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Sommerfrischler, Anfang 20. Jh. Archiv Wolf
Sommerfrischler, Anfang 20. Jh. Archiv Wolf

Die Sommerfrische entstand in Niederösterreich im Rax-Semmering-Gebiet. 1758, ein halbes Jahrhundert vor der ersten touristischen Modewelle, kaufte ein Wiener Neustädter Bürger ein Landhaus mit Garten in Payerbach. Der Grund dafür klang damals höchst eigenartig: Jacob Anton Perthold erwarb das, malerisch auf einem Felsen an der Schwarza gelegene, Anwesen, um sich und den Seinigen "dann und wannige Luftveränderung" zu verschaffen.

Der Zeitgeist der Romantik und des Biedermeier trieb (Fuß-)Reisende in die "Gebirgsgegenden um den Schneeberg". Bald erleichterten gedruckte Reiseführer den Weg "zurück zur Natur". So schrieb der Beamte und Wissenschaftsjournalist Adolf Anton Schmidl über Reichenau, dieses sei Reisenden "welche einen größeren Aufwand von Zeit und Auslagen nicht scheuen" als Stützpunkt zur Besteigung des Schneebergs zu empfehlen, da man hier "treffliche Unterkunft" fände. Schmidls Hauptwerk, der dreibändige Führer "Wiens Umgebungen auf 20 Stunden im Umkreis" erfuhr mehrere Auflagen und Übersetzungen.

Bald nach dessen Erscheinen (1835-1839) bahnte sich eine ganz neue Form der Landschaftsentdeckung an. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Wien - Gloggnitz, 1842, kamen die Wiener nun scharenweise mit dem Zug in die "Gebirgsgegenden". Allein am Pfingstsonntag 1850 zählte man 10.000 Passagiere. Der Wochenendtourismus war geboren - und damit Bedarf an Fuhrwerken, Verpflegung und Unterkünften.

Wie Richtung Süden, weckte auch nordwärts die Bahn eine Region aus ihrem Dornröschenschlaf. Seit 1870 fuhr die Franz-Josefs-Bahn zwischen Wien und Prag. Sie verdankte ihren Bau wirtschaftlichen Interessen - sie sollte Steinkohle aus dem Pilsener Becken in die Haupt- und Residenzstadt transportieren - brachte aber bald auch Kurgäste nach Karlsbad und Marienbad. Vom Waldviertel aus sollte eine "Flügelbahn" über Zwettl zum Donautal führen und der Holzwirtschaft wie auch dem Fremdenverkehr Vorteile bringen.

Das Kamptal profitierte besonders vom frühen Tourismus. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch eine eigene Bahnstrecke erschlossen, wurde es zur "gutbürgerlichen Sommerfrische". Die Orte am Kamp erreichte man in drei Stunden, um 1890 fuhren in jede Richtung täglich mindestens drei Züge. Die neue Infrastruktur und ihre Folgen änderten das Leben der ansässigen Bevölkerung. Wenn die "Fremden" kamen, überließen viele Einheimische ihre Wohnungen für eine Saison den zahlenden Gästen, während sie selbst in einer Dachkammer hausten. Gaststätten mit Fremdenzimmern und Hotels entstanden.

Die Sommerfrischler kamen im Juni oder Juli mit großem Gepäck, samt ihren Dienstboten und Haustieren. Für Mütter und Kinder war es eine Übersiedlung auf Zeit. Die Väter, die in Wien arbeiteten, kamen am Wochenende zu Besuch. Es gab sogar einen einen eigenen "Busserlzug", so genannt nach der Begrüßung bzw. dem Abschied der männlichen Passagiere. Der Zug fuhr am Samstag um 15.15 Uhr von Wien ab, hielt in allen Stationen und war gegen 18 Uhr in Horn. Retour ging es am Sonntag um 19.55 und vor 23 Uhr erreichten die Familienoberhäupter wieder Wien.

Nobelgäste mieteten sich auf dem Semmering ein. 1882 war das Südbahnhotel fertiggestellt. Neben dem Hotel mit 60 Zimmern zählten dazu ein Restaurant - "dort dinieren Grafen und Fürsten und wer sonst mag, so gut wie bei Sacher" -, ein eigenes Post- und Telegrafenbüro, drei Villen als Dependence, Touristenhäuser mit 90 Zimmern und eine Veranstaltungshalle. 1888 entstand das Hotel Panhans, das sich zum größten des Alpenraumes entwickelte, und zu dem ebenfalls einige Villen gehörten, die der High Society standesgemäßen Aufenthalt ermöglichten.

Wohlhabende Schichten bauten in den Gegenden, die sie wegen ihrer Erholungsqualität schätzten, eigene Villen. Die Architektur der Sommerfrische - historistische Schweizerhäuser - zeichnete sich durch Holzzierat, Türmchen und Veranden aus. Die Besitzer gaben ihren Häusern romantisch klingende Namen, wie "Villa Waldesruh". Der Architekt Adolf Loos (1870-1933) wandte sich gegen den Heimatstil. Er schrieb 1913: "Baue nicht malerisch. überlasse solche wirkung den bauern, den bergen und der sonne. Der mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein hanswurst. Der bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es."


Quellen:
Ausstellungskatalog "Die Eroberung der Landschaft", Gloggnitz 1992
Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992-1997. Bd. 5 / S. 247
Susanne Hawlik: Sommerfrische im Kamptal. Der Zauber einer Flusslandschaft. Wien 1995
Robert Pap: Wiedergefundenes Paradies. Sommerfrischen zwischen Reichenau und Semmering. St. Pölten 1996
Eva Pusch - Mario Schwarz: Architektur der Sommerfrische. St. Pölten 1995
Alfred Wolf: Die Franz-Josefs-Bahn und ihre Nebenlinien. Erfurt 2008