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Schlange#

Schlange

In vielen Mythen findet sich die Schlange, oft als Symbol der Ewigkeit. In der Bibel kommt sie 61 mal vor, am bekanntesten in der Genesis als Verführerin: "Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?" (Gen 3) 

Das Reptil findet sich in vielen Kulturen. Es hütet nicht nur den Baum der Erkenntnis im Paradies, sondern auch den Goldapfelbaum der Hesperiden (Nymphen der griechischen Mythologie). Medusa war eine Gorgone, die Tochter der Meeresgottheiten. Pallas Athene verwandelte sie in ein geflügeltes Ungeheuer mit Schlangenhaaren. Ihr Anblick ließ jeden zu Stein erstarren. Im Hain des Apoll und auf der Akropolis hielt man Schlangen zu Ehren der Pallas Athene. Der Heilgott Asklepios wurde mit der Schlange dargestellt, da man annahm, sie verjünge sich bei der jährlichen Häutung. Der Äskulapstab wurde zum Symbol der Heilkunst. Überall wo die Römer Heilbäder errichteten, verbreiteten sie dieses Symbol, das heute Apotheken kennzeichnet. Die eddische Midgard-Schlange zählt zu den Urhebern des Weltunterganges. Die nordische Hölle (Nastrand) ist aus Schlangen gebaut, deren Gift von den Wänden tropft. In Irland gibt es keine Schlangen, nach der Überlieferung hat sie der heilige Patrick von der Insel vertrieben. Schlangensegen sind seit der Antike bekannte Sprüche, um die Reptilien bzw. ihren Biss unschädlich zu machen. In christlicher Ausformung berufen sie sich auf Jesus, Maria oder Petrus.

Auf Darstellungen finden sich Schlangen quer durch die Zeiten und Kulturen, auf Gräbern, Schildern, Helmen, als Schmuck und Amulett, Dekoration in mittelalterlichen Evangelienbüchern, Alltagsgegenständen und Musikinstrumenten. Ein Beispiel dafür ist die Trossinger Leier, eine sechssaitige Lyra aus einem alamannischen Adelsgrab des 6. Jahrhunderts. Beide Seiten des aus Ahornholz hergestellten Instruments sind mit schlangenartigen Flechtband-Ornamenten versehen, die mit den Tonhöhen in Zusammenhang stehen.

Wegen ihres auffallenden Aussehens und der Giftigkeit vieler Arten waren Schlangen mit abergläubischen Vorstellungen verbunden. Als dämonisches Tier verkörpert die Schlange Ahnen, gute oder böse Geister. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens unterscheidet zwischen Anschauungen und Handlungen, die von der Schlange ausgehen (z.B. Essen von Schlangenfleisch als Verjüngungsmittel oder zum Erwerb geheimen Wissens) und Zauber, der an ihnen ausgeübt wird (z.B. Schlangenbeschwörung). Teile wurden medizinisch verwendet und stellten 1820 in Frankreich "einen wichtigen und nützlichen Handelszweig" dar.

Negative Phantasien verbinden sich mit schlangenähnlichen Ungeheuern wie Stollenwurm (mit Katzenkopf und Krone), Tatzelwurm (vierfüßig), Drache (geflügelte Schlange) bzw. Lindwurm, Basilisk (Schlange und Kröte). Manchmal wird das Reptil positiv gesehen. Jesus sagte zu seinen Jüngern: "Seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!" (Mt 10,16). Die Hausschlange sollte Glück bringen. Man meinte, dass sie als guter Hausgeist unter den Schwelle niste und das Haus beschütze, daher wurde sie gepflegt und gefüttert. Sagen handeln von der Schlangenkrone und dem Schlangenstein (ein Edelstein, der in ihrem Kopf entsteht), Verwandlung, Erlösung, Kämpfen und der Schlange als Teufelstier.

Redensarten lauten z.B. "Eine Schlange am Busen nähren" (jemandem zu Unrecht trauen), "sich winden wie eine Schlange" (Ausreden suchen), "die Schlange am Schwanz fassen" (keine Gefahr scheuen), "Schlange stehen" (in einer Reihe warten müssen), "die Schlange, die sich in den Schwanz beisst" (eine Sache, die kein Ende nimmt), "Schlangenfraß" (ungenießbare Speise), "Schlangengrube" (Intrigante Gesellschaft). 


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S.709 f.
Arthur Haberlandt: Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs. Wien 1953. Bd. 1/S. 97
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1936/1987. Bd. 7/Sp. 1114 f.
Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg/Br. 1992. Bd. 3/S. 1357 f

Bild: Adam, Eva und die Schlange. Aus der Bibel von J. Dietenberger. Mainz 1534