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Spiegel#

Spiegel

In der Antike dienten polierte Scheiben aus Kupfer, Bronze, Silber oder Gold als Handspiegel, deren Rückseite Verzierungen trug. Wandspiegel waren aus undurchsichtigen Glasplatten. Im Mittelalter begann man in Deutschland, größere Spiegel mit Blei- oder Zinnamalgam zu belegen. Gegossene Glaspiegel in größeren Formaten kamen ab dem 17. Jahrhundert vor allem aus Venedig. Mit verzierten Rahmen waren sie zugleich funktionell und dekorativ. 

Die Hinterglasmalerei nützte die Wirkung spiegelnder Flächen für den Hintergrund. Hingegen galt der Gebrauch des Spiegels in Vorarlberg als "hoffärtig", daher versteckte man diesen in einem doppelten Rahmen hinter einem Heiligenbild. Spiegel wurden auch im Zauber, als Amulett und Orakel verwendet. Das Zerbrechen bedeutet Unglück, da mit dem Abbild auch das "Urbild" dessen, der hineinblickt, zugrunde ginge. Weit verbreitet war der Brauch, im Sterbezimmer den Spiegel zu verhängen, um vor dem unheilbringenden Wiedergänger sicher zu sein. Im Märchen vom Schneewittchen wird der Spiegel gefragt, wer "die Schönste im ganzen Land" sei. Die Schönperchten tragen hohe Aufbauten als Kopfschmuck, in deren Mitte Spiegel glänzen.

Im übertragenen Sinn bezeichnet "Spiegel" Werke mit pädagogischer oder moralischer Tendenz (Fürstenspiegel, als Rechtssammlung Sachsen- oder Schwabenspiegel). Der Beichtspiegel als Sündenregister diente der Vorbereitung auf das Sakrament. Spiegelfechterei war ein Scheingefecht zur eigenen Kontrolle, später bezeichnete man damit leeres Getue und Heuchelei.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S.754
Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg/Br. 1992. Bd. 3/S. 1499

Bild: Venetianer Spiegel, 19. Jahrhundert. Foto: Helga Maria Wolf