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Rites de passage#

Rites

Neben den Bräuchen im Jahreskreis spielen Übergangsriten im Lebenslauf eine Rolle. Der belgisch-französische Ethnologe Arnold van Gennep (1873 - 1957) hat für die Schwellenbräuche im Lebens- und Jahreslauf den Begriff Rites de passage geprägt. 

Er unterschied 1909 (deutsch: 1986) drei aufeinander folgende Zustände: (1) Trennung - die Phase der Ablösung vom vorherigen Zustand, (2) Schwelle / Zwischenstufe / Liminalität - die gefährliche Phase zwischen "schon" und "noch nicht", problematische Zeit der Rollenlosigkeit, in der die neue Identität angeeignet werden soll, (3) Umwandlung / Wiederaufnahme - die Phase der Neuintegration. 

Es erhebt sich die Frage, ob van Genneps Dreischritt-Modell aus dem Jahr 1909 (deutsch: 1986) ein Jahrhundert später den komplexen gesellschaftlichen Strukturen noch angemessen ist. Die Übergänge haben zugenommen, sind aber immer weniger eindeutig geregelt. Der Marburger Brauchforscher Andreas Bimmer nennt als Beispiel die Einschulung: Für das Kind wird nur eine seiner vielen Teilwelten neu. Schulbeginn ist kein Eintritt in eine neue gesellschaftliche Sphäre (mehr).

Lebensgeschichtliche Übergänge waren und sind immer von gemischten Gefühlen begleitet. Es herrschen Hoffnung, Erwartung und Freude, Unsicherheit, Angst und Zweifel. Rituale können helfen, die Übergange in eine offene Zukunft besser zu bewältigen. Zu den klassischen Lebensstationen, deren Übergänge z.B. die sieben Sakramente der katholischen Kirche markieren, sind weitere gekommen. Neue Rituale begleiten Ereignisse, die im Leben früherer Generationen keine Rolle spielten, wie Führerscheinerhalt, Scheidung, Berufswechsel, Pensionierung.

Schwellenfeste im Jahreslauf waren der Aschermittwoch und Martini bzw. Kathrein als letzte Feste vor den mehrwöchigen Fastenzeiten (Vorösterliche Bußzeit und Advent).


Quelle: Pierre Centlivres: Die Übergangsriten heute. In: Handbuch der Schweizerischen Volkskultur. Hg. Paul Hugger. Zürich 1992. S. 223.

Bild: Hochzeit - ein klassisches Übergangsrital. Postkarte Anfang 20. Jh. Gemeinfrei