unbekannter Gast

Helga Maria Wolf

Sommerfrische#

Adelige hatten seit jeher ihre Sommerresidenzen, Stadt- und Gartenpalais, die sie der Jahreszeit gemäß bewohnten. Bürgerliche Schichten entdeckten im Biedermeier die Reize der Natur. Der Zeitgeist der Romantik trieb (Fuß-)Reisende in die "Gebirgsgegenden um den Schneeberg". Bald erleichterten gedruckte Reiseführer den Weg "zurück zur Natur". So schrieb der Beamte und Wissenschaftsjournalist Adolf Schmidl (1802-1863) über Reichenau an der Rax (Niederösterreich), dieses sei Reisenden "welche einen größeren Aufwand von Zeit und Auslagen nicht scheuen" als Stützpunkt zur Bergbesteigung zu empfehlen, da man hier "treffliche Unterkunft" fände. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Wien - Gloggnitz, 1842, kamen die Wiener scharenweise mit dem Zug in die "Gebirgsgegenden". Allein am Pfingstsonntag 1850 zählte man 10.000 Passagiere. Der Wochenendtourismus war geboren.

Wie Richtung Süden, weckte auch nordwärts die Bahn eine Region aus ihrem Dornröschenschlaf. Seit 1870 fuhr die Franz-Josefs-Bahn zwischen Wien und Prag. Sie verdankte ihren Bau wirtschaftlichen Interessen - sie sollte Steinkohle aus dem Pilsener Becken in die Haupt- und Residenzstadt transportieren - brachte aber bald auch Kurgäste nach Karlsbad und Marienbad. Vom Waldviertel aus sollte eine "Flügelbahn" über Zwettl zum Donautal führen und der Holzwirtschaft wie auch dem Fremdenverkehr Vorteile bringen. Die spätere Weltkulturerbe-Region Wachau erhielt am linken Donauufer eine bei Ausflüglern beliebte Bahnstrecke, deren Stationen bis heute bekannte Sommerfrischenorte sind. Die romantische Stromlandschaft wurde von den Lokalschiffen der DDSG befahren, und mancher Passagier kam als Urlauber wieder. Die neue Infrastruktur und ihre Folgen änderten das Leben der ansässigen Bevölkerung. Wenn die "Fremden" anreisten, überließen viele Einheimische ihre Wohnungen für eine Saison den zahlenden Gästen, während sie selbst in einer Dachkammer hausten. Gaststätten mit Fremdenzimmern und Hotels entstanden.

Die Sommerfrischler kamen in den Schulferien mit großem Gepäck, samt ihren Dienstboten und Haustieren. Für Mütter und Kinder war es eine Übersiedlung auf Zeit. Die Väter, die in Wien arbeiteten, kamen am Wochenende zu Besuch. Im Kamptal (Niederösterreich) gab es eigene Verkehrsverbindungen, die "Busserlzüge", so genannt nach der Begrüßung bzw. dem Abschied der männlichen Passagiere. Der Zug fuhr am Samstagnachmittag von Wien ab, und erreichte bis zum Abend sämtliche Sommerfrischenorte an der Strecke. Sonntagabend ging es wieder zurück in die Hauptstadt. Die Frauen und Mütter spielten eine andere Rolle als daheim, äußerlich erkennbar am "Kostüm". Die Sommerfrischlerinnen trugen Dirndl mit Strohhut. Auch die Kinder waren entsprechend eingekleidet, doch wie man hört, wurden sie nie zu echten Spielkameraden der bäuerlichen Altersgenossen. Nicht zuletzt, weil diese in der Erntezeit nach Kräften mitarbeiten mussten.

Nobelgäste mieteten sich auf dem Semmering ein. 1882 war das Südbahnhotel fertig gestellt. Neben dem Hotel mit 60 Zimmern zählten dazu ein Restaurant - "dort dinieren Grafen und Fürsten und wer sonst mag, so gut wie bei Sacher" -, ein eigenes Post- und Telegrafenbüro, drei Villen als Dependance, Touristenhäuser mit 90 Zimmern und eine Veranstaltungshalle. 1888 entstand das Hotel Panhans, das sich zum größten des Alpenraumes entwickelte, und zu dem ebenfalls einige Villen gehörten, die der High Society standesgemäßen Aufenthalt ermöglichten.

Wer es sich leisten konnte, baute in den Urlaubsgegenden seine eigene Villa mit spezifischer Architektur. Für die unter Verwendung von Holzzierat, Türmchen und Veranda an die Cottage-Siedlungen erinnernden Bauten wurden die Begriffe Heimatstil oder Schweizer Stil geprägt. Je gesellschaftlich hochstehender der Bauherr, umso prächtiger geriet der Landsitz. In Reichenau an der Rax entstand in der Gründerzeit die Villa Wartholz für Erzherzog Carl Ludwig. Dem Bruder Kaiser Franz Josephs "tat die alpenfrische, tannenduftende Luft des Höllenthales überaus wohl".

Die kaiserliche Sommerfrische war Bad Ischl. Franz Joseph schrieb als 15 jähriger Kronprinz seiner Mutter: „Oh, wie sehne ich mich nach dem lieben, lieben Ischl.” Sie erwarb dort nach seiner Verlobung mit Prinzessin Elisabeth von Bayern 1853 für das junge Paar eine Biedermeiervilla. Diese wurde umgebaut, wobei die dem Park zugewandte Seite einen repräsentativen Eingang erhielt. Durch den Zubau von zwei Seitenflügeln entstand der Grundriss in Form des Buchstabens "E" - wie Elisabeth.

Die Sommerresidenz und die landschaftlichen Schönheiten zogen wohlhabende Gäste an. Bis heute prägt der Fremdenverkehr das Salzkammergut. Zur Tourismusregion Salzkammergut zählen 52 Gemeinden in den Bundesländern Oberösterreich (72 %), Steiermark (16 %) und Salzburg (12 %). Und bis heute gilt, was Meyers Konversations-Lexikon, 1888 feststellte: „Es ist landschaftlich einer der schönsten Teile der Deutschen Alpen, mit lieblichen, lachenden Gegenden, freundlichen Städtchen und Schlössern, großartigen Gebirgskesseln mit dunkelgrünen Seen, tosenden Bächen, hochragenden Bergriesen, von denen sich Gletscher herabziehen.“

Erschienen in der Zeitschrift "Granatapfel", 6/2013