mariendarstellungen aus einem Jahrtausend - von der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts bis zur Fatima-Madonna zur Zeit des Ersten Weltkriegs - untersuchte, fand er 34 Typen, zwei Drittel (21) zeigten Maria mit dem Jesuskind.

Für gläubige Frauen lag die Identifikation mit der Muttergottes nahe, von Frau zu Frau konnten sie mit ihr sprechen und im Gebet Vertrauen haben. Sie vertrauten ihr in allen Anliegen, die mit Kindern zu tun hatten wie Schwangerschaft, Geburt und Krankheiten - was angesichts der hohen Mütter- und Kindersterblichkeit früherer Tage nur zu verständlich erscheint. Manche "Hilfsmittel" bewegten sich am Rand zwischen kirchlich erwünschter und privater Frömmigkeit, die manche als Aberglauben bezeichnen. Darunter fallen die Lichtmesskerzen, die an dem (jetzt Darstellung des Herrn genannten) Fest am 2. Februar in der Kirche geweiht wurden, oder Devotionalien, die man zum Priester brachte, damit er ein Segensgebet darüber sprach, wie Gebetbücher, Rosenkränze, Heiligenbilder, -figuren oder Medaillen. Es gab sie in Klöstern, wie im Salzburger Loretokloster, wo man "Loretokindln" (Wachsnachbildungen einer Jesulein-Figur) oder Fraisenhauben kaufen konnte. Der barocke Heilbrauch gegen Krämpfe der Kinder bestand im Auflegen von Kopfbedeckungen aus Leinen oder Seide, die mit marianischen Gnadenbilder bedruckt waren. Stände rund um Wallfahrtskirchen boten reiche Auswahl an volksfrommen Devotionalien, wie die "Wahrhafte Länge Mariens". Das waren in lange Streifen aneinandergeklebte Gebetszettel, die sich Mütter vom 17. bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts „in Kindsnöten“ auf den Leib legten.

Mangels ärztlicher Versorgung stellten sie ihre Kinder unter den besonderen Schutz Mariens. Da verschiedene Kinderkrankheiten unerforscht waren, sprach man einfach vom Fieber oder von den Fraisen. Außer den Hauben sollten dagegen die Fraisenkette aus Rosenkranzperlen oder ein „Breverl“, ein kunstvoll gefalteter Schutzbrief mit Gebeten, Symbolen, Marienbildern in einem verzierten Beutel helfen. Diesen legte man dem Kind unter den Kopfpolster, um es vor Krankheit, dem "bösem Blick" oder dem "Verschreien" zu schützen. Seit dem Mittelalter gab es Marienmünzen und Medaillen als Wallfahrtssouvenir und Pilgerzeichen, die auch als Amulett dien(t)en. Im 19. Jahrhundert wurde die Medaille selbst zum Gnadenbild: Die „Wundertätige Medaille“ zeigt die Immaculata mit ausgebreiteten Armen. Das Bild erinnert an die Schutzmantelmadonna. Zwar befinden sich keine Beter unter dem Mantel, doch lautet die Umschrift: „O Maria ohne Sünde empfangen bitte für uns die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen“. Anlass war eine Marienerscheinung von Catharina Laboure 1830 in Paris.

Viele Beter hängen die wunderbare Medaille an ihren Rosenkranz. Die Gebetszählschnur ist eines der meist benutzten Kultgeräte in der katholischen Bevölkerung. Die entscheidende Entwicklung des Rosenkranzgebets erfolgte um 1400 in krisenhafter Zeit: Die Ordnungen des Mittelalters zeigten Auflösungserscheinungen, Hunger und Pest bedrohten die Menschen. Während der Kirchenspaltung (1378 bis 1417) regierten zeitweise drei Päpste, dementsprechend rivalisierten Bischöfe und Orden. Das Rosenkranzgebet ermöglichte in dieser Zeit des Verfalls der kirchlichen Institutionen dem einzelnen Gläubigen persönliche Frömmigkeitsausübung und war ein gemeinschaftsstiftendes Element jenseits der Parteiiungen. 1409 zergliederte der Karthäuser Dominicus von Preussen das Leben Jesu in 50 kurze Sätze und verband diese mit den 50 Ave Maria. Die Dominikaner, die den Rosenkranz als Gemeinschaftsgebet einführten, verbreiteten die Legende, dass die Muttergottes ihren Ordensgründer, den hl. Dominikus (1175-1221) das Gebet gelehrt habe. Ende des 15. Jahrhunderts war dieses die attraktivste Gebetsform überhaupt, wie auch während der Gegenreformation. Um 1600 erhielt es seine heutige Form. Zum freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranz kam 2002 der lichtreiche. Die kostbar gearbeiteten Gebetszählschnüre galten auch als Schmuckgegenstand. Sie waren Geschenk, Statussymbol, wurden an Wallfahrtsorten geopfert - viele Marienbilder sind mit hunderten Rosenkränzen behängt- zu Hochzeiten und Begräbnissen gegeben. Das Material der Perlen - außer Holz oder Glas auch Halbedelsteine, Korallen, Gold, Silber oder Natternwirbel - hatte zudem symbolischen Charakter. Manchen unterstellte man magische oder Zauberkräfte - womit das Kultgerät in die Nähe von Amuletten rückte. Es galt als Unheil abwehrend, sollte Spukgestalten vertreiben, schwangere Frauen und Kinder vor Behexung schützen, Krankheiten heilen, helfen, Schätze zu finden und im Liebeszauber als Bindemittel von Nutzen sein. So wurde eine Sakramentalie in den weiteren Sinn- und Wirkungszusammenhang von Magie und Zauber gestellt, in dem sich die Volksreligiosität ihre Zusatzversicherungen einrichtet.

Erschienen in der Zeitschrift "Granatapfel", 2011