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Schultüte#

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Als sichtbares Zeichen eines neuen Lebensabschnitts tragen Schulanfänger die Schultüte, ein halbmeterhohes buntes Gebinde, das mit Schulsachen und Süßigkeiten gefüllt ist. Der Brauch hat Parallelen zu älteren Gewohnheiten, den Kindern den Schulbeginn oder die Geburt eines Geschwisterchens mit Näschereien schmackhaft zu machen.  Als Zitat des römischen Dichters Horaz (65 - 8 v. Chr.) ist überliefert: "Den Knaben geben freundliche Lehrer erst Brezel, damit sie willig die Anfangsgründe des Wissens lernen". Darauf bezieht sich der Humanist Johannes Butzbach (1477-1516), dem seine Tante ebenfalls Brezeln schenkte, um ihm Freude an der Einschulung zu machen. Damals war es üblich, dass die Schüler am Gregoriustag (12. März) von Haus zu Haus gingen und die Eltern fragten, ob sie Buben in die Schule geben wollten. Stimmten sie zu, schloss sich das Kind dem Umzug an. Der Schulbesuch, im Mittelalter eine Voraussetzung zum Priesteramt, blieb lange Zeit der männlichen Jugend vorbehalten. Erst 1774 führte Kaiserin Maria Theresia die sechsjährige Unterrichtspflicht für Österreich und die Kronländer ein, sie wurde 1869 auf acht Jahre ausgeweitet.

Der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt, schrieb 1977: "Im 19. Jahrhundert scheint sich in Mitteldeutschland die Schultüte, die mit Süßigkeiten gefüllte Zuckertüte … in den Schulbrauch begeben zu haben. … Dieser Brauch, die Neulinge durch Süßigkeiten an die Schule zu gewöhnen, ist besonders in Mittel- und Norddeutschland lebendig geblieben. Die Großstädte haben den Brauch allmählich auch nach Süddeutschland und nach Österreich verbreitet." (Brauch ohne Glaube, 305) 1810 hiess es in Sachsen, dass "kleinen Menschen der Abschied vom Elternhaus mit einer 'Zuggodühde' versüßt" wurde. 1817 erhielt ein Schüler in Jena "eine mächtige Tüte Konfekt" zur Einschulung. 1852 erschien in Dresden das "Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen." 1920 erschien das Bilderbuch "Der Zuckertütenbaum". Der Zuckertütenbaum wächst im Schulkeller. Seine Früchte sind reif, wenn die Kinder schulreif sind, und dass diese dann ernten dürfen. Nach anderen Angaben gab es in der Schule ein Gestell, an dem die von den Eltern vorbereiteten Tüten aufgehängt und von den Kindern weggenommen wurden.

Ein literarisches Zeugnis gibt Erich Kästner (1899-1974) von seinem Schuleintritt in Dresden 1905: Nach mehr als einem halben Jahrhundert erinnerte er sich noch genau an ein dramatisches Erlebnis. "Die Eltern standen, dichtgedrängt, an den Wänden und in den Gängen, nickten ihren Söhnen ermutigend zu und bewachten die Zuckertüten. … Meine Zuckertüte hättet ihr sehen müssen! Sie war bunt wie hundert Ansichtskarten, schwer wie ein Kohleneimer und reichte mir bis zur Nasenspitze! … Ich trug meine Tüte wie eine Fahnenstange vor mir her. … Es war ein Triumphzug. Die Passanten und Nachbarn staunten. Die Kinder blieben stehen und liefen hinter uns her…" Als der kleine Erich einer befreundeten Geschäftsfrau sein Geschenk zeigen wollte, stolperte er über die Stufe zum Laden, "und dabei brach die Tütenspitze ab! … Ich stand bis an die Knöchel in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldenen Maikäfern. … Welch ein Überfluss! Und ich stand mittendrin. Auch über Schokolade kann man weinen …"

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In Österreich fand das Kindergeschenk 1938 Eingang, der zweite Schub erfolgte in der Wohlstandswelle der fünfziger Jahre. Inzwischen ist die Gabe auch hierzulande allgemein üblich. In Anbetracht von 81.000 Taferlklasserln (2015) ist auch der wirtschaftliche Faktor nicht zu unterschätzen. 2012 wurden (bereits zum 16. Mal)100.000 Ö3-Schultüten an Erstklassler in ganz Österreich verteilt. Die Kinder bekamen, neben den traditionellen Süßigkeiten, ein Lineal, einen Stundenplan, einen biegbaren Bleistift, eine Kinder-Zahnbürste sowie Gutscheine für Schulartikel und eine gesunde Jause. An manchen Wiener Schulen erhalten Lehrer/innen eine kleine Tüte von Kollegen/innen oder Familienangehörigen als Präsent. Analog dazu wurden als Marketingaktionen Samplingprodukte für verschiedene Zielgruppen entwickelt. So gibt es alljährlich 50.000 Welcome bags - "die Schultüte für Studenten", 100.000 Fahrschulboxen, 75.000 Storchennestbeutel, 70.000 School goodie bags für Oberstufenschüler, Warenproben für Kindergartenanfänger etc.


Quellen: 
Hermann Bausinger: Volkskunde. Darmstadt 1971. S. 138 f.
Leopold Schmidt: Brauch ohne Glaube. Würzburg - München 1977. S. 307
Ö3
Hunde-Schultüte
Brauchwiki


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