Milieu#

Der Etymologie-Duden definiert Milieu als "Umwelt, Lebensumstände: Im 19. Jh. aus gleichbed. frz. 'Milieu' entlehnt. Aus frz. 'mi' mitten, mittlerer und 'lieu' Ort, Stelle, Lage, Umstand, usw." Im Wörterbuch der Rechtschreibung zeigt sich hingegen ein abwertender Beiklang: “Schweiz. auch für: Dirnenwelt ... milieubedingt, milieugeschädigt, Milieuschaden ...“ 

Der deutsche Soziologe Gerhard Schulze hat dem Wort seine neutrale Bedeutung zurückgegeben. 1992 veröffentlichte er die Ergebnisse einer in Nürnberg durchgeführten Untersuchung unter dem Titel “Die Erlebnisgesellschaft“. Schulze teilt die Bevölkerung je nach Lebensstil in fünf Milieus ein, nennt aber keine Prozentanteile. Im Zusammenhang mit Bräuchen ist dieser Ansatz interessant, da sich die Frage stellt, welche Feste wie für wen inszeniert werden. Weil die Interessen verschieden sind, kann es keine "Bräuche für alle" geben. Ein Musikantenfest ist etwas anderes als das Neujahrskonzert der Philharmoniker. Großevents wie das Donauinselfest umfassen meist differenzierte Angebote. 

  • Niveaumilieu: Menschen über 40 mit Studium oder Matura, gehobenem Einkommen, gediegener Kleidung und Wohnung, im Wahlverhalten eher rechtsliberal. Beruflich als “Kopfarbeiter“ tätig. In ihrer Freizeit bevorzugen sie klassische Musik, lesen gern anspruchsvolle Literatur und “verachten“ Fernsehen. 
  • Integrationsmilieu: Menschen über 40 mit Matura, leben in stabiler Ehe, besitzen ein Reihenhaus mit kleinem Garten, fahren einen Mittelklassewagen, politisch eher rechts stehend. Beruflich als Beamte oder ähnliches tätig. In der Freizeit bevorzugen sie Grillpartys, gehen gelegentlich ins Theater, sind Mitglied einer Buchgemeinschaft und mögen Fernsehshows. 
  • Harmoniemilieu: Menschen über 40. Die Mietwohnung in einem Altbau wird mit “Kristallglas und gefütterte Pantoffel“ charakterisiert. In der Freizeit bevorzugen sie Blasmusik und Heimatfilme. Sie sehen viel fern und essen am liebsten Hausmannskost, was sich in sichtbarem Übergewicht niederschlägt. 
  • Selbstverwirklichungsmilieu: Menschen unter 40 mit Studium oder Matura, politisch im linksliberal-grün-alternativen Spektrum zu finden, in sozialen oder Lehrberufen tätig. In der Freizeit pflegen sie einen großen Freundeskreis, interessieren sich für Psychotherapie, Jazz, Kino, Zen-Buddhismus, Yoga und lieben vegetarisches Essen. 
  • Unterhaltungsmilieu: Menschen unter 40. Beruflich z.B. als Industriearbeiter tätig. In der Freizeit sind sie viel unterwegs, treiben Sport, surfen, fahren Motorrad, besuchen Discos und Rockkonzerte. Wenn sie fernsehen, dann am liebsten Krimiserien und Autorennen. Sie trinken gern harte Getränke und Bier. In dieser Gruppe findet man viele Raucher und Politikverdrossene. Es ist diejenige, der Schulze in Hinkunft kulturelle Dominanz zuschreibt.

In einem der jüngsten Werke zur Europäischen Ethnologie spricht sich der deutsche Kulturwissenschaftler Dieter Kramer für die Verwendung des Begriffes aus. "Bevorzugt wird von (sozialen, sozialkulturellen, regionalen, historischen ...) Milieus statt von Klassen oder Schichten gesprochen ... Die weniger geeigneten Formeln vom 'einfachen Volk' oder gar 'Volk' werden vermieden ..."


Quellen: 
Der Große Duden, Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim 1963. S.440
Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt 1992/2005
Erlebnisgesellschaft
Dieter Kramer: Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften. Marburg 2013. S. 12