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Reliquie#

Märtyrerreliquien in der Mariahilfer Kirche, Wien 6. Foto: Doris Wolf, 2013
Märtyrerreliquien in der Mariahilfer Kirche, Wien 6. Foto: Doris Wolf, 2013

Reliquien (lat. reliquiae - Hinterlassenschaft, Überbleibsel) göttlicher oder heiliger Personen werden wegen der ihnen zugesprochenen Wunderkraft verehrt. Ihr Besitz war mit Machtansprüchen verbunden. So nahm der Kult der Heiligen Drei Könige mit der Übertragung der angeblichen Gebeine von Mailand nach Köln (1164) starken Aufschwung. Man verwahrte die Reliquien im kostbarsten Schrein des Mittelalters und nahm sie zum Anlass für den Bau des Kölner Doms. 

Obwohl die Kirche schon um die erste Jahrtausendwende den Reliquienhandel verboten hatte, ließ er sich nicht verhindern. Außerdem gab es den "frommen Diebstahl" (pia fraude), bei dem Körperteile und Kleidung aus Heiligengräbern entwendet wurden. 1215 erließen die Lateransynode, 1545-63 das Tridentinische Konzil entsprechende Verbote. Der Reliquienkult, der zu den Ursachen der Reformation zählte, erfuhr durch die Bemühungen der Gegenreformatoren neuen Aufschwung. Oft wurde einem "angerührten" Gegenstand dieselbe Wirkung wie dem Original zugesprochen. Die Frage nach der Authentizität der Reliquien, die den Glauben "greifbar" machen konnten, stellte sich den Gläubigen nicht. 

In Wien errichtete man 1483 nächst dem Stephansdom ein eigenes Gebäude für die Reliquien und Kirchenschätze, den Heiltumstuhl. Von seinem Arkadengang aus bekamen die Gläubigen alljährlich in der Oktav der Kirchweihe und zu Ostern die Heiligtümer gezeigt. Im 16. Jahrhundert wurde ein Großteil der Schätze eingeschmolzen und der Erlös für die neue Stadtmauer verwendet. Der Heiltumstuhl stand bis 1700. Rund ein Zehntel der Reliquien - wie Teile des Kreuzes, der Dornenkrone oder der Geißelsäule Jesu - blieb erhalten und befindet sich seit 1900 in der ehemaligen Valentinskapelle des Domes, der oberen nördlichen Westkapelle. 

Auch 2015 spielt die Reliquienverehrung noch eine Rolle. So wird das Turiner Grabtuch („La sacra Sindone“) der Öffentlichkeit zwei Monate Land im Turiner Dom präsentiert.Der Stoff wird von vielen Gläubigen als Grabtuch Jesu verehrt und ist selten in der Öffentlichkeit zu sehen. Bisher wurde es erst elfmal ausgestellt. Zu der bis dato letzten Ausstellung 2010 waren Millionen Menschen nach Turin geströmt, darunter auch Papst Benedikt XVI.

Seit 1994 ist der Reliquienschrein der heilige Therese von Liseiux (1873 bis 1897)ist auf allen Kontinenten auf "Missionsreise". Die "kleine heilige Theresia" trat mit 15 Jahren in den Orden der Karmelitinnen in Lisieux ein. Sie starb im Alter von 24 Jahren und wurde 1925 heilig gesprochen. 1997 ernannte sie Papst Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerin. In Österreich kommt der Schrein nach St. Pölten, Wien, Mayerling, Heiligenkreuz, Graz und Klagenfurt, Innsbruck, Feldkirch, Rankweil und Lustenau, dann reist er in die Schweiz und nach Frankreich weiter.

Zum ersten Mal seit mehr als 1.000 Jahren haben im Mai 2015 die auf der Insel Burano in der Lagune von Venedig aufbewahrten Reliquien der frühchristlichen Märtyrerin Barbara Italien verlassen. Sie wurden mit einem Sonderflugzeug nach Athen gebracht und auf dem Flughafen der griechischen Hauptstadt mit den Ehren eines Staatsoberhaupts empfangen. Die heilige Barbara, die vermutlich Ende des 3. Jahrhunderts im kleinasiatischen Nikomedia (Izmit) als Märtyrerin starb, zählt sowohl in der katholischen als auch in der orthodoxen Kirche zu den populärsten Heiligen. Im Jahr 1003 übergab der oströmische Kaiser Basilios II. dem Dogen Dogen Pietro II. Orseolo die Reliquien. Beobachter sprachen jetzt von einer Wiederaufnahme der „Ökumene der Reliquien“, die unter Papst Paul VI. in den sechziger Jahren zur Überwindung der traditionellen Abneigung der Orthodoxen gegen die katholische Kirche beigetragen hatte.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 671 f.
Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1994. Bd. 3/S. 120
Stephansdom
Grabtuch
Theresia
Barbara


Siehe auch:
--> 1935