Orakel#

Orakel

Das seit dem 16. Jahrhundert bezeugte Fremdwort Orakel bezeichnet wie das lat. oraculum (Sprechstätte) zunächst den Ort geheimnisvoller göttlicher Weissagungen, dann den Spruch selbst. Es ist von orare (eine Ritualformel wirksam hersagen, vor Gericht verhandeln, sprechen, bitten, beten) abgeleitet. 

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens definiert Orakel als "jeden Brauch, mithilfe eines vom Menschen zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten mit bestimmten Mitteln oder unter bestimmten Bedingungen absichtlich herbeigeführten Vorganges, dessen außerhalb der menschlichen Willenstätigkeit liegendes Ergebnis als Zeichen oder Antwort aufgefasst wird, eine schwebende Angelegenheit zu entscheiden oder noch verhüllte Bezogenheiten und Verflechtungen von Geschehnissen zu enthüllen, um demgemäß sein Verhalten einzurichten." 

Bevorzugte Zeiten waren Wendezeiten des Jahres wie Weihnachten, Silvester, Andreas-, Thomas-, Dreikönigs, Johannes- und Matthiasabend und die Tage weiterer Heiliger wie z.B. Barbara oder Lucia. Als günstigste Stunden galten jene zwischen Sonnenuntergang und -aufgang oder Mitternacht. Zu den bevorzugten Orten zählten Herd, Bett, Haustor, Brunnen, Grenzen, Kirchen. Als Mittel schien nahezu alles geeignet: Feuer, Wasser, Pflanzen, Mineralien, Metalle, Tiere, Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände. Die Bedingungen sollten, wie bei jedem Zauber, vom Alltäglichen abweichen: man musste schweigen, Bewegungen verkehrt oder rückwärts machen, die Handlung dreimal vornehmen, wie überhaupt Zahlen eine gewisse Rolle spielten. 

Im alten Wien waren Orakelspiele wie das "Lösseln" (Losen) am Heiligen Abend beliebt, bis heute üblich ist das Bleigießen zu Silvester.


Quellen: 
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1935/1987 Bd. 6/Sp. 1255-1294

Bild: Wahrsagekarten, Anfang 20. Jahrhundert. Marianne Adelaide Lenormand (1772-1843) war eine berühmte französische Wahrsagerin, die auch Napoleon beraten haben soll. Ihre Künste (Horoskop, Handlesen, Kartenlegen) brachten sie in den Ruf der Zauberei. Sie starb als wohlhabende Autorin. Gemeinfrei