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Ratsche#

Ratsche

Der kirchliche Lärmbrauch findet in den Kartagen statt, wenn Kinder mit Klappern die Gebetszeiten anzeigen. Vermutlich schon im Mittelalter standen in den Kirchtürmen große hölzerne Schallgeräte mit Hämmern ("Karfreitagsglocken"). Die Turmratsche in der Wiener Michaelerkirche ist 1,81 Meter lang, 69 Zentimeter breit, 32 Zentimeter hoch und verfügt über 20 Hämmer. 2007 wurde das Instrument aus dem Jahr 1910 revitalisiert. Leopold Schmidt meinte, dass die Turmratschen möglicherweise nach dem Konzil von Trient (1545-1563) durch die kleinen Ratschen abgelöst wurden, mit denen die Ministranten umherzogen. "Mit abnehmender Frömmigkeit wuchs die Freude am Lärm, an der Gruppe … ein auch auf anderen Gebieten immer wiederkehrender Vorgang." Zunächst waren wohl Hammerklappern in Gebrauch. Drehklappern - hölzerne Ratschen mit Drehwalzen und federnden Aufschlagbrettchen - wurden als Ganzes mit der Hand oder mithilfe einer Kurbel gedreht. Neben den kleinen Fahnenratschen gab es fahrbare Schubkarrenratschen.

Das Ratschen erinnert die Bewohner an die Gebetszeiten für den "Engel des Herrn", auch Englischer Gruß oder Angelus genannt, um 6, 12 und 18 Uhr. Normalerweise riefen die Kirchenglocken zum Gebet, wenn diese wie man sagt, in den Kartagen "nach Rom fliegen", um sich den Segen des Papstes zu holen, übernahmen die Ratschen ihre Funktion. Erst anno 1571 erfand Papst Pius V. die heute übliche Form des Angelus, der aus mehreren Gebeten besteht. Darauf nehmen die Sprüche Bezug, welche die Ratscherkinder in einer Art Sprechgesang rufen: “Wir ratschen, wir ratschen den Englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss. Kniet's nieder, kniet's nieder, fallt's auf die Knie, bet's ein Vater Unser und drei Ave Marie”. Oft variierten die Sprüche nach dem Zeitpunkt. So lauten sie mancherorts am Gründonnerstag "Wir ratschen die Todesangst Christi", am Karfreitag "Wir ratschen das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi". Die Geräte, die am Donnerstag mit Heiligenbildern, Buchszweigen und Bändern aus buntem Krepppapier geschmückt waren, erhielten am Todestag schwarze Schleifen.

Als Ratscher gingen früher nur die Ministranten und andere Buben. Ihr Anführer war der Natter (von lat. Gubernator). Der Obernatter oder Meister teilte die Gruppen ein und gab den Einsatz indem er sein Gerät oder einen Stab hob. Die Subkultur der Buben sah gemeinsames Nächtigen und eine Hierarchie vor. Je nach dem Alter gliederten sie sich in "kleine", "mittlere" und "große" Ratscher, dann stiegen zum "Nachsteher" (Unternatter) und Obernatter auf. Der Dienst begann mit 14 und endete mit 16 Jahren, wenn sie in die Gruppe der Burschen wechselten. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert üben auch Mädchen den Brauch aus.

Ein Brauchelement war zu Ostern das Abklappern der Häuser. Mit einem geschmückten Korb heischten die Buben Lebensmittel, die sie aufteilten, gemeinsam verkochten und aßen oder einen Teil der Eier beim Händler verkauften. Beim Bitten um den Ratscherlohn gab es eindeutige Aufforderungen, wie "Wir ratschen, wir ratschen zur Pumpermetten, alte Weiber stehts auf und backt's Osterflecken!" oder "Die Ratscherbuben täten bitten um Geld, Eier, Flecken und einen goldenen Wecken". In Neunagelberg im Waldviertel ging die Gruppe am Karsamstag zu einem Teich, wobei die Kleinen die Ratschen trugen. Die großen Buben warfen die Geräte ins Wasser, die jüngeren mussten sie herausholen und für das nächste Jahr aufbewahren.

Bild 'Ratschen 2015'

2014 trug die "Kronen-Zeitung" mit einer umfangreichen Fotoreportage zur Popularisierung des Brauches bei. Schon zuvor dichtete der Wiener Maximilian Roland in einer Leserzuschrift: "Ratschen ist ein alter Brauch,/ die Kinder tun's gern, und daher tun sie es auch./ Sie fangen spät am Gründonnerstag an/ und ratschen eifrig bis Karsamstag dann./ Mit wenig Rast und Ruh tun sie es andächtig, aber heiter,/ denn Gott ist stets ihr Wegbegleiter./ Die Kinder ersetzen die schweigenden Glocken,/ und daher haben sie wenig Zeit, um vor dem Computer zu hocken./ Sie rufen die lieben Leut zum Kirchengang und Gebet,/ wohin ein jeder Christ geht./ Sie opfern für Christus ihre kostbarste Zeit,/ sie werden auch belohnt und zum Osterfest stehen österliche Überraschungen bereit!"


Seit 2015 steht der vorösterliche Lärmbrauch auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Der Antrag kam aus der Steiermark. Der Initiator, Tischlermeister Franz Ederer aus St. Kathrein am Offenegg, ist einer der letzten Ratschenbauer Österreichs. Er stellt mehr als 30 verschiedene Modelle her.

Im übertragenen Sinn meint "ratschen" so viel wie tratschen, ausgiebig miteinander reden. Im Buch "Heroica" von Claudius Pradinus (Antwerpen, 1562) heißt es: "Ungelegenes und leeres Geschwätz kann einer Ratsche und ihrem Klange bestens verglichen werden."


Weiterführende Informationen:#

Essay über den Ratschenbauer

Quellen:#

Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. Bd. 2/S. 204 f., 539
Werner Galler: Ostern in Niederösterreich, 1975 Kronen-Zeitung 20.3. und 6.4. 2014 Turmratsche
Gustav Gugitz: Das Jahr und seine Feste im Volksbrauch Österreichs. Wien 1950 (2 Bände), I/169
Michaelerkirche
Ratschenbauer

Bilder:#

Schubkarrenratsche aus dem Marchfeld (Niederösterreich). Foto: Alfred Wolf, 1985
Ratschen in einem Geschäft für liturgische Ausstattung, Wien 1, Foto: Doris Wolf, 2015