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Helga Maria Wolf

November#

Bevor sich die Natur unter die dicken, weißen Schneedecke zur Ruhe begibt, ist die Zeit der dunklen Tage und langen Nächte Anlass zur Besinnung. Der November beginnt mit dem Doppelfest Allerheiligen und Allerseelen, das zu unterschiedlichen Bräuchen Anlass gab und gibt.

Foto: Doris Wolf
Foto: Doris Wolf

Nach antiker Vorstellung beginnt ein Fest am Vorabend. Der Heilige Abend vor dem Christtag oder die Geburtstagsfeier am Abend vor dem Fest sind bekannte Beispiele. Vor dem 1. November galt der 31. Oktober als "All Hallows evening. Geschnitzte, beleuchtete Kürbisse zu Halloween sind mit der Sage von Jack O'Lantern verknüpft: Jack, ein trunksüchtiger irischer Schmied, überlistete den Teufel, der ihm versprechen musste, dessen Seele für alle Zeiten in Ruhe zu lassen. Wegen seines Lebenswandels blieb Jack nach seinem Tod aber auch der Himmel versagt. Daher ist die arme Seele bis zum jüngsten Tag dazu verdammt, unstet durch die Gegend zu irren. Ihr einziger Lichtblick ist die Laterne aus einem Kürbis, in dem ein Stück Kohle aus dem Höllenfeuer brennt. Die Sage zeigt auffallende Verwandtschaft mit Erzählungen, die im Zusammenhang mit der kirchlichen Lehre vom Fegefeuer standen. Der deutsche Volkskundler Alois Döring, der sich mit dem Phänomen eingehend beschäftigt hat, schreibt: "Allen populären Erklärungen zum Trotz: Halloween ist seiner Herkunft nach kein keltisch-heidnisches Totenfest. Vielmehr verweisen die Überlieferungen (irisch-amerikanische Traditionen des Totengedenkens, die Heischeumzüge an Allerheiligen als Vorbild des Kinderbrauchs oder die Jenseitsthematik der Jack O'Lantern-Legende) auf die im geschichtlich-kulturellen Ausbreitungsprozess säkularisierten Bezüge zum christlichen Totengedenkfest Allerheiligen."

Leopold Schmidt (1912-1981) nannte im Standardwerk "Volkskunde von Niederösterreich" Allerheiligen und Allerseelen "das große Doppelfest der Toten, nämlich der toten Heiligen und der toten Weltkinder". Seit dem 9. Jahrhundert feiert die Kirche das Allerheiligenfest am 1. November, an das sie seit dem 10. Jahrhundert das allgemeine Totenfest am 2. November anschloss. Im frühen Mittelalter zeigten die Klöster Verbundenheit mit ihren toten Glaubensbrüdern durch Gebete und Gedächtnisfeiern. Im Spätmittelalter wurden Friedhofsandachten und Seelenmessen mit Opfergang auch bei Bürgern und Bauern Brauch. Das Allerseelenfest war eng mit dem Fegefeuerglauben verbunden. Das Fegefeuer (Purgatorium) war eine tröstliche Konstruktion. Im Gegensatz zur Vorstellung von Himmel und Hölle, die für Sünder ewige Verdammnis vorsah, stand den Geläuterten der Weg ins Paradies offen. Zuwendungen wie Gebet, Kerzenspenden oder gute Taten sollten die Qual der Armen Seelen verkürzen. Die Erlösten wiederum konnten zu Fürsprechern der Lebenden werden. So entstand ein Modell des ständigen geistigen Austauschs zwischen Lebenden und Toten, in dem die christlichen Nächstenliebe (Caritas) einen wichtigen Platz hatte. Im Allerseelen-Spendebrauch von Naturalien nahmen Kinder und arme Leute die Stelle der Armen Seelen ein.

Das Fegefeuer als "Verdammnis auf Zeit" kommt weder in antiken Kulten noch in der Bibel vor. Jacques le Goff, einer der führenden Historiker Europas, setzt "die Geburt des Fegefeuers" im 13. Jahrhundert an. Damals wandelte sich das Weltbild des Mittelalters bezüglich Zeit und Raum, Recht und Strafe, Sünde und Gnade. Zünfte und politische Institutionen begannen mit Gesetzen und Vorschriften, Kontrolle über die Menschen zu gewinnen. Nicht nur die Arbeitszeit wurde unterteilt, sondern auch die Ewigkeit. Die Kirche formulierte die Lehre vom Purgatorium. Unter bestimmten Voraussetzungen konnte ein Ablassgebet den Armen Seelen im Fegefeuer zugewendet werden. 1858 nannte ein Dekret Pius IX. als eine Bedingung für einen "vollkommenen Ablass" das Gebet vor einem Kruzifix. Noch im 20. Jahrhundert findet man auf Sterbebildchen Stoßgebete wie "Süßes Herz Maria ! Sei meine Rettung!" mit dem Hinweis "300 Tage Ablaß" oder "Mein Jesus Barmherzigkeit" (100 Tage Ablaß). Ablass (lat. indulgentia) bezeichnet einen von der römisch-katholischen Kirche geregelten Gnadenakt, durch den zeitliche Sündenstrafen erlassen werden. Man kann ihn zu bestimmten Zeiten (z.B. Heiliges Jahr, Portiunculafest) mit Gebeten und Sakramentenempfang erwerben, bis 1567 auch durch finanzielle Zuwendungen. Der Ablasshandel war ein Grund für Martin Luthers Kritik am Katholizismus, die zur Reformation führte. "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt," spotteten seine Anhänger.

In der Barockzeit erhielt der Arme-Seelen-Kult neuen Auftrieb. Prediger wie der berühmte Abraham a Sancta Clara (1644-1709) hielten flammende Appelle. Es gab fromme Lieder, schaurige Darstellungen auf Bildern und in Kirchen, sogar eine Arme-Seelen-Lotterie. Mit einer gezogenen Nummer wurde eine Anzahl von Gebeten einer bestimmten Gruppe von Armen Seelen zugedacht. Leopold Schmidt berichtete von einem solchen "Glückshafen" aus dem Ende des 18. Jahrhunderts in Geras.

Foto: Doris Wolf
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Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2012