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Marterlsprüche#

Marterl, meist in Kreuzform und mit Fotos, erinnern an Verunglückte. Angehörige schmücken die kleine Erinnerungsstätte mit Blumen und Kerzen - oft an einer Straße, wo sich in jüngster Zeit ein tödlicher Verkehrsunfall ereignet hat.

Während dies dem trauernden Gedächtnis dient oder Passanten zum Gebet aufrufen soll, wirken Sammlungen sogenannter Marterlsprüche eher komisch. Viele wurden - im "Volkston" oder Dialekt - von Bürgern erfunden. So berichtet die ortskundliche Forschung, dass der erste Bundespräsident der Republik Österreich, Michael Hainisch (1858-1940) in Erinnerung an ein Ereignis von 1859 den Spruch am "Luiserlkreuz" verfasste. Dieses steht in 1400 m Seehöhe am Stuhleck, in der Nähe der Schwaigerhütte bei Mürzzuschlag (Steiermark). Hainisch führte ein landwirtschaftliches Mustergut in Spital am Semmering, widmete sich der Volksbildung und war volkskundlich interessiert. 

"Im Stoanbachgraben rast alles aus, / nur´s klane Luiserl bleibt zuhaus. / Des Luiserl war drei Jahr erst alt, / der Weg war weit, der Wind blast kalt. / S´ war dumm, das Kind zur Kirch` mitnehma, / zur Jaus´n werd´n mia wiederkemma. / Zur Jaus´n kummt die Mutter her,/ sie findt´ das Luiserl nimmer mehr. / Und wia sie schreit und ummaschickt, / des Luiserl, des hat neamd erblickt. / Des Luiserl ist nach da Mutter g´rannt, / den Kirchenweg, den hat´s verkannt. / Den Almsteig is´ hoch auffig´stieg´n / im tiafn Schnee, da bleibt´s jetzt lieg´n. / Des Luiserl hat der Schnee verwaht, / die Bahna hat da Fuchs verzaht / Und von dem ganz´n liab´n Ding, / ist nur das Häuberl übrig bliebn."

Im Jahr 2006 ließ ein Jagdpächter im Rofangebirge (Tirol) ein Marterl für einen Ziegenbock, den ein Jagdgast irrtümlich erschossen hatte, errichten und feierlich einweihen. Auf der Inschrift heißt es u.a.: "... Hätt's den Bock doch leben lassen, müssten wir sein Schicksal nicht in Verse fassen ..."

Ähnlich wie Marterlsprüche haben die so genannten Bauernregeln (Wetterregeln) humorvolle Nachahmung gefunden. "Ist's zu Silvester kalt und klar, dann kommt bestimmt ein neues Jahr". Parodien erfreuen sich bis in die Gegenwart gewisser Beliebtheit: "Liegt das Huhn flach auf dem Teller, war der Traktor wieder schneller" (um 1987). Die AUVA-Kampagne gegen Sturz- und Fall-Unfälle knüpfte 2007 bis mit witzigen Plakaten an diese Sprüche an, wie: "Kabel auf dem Boden quer - fertig ist das Sturz-Malheur", "Ist zu nass die Reinigung, folgt am Fuß die Peinigung", "Wenn Schwämme durch die Klasse flutschen, ist es leicht, drauf auszurutschen", "Ein kleiner Sturz zur falschen Zeit, verursacht großen Schmerz und Leid", "Ist der Boden glatt wie nie, wird er leicht zur Rutschpartie." Die Unfallversicherung führte den Rückgang der Arbeitsunfälle durch Sturz und Fall um 5 % auf diese Kampagne zurück.


Quellen: 
Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992-1997. Bd. 3/S. 29 f.
Frdl. Mitteilung von Dr. Eberhard Kummer
Geißbock-Marterl
Marterlsprüche